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Trompeten-Glanz und Orgel-Gloria

Kirchenkonzert in Potsdam Trompeten-Glanz und Orgel-Gloria

Der Trompetenvirtuose Ludwig Güttler tritt am 17.2. gemeinsam mit Organist und Cembalist Friedrich Kircheis in der Potsdamer Erlöserkirche auf. Anlässlich des Konzertes verriet er der MAZ, was er über die Dresdener Pegida, historische Aufführungspraxis und das applaudierende Publikum denkt.

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Ein eingespieltes Duo: Ludwig Güttler (hinten) und Friedrich Kircheis spielen seit Jahrzehnten zusammen.

Quelle: foto: Juliana Najankuo

Potsdam.
Grippeviren machen auch um Musiker keinen Bogen. Besonders beeinträchtigen sie die Bläser, die auf freie Atemwege angewiesen sind. Der Trompeter Ludwig Güttler musste daher sein Konzert in Potsdam verschieben und tritt nun am 17.2. in der Erlöserkirche auf.

Normalerweise ist der umtriebige Musiker topfit. Rund hundert Konzerte gibt er im Jahr – mit einem Instrument, das die Kondition eines Leistungssportlers verlangt. Außerdem dirigiert er, leitet verschiedene Ensembles und Festivals, betreibt musikhistorische Forschungen und äußert sich zu kulturpolitischen Themen.

Schlechte Medienberichterstattung über Pegida

Über Pegida & Co. möchte der heimatverbundene Dresdener allerdings nicht mehr sprechen. „Die Fernsehkameras waren nur bei den dreihundert Krakeelern“, beklagt er. „Die dreitausend friedlichen Bürger, die sich dem braunen Unwesen entgegen stellen, kommen in den Medien kaum vor.“

Derzeit richten sich die Fernsehkameras ausgerechnet auf den Vorplatz der Dresdener Frauenkirche, wo Pegida-Anhänger gegen eine Installation des deutsch-syrischen Künstlers Manaf Halbouni protestieren. Die Frauenkirche ist Güttlers Lebenswerk. Durch seinen hartnäckigen Einsatz für ihren Wiederaufbau wurde er ebenso bekannt wie mit seinem Trompetenspiel. In der Frauenkirche beging Güttler 2013 seinen 70. Geburtstag. Am Festkonzert war auch der Organist Friedrich Kircheis beteiligt, der bereits seit den Siebzigern mit Güttler im Duo musiziert. Außerdem spielt er das Cembalo in Güttlers verschiedenen Ensembles.

Ludwig Güttler feierte 2013 seinen 70

Ludwig Güttler feierte 2013 seinen 70. Geburtstag in der Dresdener Frauenkirche, für deren Wiederaufbau er sich stark machte.

Quelle: Juliane Najankuo

Ein Kavaliersdelikt für den internationalen Erfolg?

In der DDR unternahmen die beiden – damals tollkühne Mittdreißiger – ein Husarenstück, um die internationale Karriere anzukurbeln: Vor den Augen der Briefzensur fingierten sie Konzertanfragen aus Westdeutschland, für die sie etwa den Briefkopf der Bielefelder Volkshochschule verwendeten. Die Rechnung ging auf: Die beiden durften fortan häufiger im Westen spielen.

Güttler und Kircheis tourten aber auch durch die DDR und nahmen Schallplatten für das Label Eterna auf, die für 12,10 Mark eher unter als über den Ladentisch verkauft wurden. Die Aufnahmen entstanden zumeist an der Orgel des Magdeburger Doms, in der Erfurter Predigerkirche oder an sächsischen Silbermann-Orgeln.

Kritik an den Verfechtern der historischen Aufführungspraxis

Um die Konzertprogramme nicht allein mit Bach, Händel und Telemann zu bestücken, stöbert Güttler in Bibliotheken und Archiven. Mittlerweile hat er etliche Komponisten aus der Versenkung geholt. Besonders liegt ihm dabei die sächsische Hofmusik am Herzen, deren Blütezeit unter August dem Starken begann. Bei seinen Auftritten wechselt Güttler zwischen Trompete und Corno da caccia, zu deutsch: Jagdhorn. „Letzteres wurde ursprünglich bei der Jagd, als Posthorn und beim Abblasen vom Kirchturm verwendet“, erklärt der Musiker. „Im frühen 18. Jahrhundert kam es in die Kunstmusik, wo es durch seinen weicheren Klang einen schönen Kontrast zur durchdringenden Trompete bildet.“ Güttler hat auch mit Instrumentenbauern zusammengearbeitet, um das Jagdhorn mit Ventilen auszustatten. Es spielt sich nun geschmeidiger, ähnelt aber klanglich trotzdem den alten Instrumenten.

Verfechtern der historischen Aufführungspraxis sind derlei Zwitter ein Gräuel. Doch Güttler betrachtet die Dogmen der Szene mit großer Skepsis. „Dass nur die angeblich historisch korrekt aufgeführte Musik authentisch klingt – diese Aussage führt in die Irre“, meint er. „Unsere Hörgewohnheiten sind heute andere. Die Jahrhunderte dazwischen können wir nicht einfach negieren.“

Er selbst klingt allerdings manchmal, als würde er die vergangenen Jahrzehnte negieren: Der Trompeter ist mit seinem satt glänzenden, obertonreichen Klang dem pathetischen Barockstil der Achtziger treu geblieben.

Musik muss der gesellschaftlichen Verrohung entgegenwirken

Ein wenig altmodisch – jedoch auf höchst sympathische Weise – wirkt auch sein Glaube an die Kraft der Musik, der gesellschaftlichen Verrohung entgegen zu wirken. „Das kann gelingen, wenn die Hörer sich auf die Musik einlassen und deren Nachhall im Herzen erlauben“, sagt er. Nicht zuletzt deshalb bitten Güttler und Kircheis darum, in ihren Konzerten nicht zwischendurch, sondern erst am Schluss zu klatschen.

Von Antje Rößler

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