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Tschechische Reality-Show schickt Familie in Nazi-Zeit

Medien Tschechische Reality-Show schickt Familie in Nazi-Zeit

Drei Generationen einer Familie aus Tschechien ziehen fürs Fernsehen auf einen Bauernhof - aber nicht in eine Schwarzwald-Idylle, sondern in die grausame Nazi-Zeit.

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Die Familie am Esstisch in der Reality-TV-Serie «Urlaub im Protektorat». Foto: CT

Prag. Alles soll an den wirklichen Krieg erinnern: Lebensmittel gibt es unter deutscher Besatzung nur auf Zuteilung. Die primitive Hütte in den Bergen ist nicht mehr als ein Unterschlupf. Soldaten in Wehrmachts-Uniformen fallen über die Familie her. Und den Männern droht, zur Zwangsarbeit "ins Reich" verschleppt zu werden.

Das gewagte Reality-TV-Format "Urlaub im Protektorat" läuft seit neuestem zweimal in der Woche zur besten Sendezeit im Tschechischen Fernsehen (CT). "Willkommen in der Hölle" ist das unverblümte Motto der Serie. Die erste Folge sahen mehr als eine halbe Million Zuschauer - das entspricht einem Marktanteil von 16 Prozent. Schon vorab gab es heftige Diskussionen. Kritiker im Internet warnten vor Respektlosigkeit und mangelnder Ehrfurcht vor NS-Opfern.

"Es ist wie eine Fahrkarte in die Vergangenheit", sagt Mutter Ivana, die im richtigen Leben an einer Grundschule unterrichtet. Familienvater Miloslav arbeitet als Ambulanzfahrer. Gemeinsam antworteten sie auf eine Casting-Annonce. Bis zum Beginn der Dreharbeiten hatten sie keine Ahnung, worauf sie sich einlassen. "Sie wussten nicht, in welche Zeit es geht", erklärt Regisseurin Zora Cejnkova. Auch dabei: die beiden Söhne Marek und Kuba, Großeltern Jarmila und Jiri sowie Neffe Honza.

Ein gewöhnlicher Dokumentarfilm würde viele Zuschauer heute nicht mehr erreichen, meint die Erfinderin der Serie. "Ich habe nach einer anderen Möglichkeit gesucht, die Vergangenheit zu zeigen", sagt sie. Das Format sollte anders sein, aber nicht banal. "Es lohnt zu sehen, dass die Menschen, die vor uns gelebt haben, in sehr schwierigen Zeiten zurechtkommen mussten." Vorlage war für Cejnkova das Leben der eigenen Großeltern.

Die traumatischen Erfahrungen unter deutscher Besatzung sind in Tschechien bis heute sehr präsent. Auf dem Gebiet des von Hitler ausgerufenen "Protektorats Böhmen und Mähren" kam es von 1939 bis 1945 zu brutaler Unterdrückung. "Der Tscheche hat in diesem Raum letzten Endes nichts mehr verloren", wetterte der sogenannte Reichsprotektor Reinhard Heydrich im Oktober 1941. Mehr als 300 000 Menschen fielen bis zum Kriegsende der Vernichtungsmaschinerie und dem Terror der Nazis zum Opfer. Die meisten von ihnen waren Juden.

Kann eine Reality-TV-Show dem Ernst der Geschichte gerecht werden? Kritiker haben Zweifel. Die Zeitung "Lidove noviny" aus Prag meint, die ständige Todesgefahr der damaligen Zeit lasse sich einfach nicht künstlich nachbilden. "Die vielen dramatischen Szenen erinnern am ehesten noch an Amateurtheater", schreibt das Blatt.

Es sei ein interessanter Einfall, merkt die Zeitung "MF Dnes" an, beklagt aber mangelnde Spannung. "Ab der dritten Folge soll es wohl härter zugehen - bislang wirkt es eher wie eine Reklame für den Agrotourismus", meint deren Kritikerin. Wichtigstes Zugpferd sei die Großmutter, der deutschsprachige Ansagen aus dem Radio bis heute einen Schrecken einjagen würden.

Wenn die Familie bis zum Ende durchhält, lockt eine finanzielle Belohnung. Immerhin eine Million Kronen können die sieben Reality-TV-Mitspieler unter sich aufteilen. Das sind rund 36 000 Euro und in Tschechien viel Geld. Inspiration fanden die Produzenten des öffentlich-rechtlichen Senders im Ausland, bei "Wartime Farm" der britischen BBC oder der SWR-Sendung "Schwarzwaldhaus 1902".

Die Macher versprechen bis zum Finale starke Gefühle. Die Familie habe die Zeit "sehr intensiv" durchlebt, meint Cejnkova. Zwei harte Monate in einer abgelegenen Bergregion zu überleben heißt eben auch: kaltes Wasser aus dem Brunnen holen, die Kuh "Marina" regelmäßig melken, Hühner, Schweine und Kaninchen füttern. Ein "praktischer Leitfaden" erklärt den Teilnehmern alles Wichtige. Nur eines ist streng verboten: das tragbare Mikrofon abzunehmen.

dpa

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