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Udo Lindenberg rockt die DDR

Vor 30 Jahren Auftritt in Ost-Berlin Udo Lindenberg rockt die DDR

Für ihn wurde ein Traum wahr: Panikrocker Udo Lindenberg durfte am 25. Oktober 1983 in Ost-Berlin singen. Die echten Fans mussten draußen bleiben. Trotz guter Kontakte zu "Honni" sollte es sein einziger Auftritt im Arbeiter-und-Bauern-Staat bleiben.

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Quelle: dpa

Berlin. Roland Jahn mochte Udo Lindenbergs Musik schon lange – da war einer, der die Mauer nicht akzeptierte und „die Wiedervereinigung lebte“. Und der sich gleichzeitig so lässig und subversiv gab, dass er für rebellische Jugendliche in West wie Ost attraktiv sein musste. Zum glühenden Fan wurde Jahn aber erst durch das Lied „Rock ’n’ Roll-Arena in Jena“ von 1976. „Wenn die eigene Stadt auftaucht in einem Lied eines Sängers aus dem Westen, da hört man sehr genau hin“, sagt der heutige Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde. Jahn studierte damals in Jena, 1983 wurde er dort verhaftet und in den Westen abgeschoben. Im selben Jahr erfüllte sich für Udo Lindenberg der Traum, von dem er in „Rock’n’Roll-Arena in Jena“ gesungen hatte: „Ich würd so gerne bei euch mal singen/ meine Freunde in der DDR“.

Er wollte nur mal eben mit dem Sonderzug nach Pankow - und tatsächlich durfte Udo Lindenberg in Ostberlin spielen. 1983 im Palast der Republik. Jetzt gibt es in der Villa Schöningen in Potsdam eine Dauerausstellung über seinen legendären Auftritt. In der Bildergalerie sehen Sie wichtige Station aus dem Leben des Nuschel-Rockers.

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Am 25. Oktober 1983 trat Udo Lindenberg im Ost-Berliner Palast der Republik auf. Bei der Veranstaltung „Für den Frieden in der Welt“ sang u.a. auch US-Barde Harry Belafonte. Vier Lieder wurden Lindenberg zugestanden, darunter „Wozu sind Kriege da“. Den „Sonderzug nach Pankow“ hingegen hatten sich die Veranstalter verbeten. Lindenberg fügte sich. Er wollte seine frisch für das Jahr 1984 vereinbarte DDR-Tournee nicht gefährden. Die Arena in Jena schien endlich zum Greifen nah. Der Propaganda-Auftritt vor 4200 handverlesenen Gästen, darunter viele zuverlässige FDJ-Mitglieder im Blauhemd, war da ein notwendiges Übel.

Die echten Fans mussten draußen bleiben. Bis zu 1000 junge Leute zwischen 16 und 20 waren vor dem Palast versammelt. Sie riefen „We want Udo!“ und „Wir wollen rein!“ Karten gab es natürlich nicht mehr. Im Vorfeld wurden FDJ-Mitarbeitern bis zu 100 D-Mark für Udo-Tickets geboten.

Die Sicherheitsorgane waren vorbereitet. Es galt „Provokationen und negativ-feindliche Handlungen“ sowie „negative Sympathiebekundungen für den BRD-Sänger Udo Lindenberg“ zu verhindern, so steht es im Einsatzvermerk der Stasi.

„Volkspolizei und Stasi waren überall“, berichtet Nick Becker. Der Fotograf und Lindenberg-Fan, Sohn des ausgebürgerten Schriftstellers Jurek Becker, hatte sich an dem Abend auch auf den Weg zum Palast gemacht: „Es war klar, das dort etwas los sein würde.“ Als Becker ankam, hatte das Konzert längst begonnen. Im DDR-TV war eine „Live-Übertragung“ ab 20 Uhr angekündigt, doch die ersten Sänger betraten schon um 19 Uhr die Bühne.

Märkische Volksstimme vom 26.10.1983

Draußen gab es erste Rangeleien. Auf der einen Seite der Absperrgitter drückten die Jugendlichen, auf der anderen Seite die Uniformierten. Becker hielt mit seiner Kamera drauf – und wurde schon nach einer Viertelstunde verhaftet. Er solle „gezielt Sicherheitskräfte fotografiert“ haben – in der DDR eine Straftat. Schon öfter war Becker wegen seiner Fotos verhaftet worden. Er hatte sich angewöhnt, dann sofort den Film aus der Kamera zu reißen und dem Licht auszusetzen. Damit waren mögliche Beweise vernichtet.

Becker blieb dennoch die ganze Nacht in Gewahrsam. „In dieser Nacht habe ich den letzten Glauben verloren, dass die DDR zumindest rudimentär ein Rechtsstaat war“, sagt er heute. Die Jugendlichen in der Massenzelle seien immer wieder geschlagen, getreten, zusammengeknüppelt worden. Die Volkspolizisten gebärdeten sich wie „faschistische Schläger“, sagt Becker. „Die meinten, dass diese ganzen langhaarigen Asozialen mal richtig was in die Fresse kriegen müssen.“

Lindenberg galt den DDR-Kulturfunktionären mal als „pervertierter“ Repräsentant des Kapitalismus und „mittelmäßiger Schlagersänger“, mal als jemand, den man wegen seiner Sympathie für die westdeutsche Friedensbewegung auf die Ostseite ziehen könnte. Zwar durfte der „Sonderzug nach Pankow“ in der DDR nicht gespielt werden. Doch das „Friedenskonzert“ war ein Versuch, Lindenberg vor den Karren der SED zu spannen. „Wenn sie das geschafft hätten, wäre es ein richtiger Sieg gewesen“, sagt Nick Becker.

Doch letztlich zuckten die DDR-Oberen zurück. „Er war ein enfant terrible und unberechenbar“, so Becker. Im Palast entwischte Lindenberg vor dem Konzert seinen Bewachern und zeigte sich den Fans draußen. Und nach dem Konzert rief er „Weg mit allem Raketenschrott – in der Bundesrepublik und der DDR!“ Ein Lindenberg in der Arena in Jena – das wäre ein Albtraum für die Stasi geworden. Die Tournee fand nie statt.

Von Jan Sternberg

Udo Lindenberg: Das war 'ne echte Konfliktsituation

MAZ: Wie stark war die Nervosität beim Panikrocker an dem Tag?
Udo Lindenberg:Schon ziemlich, denn das war ja Grenzgängerei. Auf so einer Bühne, nur ein paar Sekunden zeitversetzt im DDR Fernsehen – für mich Schritte ins Niemandsland. Ich wusste nicht: Was haben die denn da für’n Publikum im Palast der Republik? Und dann sah ich drinnen nur Blauhemden und draußen die richtigen Fans – das war ’ne echte Konfliktsituation. Mir war klar: Ich muss da irgendwie raus. Also musste ich meine Bewacher austricksen.  

Was ja letztlich auch funktioniert hat ...
Lindenberg:Mit einem Trick: Wir gingen backstage und ich sagte, dass ich mal kurz für kleine Jungs müsste. Mein Controlletti meinte: „Ich muss auch.“ Da sind wir zusammen aufs Klo. Ich bin dann gerannt – nach draußen zu den echten Panikern auf’m Platz vorm Palast. Denen hab ich dann zugerufen: „Ey, wir haben den Vertrag für die Tournee durch die gesamte DDR in der Tasche!“ Darum ging’s mir ja im Wesentlichen.

Sind heute bei Panik-Konzerten noch Ost-West-Unterschiede?
Lindenberg:Ja, es ist überall heißes Panik-Fieber, aber im Osten ist das noch zusätzlich eine super-tiefe Verbindung. Ich war ja der einzige Sänger, der an diesem Wunsch, wieder zusammen zu sein, immer charmant drangeblieben ist. „Mädchen aus Ostberlin“, „Rock 'n' Roll-Arena in Jena“, „Der Sonderzug nach Pankow“ usw. – es gab ja etliche Songs von mir dazu.

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