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02:17 11.01.2016
Der Buchrestaurator Matthias Hageböck (l.) und der Rapper Volkan T Error sind zwei von sechs „Experten des Alltags“, die in dem biografischen Dokumentartheaterstück „Adolf Hiltler: Mein Kampf“ auftreten. Quelle: foto: dpa
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Berlin

„Dieser Morgen ist schön. Und ich? Sitze an meinem Schreibtisch und denke an Adolf Hitler. Mich plagen Gewissensbisse, weil ich Empathie empfinde, weil ich mich in seine Zeilen hineinfinden kann. Sobald ich ihn nicht dämonisieren kann, ist mir nicht wohl.“ Der Filmemacher Matthias Kessler hat einen Selbstversuch gestartet. 90 Jahre nach der Erstveröffentlichung von Hitlers „Mein Kampf“ und 70 Jahre nach dem Horror des Zweiten Weltkriegs liest er die autobiografische Bekenntnisschrift des gescheiterten Künstlers. Hitlers lyrisch-geschwollenen Welterklärungen und kruden Allmachtsfantasien gingen immerhin Millionen Deutsche auf den Leim.

Sein im Europa-Verlag erschienenes Lesetagebuch mit dem Titel „Eine Abrechnung“ spiegelt in erster Linie den Autor selbst. Kessler erschrickt, dass ihn Hitlers Kapitalismuskritik fasziniert. „Hat das wirklich er geschrieben? Das klingt, als ob es aus der Feder eines Kurt Tucholsky stammt“, kommentiert er eines der eingeblendeten Langzitate. Statt eine präzise argumentative Auseinandersetzung zu liefern, kreist er viel um die eigene Befindlichkeit, sein gegenwärtiges Umfeld, seine familiäre Herkunft. Mit Hilfe einer hinzugezogenen Kriminalpsychologin will er am Ende auch noch die narzisstische Persönlichkeit des „Führers“ und die Hitlerei im allgemeinen erklären – da nimmt er sich einfach zu viel vor.

Aber: Ist eine eingehende, missbilligende Lektüre des wirkungsgeschichtlich verhängnisvollen Textes wirklich an der Zeit, nur weil am 1. Januar 2016 die Urheberrechtsbindung auslief? Die Herausgeber einer kritischen Ausgabe von „Mein Kampf“ verfertigten 3500 Anmerkungen! Gegen das ambitionierte Editionsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte München werden viele Einwände vorgebracht. In der Süddeutschen Zeitung wetterte am Donnerstag der englische Germanist Jeremy Adler, hier würde „ein erbärmliches Machwerk eine Dignität erlangen, wie wir sie Homer und Platon, Bibel und Talmud zuordnen“.

Was meinen Sie?

Buch: Seit Freitag ist „Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition“ auf dem Markt, ediert vom Institut für Zeitgeschichte (1948 Seiten, 59 Euro).

Lieber Leser, wir fragen Sie: Soll Hitlers „Mein Kampf“ im Schulunterricht gelesen werden? Befürchten Sie, dass 70 Jahre nach Hitlers Tod noch eine Gefahr von dem Buch ausgeht?

Schreiben Sie uns Ihre Meinung an: Märkische Allgemeine, Friedrich-
Engels-Straße 24, 14473 Potsdam;
leserbriefe@MAZ-online.de oder auf www.facebook.com/MAZonline

„Im Grunde genommen bin ich dagegen, dem Text eine Bühne zu geben“, meint paradoxerweise auch Mattthias Hageböck. Er steht auf der Bühne im Berliner Hebbeltheater Hau 1 und ist eine von sechs Ich-Figuren in der Dokumentar-theaterproduktion „Adolf Hitler. Mein Kampf“. Das Regiekollektiv Rimini Protokoll stellt in bewährter Weise Leute wie diesen Buchrestaurator ins Scheinwerferlicht. Er ist deshalb ein „Experte des Alltags“, weil er weiß, wie Bücher das Zeitliche segnen. Denn die zwölf Millionen Exemplare von Hitlers Kampfschrift können sich seit Mai 1945 doch nicht einfach in Luft aufgelöst haben! Wurden sie verbrannt, vergraben, in feuchten Kellern versteckt oder auf der Toilette entsorgt?

Hageböck zur Seite steht Alon Kraus, ein Rechtsanwalt aus Israel. Er ist er einzige in der Runde, der dem Stil des Buches etwas abgewinnen kann. Der Querkopf erzählt, wie er dank einer hebräischen Übersetzung eine persönliche Krise überwand und mit „Mein Kampf“ deutsch lernte. Deutsche Couchsurferinnen lässt er in Tel Aviv neben seiner Sammlung antisemitischer Bücher übernachten.

Dramaturgisch geschickt verschachtelt lässt Rimini Protokoll die sechs behutsam ausgesuchten Akteure ihre Geschichten erzählen. Sibylla Flügge hat ihrer Mutti 1965 als 14-Jährige ein besonderes Weihnachtsgeschenk gemacht. Das Papier wird auf der Bühne aufgerissen, während der türkische Rapper Volkan T Error auf der Elektro-Saz „Stille Nacht, heilige Nacht“ intoniert. Das Geschenk entpuppt sich als Abschrift der „interessantesten Stellen“ aus „Mein Kampf“. Am Ende liest die heutige Professorin den Abschiedsbrief ihrer ideologisch verwirrten Schwester vor, die als RAF-Kämpferin in den Untergrund geht.

„,Hit-ler’ – das bedeutet auf türkisch ,Best of’“, lacht der bullige, tätowierte Musiker und zeigt einen Hitler-Manga, den er vor Jahren in Istanbul gekauft hat. Die Motive werden an eine große Regalwand geworfen, in der neben Hitler-Büchern aus aller Welt auch allerlei Krimskrams steht. Der blinde Radiotalker Christian Spremberg liest mit beiden Händen besonders entsetzliche oder komische Sätze aus einem Exemplar von „Mein Kampf“ in Blindenschrift vor.

Die Theatershow stellt keine eitlen Menschen aus. Sie zeigt, wie sich unaufgeregt und differenziert, klug und ergreifend über ein offenbar ewiges Thema reden lässt.

Theateraufführung: „Adolf Hitler. Mein Kampf“: 9.1., 20 Uhr,, 10.1., 17 Uhr, HAU 1 (Hebbeltheater), Stresemannstraße 29, Berlin-Kreuzberg.

Von Karim Saab

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