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Kultur Unbelehrbare DDR-Erzieherin rechtfertigt Zwangsmaßnahmen
Nachrichten Kultur Unbelehrbare DDR-Erzieherin rechtfertigt Zwangsmaßnahmen
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17:53 11.09.2018
Jugendwerkhof Torgau. Quelle: Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau
Potsdam

Als ich im Jahr 2008 zu meinem Roman „Weggesperrt“ über den Geschlossenen Jugendwerkhof (GJWH) recherchierte, fielen mir in der Gedenkstätte in Torgau auch die Akten mit den „besonderen Vorkommnissen“ auf. Da ging es um Suizide, einen Fluchtversuch mit tödlichem Ausgang und um einen Vorfall im Juli 1989, der furchtbarer kaum sein kann: Vier Jugendliche, die flüchten wollen, verabreden mit einem Jungen, der offenbar Suizid begehen möchte, einen Mord. Das Opfer stellt sich seinen Zellenkameraden zur Verfügung, ist bereit, sich von ihnen umbringen zu lassen. Er sieht in seinem Leben keinen Sinn mehr. Wenn der Erzieher wegen des Notfalls in die Zelle kommt, soll dieser überwältigt werden und dann wollen die anderen abhauen.

Die Jugendlichen versuchen die Tat auszuführen, befestigen ein Bettlaken am Heizkörper, legen die Schlinge um den Hals. Das Vorhaben misslingt zum Glück, die vier Jungen werden wegen des Mordversuchs und Beihilfe verurteilt, das Opfer überlebt, bekommt keine psychologische Betreuung, sondern bleibt bis September in Torgau. Wenige Kilometer entfernt, beginnen in Leipzig die Montagsdemos.

Umerziehung durch Essenentzug und Drill

Während im Sommer ’89 Tausende DDR-Bürger in den Westen fliehen, herrscht im Jugendwerkhof Torgau noch der alltägliche Wahnsinn, der seit der Gründung 1964 nahezu unverändert blieb. Jugendliche ab 14, die als „schwer erziehbar“ gelten, sollen durch eiserne Disziplin, harte Arbeit, Drillsport bis zur völligen Erschöpfung, Strafen wie Einzelarrest, Essensentzug und Schikanen zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ in diesem Zuchthaus der DDR-Jugendhilfe (mit düsterer Vor- und NS-Geschichte), umerzogen werden. Schon in den ersten drei Tagen Aufenthalt versucht man mit System den Willen des Jungen oder des Mädchens zu brechen. Dazu gehören oft ein „Empfang“ mit körperlicher Gewalt durch einen Erzieher oder eine Erzieherin, außerdem eine Leibesvisitation, die alle Schamgrenzen überschreitet, das Abschneiden der Haare, die Desinfektion, die völlige Isolation in einer Zelle, in der es außer einer Pritsche, einem Hocker und einem Eimer für die Notdurft nichts gab.

Ich lernte durch die Recherche und spätere gemeinsame Lesereisen immer mehr Betroffene und ihre Geschichten kennen. Auch wenn sie zu unterschiedlichen Zeiten in der Disziplinareinrichtung waren, erlebten alle den Schock der drastischen Umerziehungsmaßnahmen – bis heute ist ihr Leben von diesen Erlebnissen geprägt.

Mich berührten und berühren diese Schicksale und ich weiß, dass der Satz des Zeitzeugen Stefan Lauter „Torgau ist lebenslänglich!“ keine Übertreibung ist.

Suizidversuche sind keine Seltenheit

Eine Flucht aus dem GJWH Torgau war nicht möglich. Dafür sorgten die Gitter vor jedem Fenster, die Gitter zwischen den einzelnen Etagen, eine hohe Mauer mit Stacheldraht, Schäferhunde an Laufleinen, der Direktor, die Erzieher und nicht zuletzt die Verantwortliche „Volksbildungsministerin“ Margot Honecker.

Für jede noch so kleine Verfehlung werden in Torgau Strafen verhängt. Oft wird die ganze Gruppe für die vermeintlichen Fehler eines einzelnen bestraft. Solidarität untereinander gibt es kaum. Jeder kämpft für sich allein. Manche geben auf – sie halten dem Druck nicht stand. Suizidversuche sind keine Seltenheit. Obwohl oder gerade, weil die Lage aussichtslos ist, gibt es Fluchtversuche, die Verzweiflungstaten sind.

Angst vor dem Verdrängten

„Ihr könnt mich umbringen“ - dieser entsetzliche Satz über einen entsetzlichen Fall ist nun Titel einer fünfteiligen Serie des Deutschlandfunks, die in diesen Tagen gesendet wird. Jeder Teil dauert etwa fünf bis sechs Minuten.

Der Fall wurde monatelang recherchiert, mit Marko, einem der vier Jugendlichen, die fliehen wollten, ein Interview geführt. Marko ist bereit, sich alles von der Seele zu reden. Nach dem Opfer, das sein Leben für die anderen wegwerfen wollte, im Feature Paul genannt, wird lange gesucht und am Ende steht fest: Er wird sich nicht äußern. Verständlich. Viele Betroffene, eigentlich die meisten, schweigen, um Verdrängtes nicht wieder an die Oberfläche zu holen und das Trauma erneut durchleben zu müssen. Bei so einer Geschichte möchte ich beinahe sagen: Gut so. Manchmal muss man sich einfach schützen.

Keine Spur von Reue

Lange suchen die Journalisten auch nach aussagebereitem Erziehungspersonal und finden durch einen Zufall eine Torgauerin, die nach eigenen Aussagen in den 70er Jahren für zwei Jahre als Erzieherin im GJWH arbeitete. Mit dem eigentlichen Fall hat sie nichts zu tun, dennoch findet sich dieses Interview auf den Internet-Seiten des DLF, es dauert über eine halbe Stunde, ist also in etwa so lang wie die gesamte Sendung über die Geschehnisse im Sommer 89. Die Sätze, die gesagt werden, sind zum Teil ungeheuerlich, sind ein Schlag in das Gesicht der Opfer. Da ist die Rede davon, dass die Mädchen ja „keine unbeschriebenen Blätter“ gewesen seien, dass es „Gerüchte“ über Misshandlungen gegeben habe, die sie komplett abstreitet, nicht nur einmal stellt sie die Mädchen als Lügner dar und sich selbst als Heilsbringerin, die Bonbons und Eis verteilt. „Die Einrichtung war bis zu einem gewissen Punkt schon angebracht. Damit die mal wieder auf Linie gebracht wurden. Damit die wissen, was das Leben bedeutet …“ Keine Spur von Reue, kein Schuldeingeständnis, erst recht keine Entschuldigung. Mitleid hat sie höchstens mit sich selbst. Dass so viel Mühe aufgewandt wurde, eine Erzieherin zu interviewen, gleichzeitig aber niemand der Insassinnen aus dieser Zeit zu ihren Aussagen befragt wurde, ist ein Versäumnis. Auch gibt es seitens der Interviewerin kaum Widerspruch, wenige Nachfragen, sie konfrontiert nicht mit den Aussagen der Opfer.

Das Interview löst Wut aus

Bei Menschen, die die Hölle Torgau erleben mussten, löst dieses Interview nur eines aus: Wut. Sie werden wieder einmal beschuldigt, selbst schuld zu sein. Stefan Lauter etwa, sieht sich durch die Rechtfertigungsversuche einer Täterin verhöhnt. „Sie spricht immer in der dritten Person, wenn es um die Darstellung der Gewalt, der Verbrechen des Personals geht, dabei war sie Teil des Systems, sie war Täter! Das gesamte Aussageverhalten dieser Frau ist ambivalent, sie versucht sich lediglich selbst zu schützen, denunziert dabei andere ehemaligen Kollegen und schiebt die Schuld den Insassen und anderen Kollegen zu.“

Alexander Müller ist fassungslos über den unsensiblen Umgang: „Sie gibt den Jugendlichen die Schuld. Die Art uns als arbeitsscheue Asoziale darzustellen ist eine Beleidigung.“

Haben die Jugendlichen in Torgau gelernt, was das Leben bedeutet, wie die Erzieherin behauptet? Ich frage nach.

„Das einzige, was ich in Torgau gelernt habe, ist zu überleben. Alles andere konnte ich vorher schon. Wenn Leben bedeutet, dass man traumatisiert wird und oft Depressionen hat, nicht arbeitsfähig ist, dann haben sie gute Arbeit geleistet.“ – sagt Sylvia Schmeißer, die diese Erziehungsfolter durchleben musste.

Aufarbeitung steckt in den Kinderschuhen

Die Aufarbeitung zu den Spezialheimen der DDR, zu den Durchgangsheimen, Jugendwerkhöfen und auch zum Geschlossenen Jugendwerkhof steckt immer noch in den Kinderschuhen. Längst sind nicht alle Vorurteile abgebaut, nicht alle Geschichten erzählt. Und solange wirken auch die Mechanismen der schwarzen Pädagogik weiter. Auch deshalb ist die Sendung über die Verzweiflungstat hinter Torgauer Gittern, die nur ein paar Monate vor dem Mauerfall stattfand, wichtig. Ebenso wichtig ist aber ein behutsamer Umgang mit der Thematik und mit jenen, die unter diesem menschenunwürdigen Regime leiden mussten.

Über Grit Poppe

Unsere Autorin Grit Poppe, 1964 geboren, lebt in Potsdam. Ihr Jugendroman „Weggesperrt“ erzählt eine Geschichte, die im Jugendwerkhof Torgau handelt. Von dem Buch wurden bisher 150 000 Exemplare verkauft. „Weggesperrt“ wird an vielen Schulen auch in Brandenburg gelesen.

Die Nachfolgeromane „Abgehauen“ (2015) und „Schuld“ (2014) setzen sich ebenfalls mit DDR-Themen auseinander. Alle drei Geschichten basieren auf Interviews mit Zeitzeugen.

Serie im Hörfunk: www.deutschlandfunkkultur.de/ddr-umerziehungsheim-torgau.3693.de.html 

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