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Unerhörte Sinnbilder

Neue Musik Unerhörte Sinnbilder

Ein großes Orchesterkonzert, bei dem an einem Abend zwölf Uraufführungen erklingen, gibt es nicht alle Tage. Zwölf Komponisten aus Brandenburg schrieben Fünf-Minuten-Werke zum Thema „25 Jahre Deutsche Einheit“. Überwogen die Dissonanzen und Wehklagen? Wie klingt die Neue Musik heute?

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Das Philharmonische Orchester des Staatstheater Cottbus

Quelle: Christel Köster

Potsdam. Sinfonieorchester gibt es seit etwa 250 Jahren. Dieser Erbmasse aus Streich- und Zupf, Blas- und Schlaginstrumenten hat jede Generation neue Klangbilder entlockt. Im 20. Jahrhundert brachten die Orchester dann auch die Ideologien der Moderne und die entsetzlichen Katastrophen der Geschichte zur Sprache. Seither haftet der Neue Musik der Ruf an, wenig erquicklich und zu sein. Außerdem konkurriert das gute alte Orchester heute mit elektronischen Instrumenten und computergenerierten Sounds, die dem Zeitgeist viel unmittelbarer zu entspringen scheinen.

Können 68 Musiker mit traditionellen akustischen Instrumenten überhaupt noch zeitgenössisch klingen? So viele Pulte waren am Samstag, den 3. Oktober, besetzt, als das Philharmonische Orchester des Staatstheater Cottbus in der Potsdamer Fabrik Platz nahm. Zwölf Mitglieder des Brandenburgischen Verein Neue Musik hatten zur Feier des Tages je ein Orchesterstück komponiert, um politisch und ästhetisch Position zu beziehen. Eine Frage als Umfrage: Wie klingen 25 Jahre deutsche Einheit im Rückblick?

So unterschiedlich die Antworten auch ausfielen, Wehklagen und Wehmut, Selbstmitleid und Ohnmachtsgefühle kamen so gut wie nicht zum Ausdruck. Harmonische Akkorde überwogen. Auch zerrissene Motive fügten sich in den Miniaturen zu einem Ganzen. Neue Musik 2015 ist kaum noch anstrengend, sondern vor allem aussagekräftig und interessant. So, wie man den Jazz nicht mit Freejazz verwechseln darf, hat die Neue Musik ihre besinnlichen, stimulierenden und sogar heiteren Seiten.

Albert Breier schuf einen leichten sphärischen Teppich, um an die Vision eines ungeteilten Berlins zu erinnern. Das Gemurmel und Gewimmel der Großstadt wird von babylonischen Streichern erzählt, deren individuelle Stimmen ein weites, einvernehmliches Panorama ergeben. Manchmal sorgen tiefe Bläser oder am Ende ein enervierendes Fiepen für eine Zäsur. Der Zuhörer fühlt sich erhöht. Vielleicht steht er auf dem Kreuzberg im Westen oder auf einem Kirchturm im Osten und erlebt, wie sich der Horizont der Halbstadt weitet und am Abend, in der Nacht und am Morgen verwandelt. Und das alles in nur fünf Minuten.

Auch die „pocket symphony“ von Ralf Hoyer entlockt dem Orchester großformatige Stimmungsbilder. Ihn aber treibt keine Utopie, kein Pathos. Lang gezogene, auch dissonant geschichtete Töne werden nach einer Pause durch ein aufgeregtes Geschwirr emsiger Geigen verdrängt. Eindrucksvoll, wie nüchtern Hoyer die Wende rekapituliert und dann mit einem tonlosen Bläserhauch endet. Am Freitag hatte das fünfköpfige Ensemble Quillo „in attesa“, eine weitere Uraufführung von im, vorgestellt, deren nervös-expressive Attitüde an Neue-Musik-Exzesse der 1970er Jahre erinnerte. Das Festival Intersonanzen bot über drei Tage neben dem Orchesterkonzert auch einige kleine Formate an. Und es war interessant zu erleben, dass einzelne Komponisten auch recht unterschiedliche Handschriften praktizieren.

So zum Beispiel auch der Potsdamer Volker Freidel, von dem das KAPmodern Ensemble eine dramaturgisch fein gearbeitete dreiteilige Komposition in Triobesetzung uraufführte, mit der er herkömmliche Hörgewohnheiten bedient. Seine filmsinfonische Dichtung mit dem Titel „25 Takes“ erwies sich als recht pathetischer Soundtrack mit klaren Metrum. Mit den Akkorden voller Freud und Leid ließen sich Szenen wie überfüllte Züge, die Schließung von Fabriken oder das erste Westgeld illustrieren.

Schlüsselfigur des kurzweiligen Deutschlandabends war der Amerikaner Evan Christ. Der junge, für die Neue Musik sichtlich brennende Dirigent des Cottbuser Orchesters fand für jedes Stück eine neue Haltung. Ob mit oder ohne Taktstock, ob hüpfend oder gespannt wie auf einem Startblock stehend, ob mit Faust oder mit graziler Fingersprache, stets weckte er bei seinem Orchester ganz unexzentrisch die Lust fürs nächste musikalische Abenteuer.

Sichtlich fasziniert von dem gleichbleibend hohen Niveau der Kompositionen dirigierte er nur den süßlichen Ausrutscher von Hans Hütten am Anfang mit abgespreiztem kleinen Finger. Auch mit Stefan Lienenkämpers „Claudscape 1“ ließ sich nur schwer etwas anfangen. Die Komposition war zu banal und belanglos und beließ es bei Gemeinplätzen.

Zur Hochform lief GMD Christ bei Péter Koeszeghys „BrD GmBH für großes Orchester“ auf. Der in Berlin und Brandenburg lebende Ungar wagte es, das gestellte Thema äußerst plakativ anzugehen. Vor Trivialität schützt ihn aber sein großes Können und sein geerdeter Stil. Leicht gebrochen intonieren zunächst die Holzbläser die Nationalhymne der DDR, die dann von den tiefen Blechbläsern und dem Deutschlandlied geschluckt wird. Die Trompeten werfen fanfarenhaft die amerikanische Hymne ein und plötzlich erscheint der ganze Tross unter dunklen Glockenschlägen wie eine düstere Ku-Klux-Klan-Prozession.

Als Zeichen von Erleichterung und Optimismus warf dagegen Irina Emeliantseva ihre Komposition „Harmonien für großes Orchester“ in den Ring. Mit regelmäßig langen Tönen, die am Ende sogar unisono gespielt werden, markiert sie ein Happyend. Auch Johannes K. Hildebrandt arbeitet mit einfachen Stilmitteln. Mit seinem Stück „Fanfare“ legt er mehrere gesellschaftliche Milieus frei. Da sind die aufrüttelnden Basstrommeln, die den Bläsern und Streichern einheizen. Eine große Veränderung steht an, alles wird neu! Die Streicher geben den Menschen eine Stimme, die nicht hinterherkommen, aber müssen. Am Ende scheint alles, zu ihrem Vorteil auszugehen.

Intersonanzen

Etwa 60 Mitglieder zählt der Brandenburgische Verband Neue Musik. Die meisten sind Komponisten.

Das Festival Intersonanzen fand erstmals im Jahr 2000 statt und feierte am Wochenende sein 15-jähriges Bestehen. Es wurde 2015 von den beiden Potsdamer Komponisten Gisbert Näther und Bringfried Löffler organisiert. Die Stadt Potsdam und das Land Brandenburg subventionieren Intersonanzen mit etwa 50 000 Euro.

Nicht alle Jahre ist es möglich, ein großes Sinfonieorchester zu finden, dass die Kompositionen der Verbandsmitglieder zu Uraufführung bringt.

Der Komponist Hermann Keller, der beim Schlussapplaus bekenntnishaft eine weiße Friedenstaube auf der Brust entblößt, erinnerte mit seinem Stück „Zerreißt die unsichtbaren Ketten!“ noch einmal die qualvollen Wirren der Wende. Disparate musikalische Motive und viele unübersichtliche Gemetzel werden durch eine echte Überraschung überwunden. Die Partitur des Mannes mit dem Bürgerrechtler-Zottelbart schreibt den Musikern vor, plötzlich Worte wie „Frieden“ oder „Waffen weg!“ zu sprechen. Wann hat es das in einem Orchestersinfoniekonzert schon einmal gegeben?

Als nachgeholte Auseinandersetzung mit der DDR erweist sich auch der Beitrag von Susanne Stelzenbach. Ein angekündigtes Zitat aus dem propagandistischen Pionierlied „Unsere Heimat“ geht in ihrer abstrakten Tonsprache unter. Sie setzt sich mit der Sentimentalität des Liedes auseinander, indem sie die apodiktische Härte ausformuliert, das Umfeld, in dem alles festgezurrt war.

Henry Mex assoziiert mit dem Thema 25 Jahre Wiedervereinigung einen „Saal der verlorenen Schritte“. Seine Komposition beginnt recht farbig und führt in einen Stillstand, den leise gezupfte Kontrabässe markieren. Der Zuhörer sieht sich einer Riesenbehörde ausgeliefert, vielleicht ist hier die Treuhand gemeint, die Zeit brauchte, um Anträge zu bearbeiten. Dabei geht es immer weniger um das Ausmalen von Betroffenheit. Das Stück nimmt bald die Züge einer Karikatur an. Heftige Hammer-auf-Amboss-Schläge und ein Windgeräusch bereiten dem Warten ein Ende.

Frank Petzold dreht mit „Jump“, einer Art Befreiungsparademarsch, der DDR-Vergangenheit noch einmal eine lange Nase. Kaum zu glauben, dass dieses Cottbuser Sinfonieorchester nun auch noch im Bigbandsound groovte. Die Komponisten setzten auf sein herkömmliches Instrumentarium. Alle zusammen formulierten bisher Unerhörtes und ein Lebensgefühl anno 2015. Chapeau!

Von Karim Saab

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