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Ungewohnt ist gerade gut genug

MAZ-Konzerttipp Ungewohnt ist gerade gut genug

Nils Wogram Root 70 gehen wieder Risiko: Zwar kennen sich der Posaunist aus Niedersachsen und die Ensemble-Mitglieder, die unter anderem aus den USA und Australien stammen, seit nunmehr 17 Jahren. Doch trotz dieser Gemeinsamkeit gewähren sich die vier Raum für individuelle Qualität und sorgen doch als Einheit für manche überraschende Wendung.

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Nehmen eine kollektive klangliche Tiefenprüfung vor – Nils Wogram Root 70.

Quelle: Promo

Potsdam. Für Nils Wogram gibt es nichts fürchterliches als auf der Stelle zu treten. Der Posaunist aus Braunschweig mit Lehrauftrag in Luzern und Wohnsitz in Zürich mag sich andererseits nicht festlegen lassen, denn bei seinem Publikum darf nun mal nicht die Langeweile zu Gast sein. Was nichts anderes heißt, als dass Wogram und seine Mitmusiker von Root 70, die eigentlich schon seit 17 Jahren die Köpfe zusammenstecken, auf ihrem jüngsten Album „Luxury Habits“ mit großem Eifer Gewissheiten niederreißen. Hatte das Quartett zuletzt den Blues, mit Streichern kooperiert und sich zudem Jazz-Standards zugewandt, soll nun Gewohnheiten und Gewöhnung mit neuen Ideen begegnet werden. Spielfreude statt Konzept.

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In der musikalischen Wirkstoff-Forschung haben Live Maria Roggen und Helge Lien eine grandios Kombination gefunden: Sie singt und der Jazz-Pianist lässt die Finger über die Tasten gleiten. Er lauscht höchst aufmerksam dem Fluss ihrer Worte. Die mal sprudeln, mal stocken, die mal gemurmelt und langsam hervorkommen und vorbeigleiten, die zu unerwarteten Steigerungen fähig sind. Sie kann sich darauf verlassen, dass er pointiert wie behutsam die Stimmung auffängt, verstärkt und ausgestaltet – diese Chemie aus Norwegen stimmt in jedem Ton. Bewundernswert.

Live Maria Roggen & Helge Lien: You. Ozella/Galileo MC.

Ist es verkopft , japanische Lautmalerei zum Ausgangspunkt der Interaktion von Piano, Bass und Schlagzeug zu machen? Nicht wirklich. Sprache ist Musik. Und umgekehrt. In Europa wie in Fernost. Verblüffend hingegen ist das Vorgehen allemal. Denn das Helge Lien Trio, ganz klassisch besetzt, „denkt“ sich seinen Teil. Es spürt Bedeutung und Gegensätzlichkeit bestimmter Worte auf. Während es eingangs in „Gorogoro“ blitzt und donnert, besagt „Kurukuru“, dass man sich im Kreis dreht. Doch man kommt nicht wieder an der derselben Stelle an. Bei diesem Dreier ohnehin nicht.

Helge Lien Trio: Guzuguzu. Ozella/Galileo/MC.

Gelöstes Miteinander von Hayden Chisholm am Saxofon, Matt Penman am Bass, Jochen Rückert am Schlagzeug – Wogram macht keine Vorgaben. Setzt eher auf Unschärfe, die die Individualisten risikofreudig und dynamisch überwinden. Zwar kennen sie sich ewig. Aber diese erhebliche Lust, es drauf ankommen zu lassen, beherrscht die vier auf den neun neuen Aufnahmen ganz deutlich. Spontanität und Spaß, weiträumig gedacht und gewollt. Komplex, vertrackt, modern. Gern mit Fokus auf Rhythmen und unerwarteten Metren. Nie bleibt die Jazz-Geschichte in den komponierten und improvisierten Stücken unberücksichtigt.

Konzert: Nils Wogram Root 70 treten am Montag, dem 29. Mai und am Dienstag, dem 30. Mai, um 21 Uhr im A-Trane in Berlin-Charlottenburg auf.

Von Ralf Thürsam

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