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Unscharf, verwackelt, intim: Die DDR auf Schmalfilm

Einmalige Sammlung Unscharf, verwackelt, intim: Die DDR auf Schmalfilm

Unscharf, verwackelt – und trotzdem geliebt: Private Schmalfilme aus DDR-Zeiten zeigen das Leben im real existierenden Sozialismus ohne Filter. In Potsdam sichten Historiker tausende 8-mm-Streifen für das Projekt „Open Memory Box“. Sie sollen als zeitgeschichtliche Sammlung ins Internet gestellt werden.

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Unscharf, verwackelt – und trotzdem geliebt: Super-8-Aufnahmen.

Quelle: Foto: dpa

Potsdam. Ein Trabi rollt vorbei, ein Fahnenzug marschiert, eine Gruppe Karatesportler kommt, Leute tanzen in einer Kneipe und schließlich sind die unvermeidlichen FKK-Bilder von der Ostsee oder der Müritz zu sehen. Helmut oder wer auch immer der junge Mann da ist kuschelt nackig mit seiner Liebsten. DDR-Leben wie man es sich halt so vorstellt, aufgenommen auf Schmalfilm, von Bürgern im Arbeiter- und Bauernstaat, die ihr Privatleben wenigstens auf Zelluloid als einziges Fest inszeniert sehen wollten. Sogar ein Schnipsel Hardcore ist dabei: deutlich sichtbar die Genitalien des in Schwarz-Weiß kopulierenden Paars.

Eine Sammlung für das Internet

„Anti-Archiv“ nennen die beiden Projektmacher Laurence McFalls und Alberto Herskovits die virtuos nach MTV-Manier zusammengeschnittenen Ausschnitte aus privatem Filmmaterial aus den Jahren 1949 bis 1989, das Hobbyfilmer ihnen bereitwillig zugesandt hatten und das sie am Dienstagabend im Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) am Potsdamer Neuen Markt präsentieren. Schon vor fünf Jahren hatten der kanadische Politikwissenschaftler Laurence McFalls und der deutsch-schwedische Dokumentarfilmer Alberto Herskovits die Idee entwickelt, privates Filmmaterial der DDR zu sammeln und es im Internet der Öffentlichkeit und der Forschung zur Verfügung zu stellen. McFalls ist schon seit Anfang der 90er ein glühender Erforscher der DDR-Geschichte. Herskovits, preisgekrönter Gründer der Agentur Altofilm, hat 2012 auch mal die Berliner Mauer in Szene gesetzt.

Die Förderung von der Bundesstiftung Aufarbeitung für die sogenannte „Open-Memory-Box“ kam schnell, die Filme weniger. Erst als McFalls und Herskovits im Fernsehen ihr Projekt vorstellten, wendete sich das Blatt. Plötzlich luden begeisterte ehemalige Hobbyfilmer zentnerweise Material vor den Füßen der Projektmacher ab. 2380 Filmrollen intimstes DDR-Leben, offenherzig und aus welchen Motiven auch immer eingeschickt, fanden die entsetzten „Open-Memory-Box“-Macher plötzlich zu ihren Füßen liegen.

Mehr originales Filmmaterial aus privaten Händen, als sie je erwartet hätten

Mehr originales Filmmaterial aus privaten Händen, als sie je erwartet hätten: Politikwissenschaftler Laurence McFalls und Dokufilmer Alberto Herskovits haben Grund zur Freude.

Quelle: dpadpa

„Wir wissen nicht einmal wie viele Stunden es sind“, gibt Laurence McFalls zu. „Es ist mehr, als man sich in einem Leben anschauen kann.“ Indirekt räumen die beiden Projektmacher zusammen mit Max Welhöner, ihrem technischen Berater von der Berliner Agentur Maxwel Creative Bureau, im ZZF eine gewisse Ratlosigkeit ein. „Wir gingen davon aus, dass wir bereits digitalisiertes Material zur Verfügung gestellt bekämen“, gibt Dokufilmer Herskovits zu. Das Rohmaterial stellte sie vor „ein riesiges Problem. Wir sind keine Archivare“.

Jahrelange Digitalisierungsarbeit

Dem Potsdamer Publikum, das überwiegend aus Zeitgeschichtlern und Filmwissenschaftlern besteht, präsentieren sie nun das Zwischenergebnis jahrelanger Sortier- und Digitalisierungsarbeit. Die Präsentation wird zum Werkstattgespräch mit Experten. Natürlich haben McFalls und Herskovits das Filmmaterial zum Teil schon verschlagwortet und nach Datum sortiert. Aber das hört sich einfacher an als es ist. Wie viele Schlagworte soll zum Beispiel ein einzelner Abschnitt haben? Und was sollen Schlagworte wie „Marsch“, „Tanz“, „Rot“ „Schwimmbad“ schon aussagen?

Ob man denn nicht gerade im Hinblick auf die Forschung eine abstraktere Ebene wählen könnte, will ZZF-Mitarbeiter Jan-Holger Kirsch wissen. „Widerstand“ oder „Arbeit“, zum Beispiel. Damit habe man schlechte Erfahrungen gemacht, sagt McFalls und zeigt endlos lange Schlagwortlisten pro Filmausschnitt, „die überhaupt nichts gebracht haben“. Gerade wegen dieser Schwierigkeiten habe man den Zusammenschnitt „Anti-Archiv“ als eine Art Appetithappen erfunden, über das man sich dann in die eigentlichen Filmrollen einklicken könne. Fragen des Persönlichkeitsrechtes werden von den Machern indes recht nonchalant und schnell zur Seite gewischt. Schwieriger wird die Frage nach der Bedeutung der Filmchen.

Idyllen mit doppeltem Boden

„Wenn man zu lange mit dem Material zu tun hat, hat man das Gefühl, dass es sehr langweilig ist, weil man nichts lernen kann“, sagt Herskovits. Was soll das ewige Geknutsche, Getanze, Geküsse und FKK-Gewusele auch schon groß aussagen? Dass es bei richtiger Methodik verdammt viel aussagen kann, ahnt nicht nur der Chef des ZZF-Chef Frank Bösch, das wird den Besuchern dieses Abends auch schlagartig bewusst, als sie den aktuellen Kommentar einer Abgefilmten zu den fast fünfzig Jahre alten Rollen zu hören bekommen. Auf den Schwarz-Weiß-Aufnahmen das übliche Schmalfilmidyll: eine Urlaubsgegend irgendwo im Harz, glückliches Baby auf dem Teppich, die stolze Mama im Minikleid kitzelt es. „Ach ja“, erinnert sich die Sprecherin. Da habe man die Oma besucht. Denn dort wuchs der Kleine zunächst auf, weil man als Studentin keinen Platz für das Kind in der Krippe bekommen habe. Man habe ihn nur ab und zu besuchen können. Sie habe damals an ihre Karriere als Lehrerin gedacht, sagt die Sprecherin, während ein strahlendes Urlaubsbild nach dem anderen vorüberzieht. Heute tue ihr das Leid. „Man macht in seiner Jugend viele Fehler“, kommentiert die Frau aus dem Off, während eine Bootsfahrt mit ihrem Mann zu sehen ist. Als dann Panoramaaufnahmen der Hauptstadt der DDR samt Fernsehturm kommen, erinnert sich die Frau ihrer damaligen Berlin-Sehnsucht und an ein 100-DDR-Mark-Kleid. Man hört sie weinen. „Entschuldigen Sie“, sagt sie zu den beiden „Open-Memory-Box“-Machern. So viel zu der vermeintlichen Belanglosigkeit inszenierter DDR-Privatheit.

Forscher wie Jan-Holger Kirsch und Frank Bösch sehen in dem Projekt denn auch eine riesige Fundgrube für eine neue Art Geschichte. Wie wird Wirklichkeit inszeniert? Wer führt wann und mit welcher Absicht Regie? Was bedeutet es, wenn ein Mann einen anderen Mann am FKK-Strand filmt? Wie sehen Geschlechterrollen aus, wo wagte man Verbotenes, zum Beispiel das Filmen eines Grenzschildes? Im Herbst wollen McFalls und Herskovits ihre unglaubliche Schatzkiste für alle online freischalten.

Von Rüdiger Braun

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