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Kultur Uraufführung: Selbstbestimmtes Sterben am Hans-Otto-Theater
Nachrichten Kultur Uraufführung: Selbstbestimmtes Sterben am Hans-Otto-Theater
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20:47 20.01.2019
Die ratlosen Kinder Jan (Arne Lenk), Jule (Laura Maria Hänsel) und Anne (Katja Zinsmeister/v.l.). Quelle: Thomas M. Jauk
Potsdam

Die Spielplanentscheidung ist mutig, ein so heißes Eisen wie selbstbestimmtes Sterben auf die Bühne zu bringen. Der Autor Jean-Michel Räber, Jahrgang 1959, Heidelberger mit Schweizer Wurzeln, bislang vor allem im Kinder- und Jugendtheater zu Hause, hat sich des Themas angenommen, gibt ihm in „Gehen oder Der zweite April“ neben dramatischen durchaus auch komödiantische Züge.

Für den Zuschauer ist die Ausgangslage von Anfang an klar: Lore und Arno, seit 50 Jahren ein Paar, wollen gemeinsam aus dem Leben scheiden. Bei ihm zeigen sich erste Anzeichen von Alzheimer, und sie will kein Leben ohne den Ehemann. So haben sie ihre drei Kinder zum Essen eingeladen, um ihnen den Beschluss zu eröffnen.

Probleme in der Familie brechen auf

Doch wie das wohl in den meisten Familien so ist: Der Wunsch der Eltern ist das eine, die Lebenswirklichkeit der längst erwachsenen Kinder eine ganz andere. Die bringen so viele eigene Probleme mit ins Haus, dass das eigentliche Thema in den Hintergrund gerät. Und sie lassen gehörig Frust ab. Haben sie sich doch alle ein Leben lang von den Eltern unter Druck gesetzt gefühlt, leben mit dem schalen Gefühl, die Erwartungen der Familie enttäuscht zu haben. Hinzu kommen Misstrauen, Neid, Konkurrenzdenken und Eifersüchteleien unter den Geschwistern. So wird das Stück zunächst ein Diskurs über den Umgang der Generationen miteinander. Jule bringt es auf den Punkt: Wir wissen so wenig von euch. Was letztlich beide Seite betrifft. Wer ruft wen an, wer wartet auf den Anruf des anderen?

Rita Feldmeier und Joachim Berger als Lore und Arno mit Sterbewunsch. Quelle: Thomas M. Jauk

Jan (Arne Lenk) ist nicht der große Architekt geworden, den seine Eltern in ihm sahen, und er schiebt eine Videokonferenz vor, um schnell wieder aus dem Haus zu kommen. Zumal alle annehmen, es gehe ohnehin nur um den Verkauf des Elternhauses. Anne (Katja Zinsmeister) telefoniert mal wieder ihrem abwesenden Ehemann hinterher. Jule (Laura Maria Hänsel) fühlt sich missachtet, weil sie ihre Tierliebe auslebt, für die keiner sonst einen Nerv hat.

Kinder schockiert über Sterbewunsch der Eltern

Als dann nach mehreren vergeblichen Anläufen und neuerlichen Missverständnissen der entscheidende Satz fällt, „Wir haben beschlossen, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden“, sind die Kinder schockiert. Die Argumente der Eltern interessieren sie nicht. Warum, so meinen Lore und Arno nämlich, dürfen wir nicht das, was wir gemeinsam begonnen haben, auch gemeinsam beenden? Warum darf man nicht, wenn es einfach nicht mehr geht, seinem Leben selbstbestimmt ein Ende setzen? Im Alter ein Pflegefall zu sein, das wollen sie beide nicht. Warum gerade der 2. April? „Das ist der Tag, an dem wir uns kennengelernt haben.“

Die Kinder reagieren mit Unverständnis und Wut. Ihr Tenor: Eltern müssen, wenn sie ihre Kinder lieben, immer für sie da sein. Die jungen Leute reden von Moral, von Selbstbestimmung, von der Würde des Menschen. Alles große Worte, die aber letztlich, so zeigt sich, nur den eigenen Egoismus verdecken.

Minimalismus auf der Bühne – Fokus auf das Thema

Die Inszenierung von Frank Abt in der Ausstattung von Michael Köpke setzt wohltuend auf Minimalismus. Auf der Bühne eigentlich nur eine Küchenecke, darin ein Tisch mit zwei Stühlen. Dabei ist Platz doch auch für einen Hingucker: Wenn Lore und Arno sich inmitten eines Parcours von Nachttischlampen aus ihrer Jugendzeit auf ihr Ende einstimmen.

Die zwei Puppen aus der Hand von Judith Mähler werden im Spiel mit einbezogen. Quelle: Thomas M. Jauk

Im Zentrum der Aufführung steht Joachim Berger, der den Arno mit lausbubenhaftem Charme gibt, ein bisschen verwuschelt, und der geschickt seine mittlerweile durchaus vorhandene Hilflosigkeit überspielt. Rita Feldmeier als Lore ist ja schon von der Stückanlage her noch ganz gut drauf, und das zeigt die Schauspielerin auch.

Viel Beifall vom Premierenpublikum

Zwischen den Generationen steht Emma (Josefa Heinsius), das Enkelkind, hier eigentlich bei der ernsten Aussprache im Wege, aber doch eine Art Vermittlerin zwischen den unterschiedlichen Positionen. Zwei weiße Puppen am Bühnenrand, die immer mal wieder in die Gespräche einbezogen werden, zeigen das Modellhafte der Aufführung. Was auch von den musikalischen Akzenten, die Francesco Wilking an Gitarren und Piano einbringt, unterstrichen wird. Das Premierenpublikum nimmt die bedenkenswerte Uraufführung mit viel Beifall auf.

Die nächste Vorstellungen von „Gehen oder Der zweite April“ sind am 24. und am 27. Januar sowie am 2. und 23. Februar. Karten unter Telefon 0331/9 81 18.

Von Frank Starke

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