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Ute Lemper und die Kammerakademie im Potsdamer Nikolaisaal

Konzert Ute Lemper und die Kammerakademie im Potsdamer Nikolaisaal

Früher wurde sie von der deutschen Kritik als „Kunstprodukt“ verhöhnt. Heute wird sie nicht nur von ihre Fans gefeiert. Musical-Star Ute Lemper trat am Sonntag mit der Kammerakademie Potsdam im Nikolaisaal auf. Antonello Manarcorda dirigierte Lieder von Kurt Weill, Jacques Brel und George Gershwin.

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Ein gutes Gespann: Ute Lemper und Dirigent Antonello Manacorda am Sonntag im Potsdamer Nikolaisaal.

Quelle: Christel Köster

Potsdam. Die etwa 60 Musiker der Kammerakademie Potsdam (KAP) verbrachten den gestrigen Tag auf der Bahn in der deutschen Diagonale. Sie fuhren von oben rechts nach unten links ins württembergische Ludwigsburg, wo sie das Liederprogramm „Stadtkind“ mit Schauspielstar Ute Lemper zum zweiten Mal aufführten. Premiere war am Sonntagabend im Nikolaisaal in Potsdam.

Für die KAP ist der Betriebsausflug in die frühe Popkultur des 20. Jahrhunderts ein recht ungewöhnliches Konzertprojekt. Wer seinen Beifall gewöhnlich für Sinfonien von Joseph Haydn oder Felix Menessohn Bartholdy einfährt, versteht sich nicht unbedingt auf Swing- und Tangorhythmen. Andererseits können barocke Musizierfreude und romantischer Schwermut der Aufführung von Kompositionen von John Kander („Cabaret“) oder Astor Piazolla durchaus zuträglich sein.

Hausdirigent Antonello Manacorda musste dem Orchester Schwung und Weltschmerz also in einem ungewohnten Genre abverlangen. Sich auf Ute Lempers Repertoire einzulassen, war für ihn und die KAP eine priviligierte Herausforderung. Dass bei einigen Stücken sogar mitgeklatscht wird, erleben Klassikfreunde eher selten.

Die hochgewachsene Frau mit den rot gefärbten Haaren steht wie angewurzelt an der Rampe, das Publikum fest im Blick. Eigentlich ist es der Gesang von Ute Lemper, der den Dirigenten dirigiert, so präzise hat sie ihren Part verinnerlicht. Und die Solistin führte auch durch das Programm, preist es als „Zeitreise“ an. Sie schlägt den Bogen von der „Dreigroschenoper“ und der Emigration von Lotte Lenya bis hin zu Donald Trump. Ihre mehr als drei Oktaven umfassende Stimme ist stets kräftig, sie kann sie herrlich nach oben quetschen, ohne dass es artifiziell wird. Auch im Vibrato klingt Ute Lemper stets klar und frisch. Sie gestaltet den Gesang zusätzlich, indem sie ständig den Abstand zum Mikrofon variiert. Manchmal setzt sie schlangenhaft tänzelnd ihre Arme ein. Ein, zwei Mal dreht sie auf der Stelle eine verzückte Runde. Kaum zu glauben, dass diese Frau vier Kinder zur Welt gebracht hat, für die sie auch da ist.

Nie wird Ute Lemper selbstgefällig oder albern, immer stellt sie sich ganz in den Dienst der Lieder. Ute Lemper versteht sich nicht als Stimmungskanone, sondern will Tiefsinn, hat etwas auf dem Herzen. Eindringlicher Höhepunkt: das Antikriegslied „Der Graben“ von Hanns Eisler, dessen Dissonanzen sie mutig und ausdrucksstark auskostet. Piazzollas apokalyptisches „Preludio para el año 3001“ hat sie mit einem deutschen Text versehen: „Mein Berlin, vernarbt, zerbombt und doch so schön“.

Diese Sängerin möchte die Berliner Kabaretttradition bewahren. Dabei wurde sie als Musicaldarstellerin in Paris, London und New York bisher mehr gefeiert als in Berlin. Die gebürtige Westfälin ist seit 1997 auf der Upper West Side in New York zu Hause, spricht aber auch gut französisch. Als Liebhaberin der Metropolen-Kultur betitelte sie eine CD „Paris Days, Berlin Nights“. Stimmungsumschwünge zwischen den westlichen Nationalkulturen, zwischen Kurt Weill, Jacques Brel und George Gershwin, gelingen ihr mühelos.

Doch etwas spricht dann doch gegen diesen Abend. Die französischen Ohrwürmer legen sich wie Mehltau über die anderen Lieder. Das ist Léo Ferrés melancholisches „Avec le temps“, bei dem drei simple Klaviertöne das Orchester dominieren. Da ist Jacques Brels dramatischer Sprechgesang „Amsterdam“, den das Orchester pointiert als Shanty intoniert, ohne die elektrisierende Dynamik herzustellen. Das ist Edith Piafs tänzelndes „Milord“, das durch muntere Schläge auf den Rand einer Trommel zur Steppnummer wird. Piafs finales „Padam Padam“ wird mit so viel Blech unterfüttert, dass die Akustik-eier im kleinen Nikolaisaal zu zerspringen drohen.

Dafür gab es zu Beginn zwei großartige Entschädigungen. Die Kammerakademie glänzte mit mehrteiligen Igor-Strawinsky-Miniaturen. Geschliffen und witzig treiben die Musiker ein circensisches Spiel mit der Schrillheit, der Zeit und letzten Akkord.

Während der Zugabe setzt sich Ute Lemper zunächst auf den Schoß von Maestro Manarcoda. Der wirkt völlig verunsichert und verlegen und verfolgt mit verschlungenen Armen ihr letztes Solo.

Von Karim Saab

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