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Kultur Uwe Tellkamps neue Erzählung
Nachrichten Kultur Uwe Tellkamps neue Erzählung
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15:05 30.08.2017
Uwe Tellkamp Quelle: picture alliance / Sebastian Kah
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Potsdam

In dem Jahr, in dem Uwe Tellkamp den Deutschen Buchpreis bekam, kaufte sich Jens Uwe Jess auf der Buchmesse den Roman „Der Turm“ und war sofort von den kursiv gedruckten Passagen begeistert, in denen immer wieder Uhren eine Rolle spielten. Noch auf der Messe sprach der Kleinverleger aus Eckernförde Tellkamp an, ob er nicht ein Buch mit ihm machen wolle. So entstand 2010 das bibliophile Bändlein „Die Uhr“ und wurde gleich ein Erfolg.

Bereits der zweite Text in einem Kleinverlag

Was einmal klappt, klappt auch ein zweites Mal, sagte sich der findige Verleger, der ein Leben lang als Landwirt arbeitete, bevor er mit 65 Jahren beschloss, Bücher zu machen und seine Edition Eichthal gründete. Also ließ er in eine Unterhaltung einfließen, dass doch auch Carl Gustav Carus aus Dresden stamme und wie Tellkamp Arzt gewesen sei. Ob er nicht darüber mal was schreiben wolle? Gesagt, getan.

Die Jahre gingen ins Land. Jess glaubte schon gar nicht mehr daran. Im vergangenen Herbst aber meldete sich Tellkamp und sagte „ich schreib‘ Ihnen was.“ Jetzt erscheint das kleine, aber feine Büchlein „Die Carus-Sachen“ zu dem Andreas Töpfer erneut Zeichnungen beigesteuert hat, wie bereits zu dem Uhren-Buch. Schon nach ein paar Zeilen ist man wieder mitten drin im Kosmos des Turm-Viertels, dieser Welt der Bildungsbürger und Romantiker, die vor dem real existierenden Sozialismus der DDR fliehen und in Kunst und Kultur ein besseres Leben zu finden glauben.

Im Kosmos der Dresdner Neustadt

Erzähler sind diesmal nicht der EOS-Schüler Christian, Vater Richard und Onkel Meno, sondern Cousin Fabian, der im „Turm“ als Nebenfigur auftaucht. Er erinnert sich an seine Jugend in Dresden, an den Vater Hans Hoffmann, der wie Richard Arzt ist, und an all die Carus-Jünger, die als „Naturforscher im ursprünglichen Sinn des Wortes“ sich nicht im Speziellen verlieren, sondern versuchen, sich einen „Begriff des Ganzen“ zu bewahren. So wie eben jener Carl Gustav Carus (1789-1869), der nicht nur als Gynäkologe und Anatom, sondern auch als romantischer Maler und Naturphilosoph Geschichte geschrieben hat. Fast wie ein Heiliger wird dieser Carus in den Studierstuben des Weißen Hirsches und der Neustadt verehrt. Die Ableger seiner Agave, die er einst an Schüler und Freunde verschenkte, gedeihen noch heute über ganz Dresden verteilt.

Es hat schon etwas herziges wie diese Gelehrten darüber diskutieren, ob Carus sich zu seinem Gemälde „Eichen am Meer“ wirklich durch die Baumriesen der Insel Vilm inspirieren ließ, während um sie herum ein Land im sozialistischen Stillstand zu verenden droht. Einer dieser Experten mit dem Namen Hans-Joachim Zimmermann macht sich in einer lauen Sommernacht sogar auf, schwimmt auf die Insel, auf der die Parteibonzen ihre Ferienbungalows haben, um sich selbst ein Bild zu machen. An der Bootspatrouille vorbei erreicht er das Eiland und findet die Bäume wirklich. Dann steht auf einmal Erich Honecker neben ihm und fragt ihn, ob er an Gott glaube? Dichtung und Wahrheit vermengen sich in Uwe Tellkamps Prosa, die mit Motiven und Versatzstücken der Romantik spielt, um ein eigenes Universum zu bilden. In viele Richtungen tun sich Bezüge auf.

Der Geist der Romantik

Bildungsbeflissen führt Vater Hans seine Kinder Fabian und dessen Schwester Muriel durch Dresden und erklärt ihnen die Welt. Zwinger, Hofkirche, Jazztonne und all die anderen Sehenswürdigkeiten nimmt Illustrator Andreas Töpfer in seinen Zeichnungen auf und lässt sich dabei vom Prinzip der Skizze leiten wie auch Tellkamp selbst. Galt die Skizze den Romantikern doch dem fertigen Werk als ebenbürtig und wurde propagiert, da sie die Fantasie beflügele. Auch Tellkamps Text lässt sich von diesem Prinzip leiten. „Die Skizze muss nichts beweisen“, schreibt er, „es droht nicht sofort das Große Ganze, der Stift darf spazierengehen und Beobachter des Augenblicks sein – der freilich, sagt Schiller, der mächtigste aller Herrscher ist.“ Sätze, die hellhörig machen, wenn man weiß, dass Uwe Tellkamp seit Jahren an der Fortsetzung von „Der Turm“ schreibt.

Seine „Carus“-Erzählung, die ohne Bilder gerade mal 50 Seiten zählt, liest sich in der Tat wie eine Versuchsanordnung, sie könnte ebenso ein Teil seines Bestsellers „Der Turm“ sein, wie ein erster Vorbote der Fortsetzung, die wahrscheinlich „Lava“ heißen soll, wie der 1968 geborene Tellkamp mehr als einmal in Interviews angekündigt hat. Vielleicht kommt der Roman im kommenden Jahr heraus. Vielleicht wird es auch noch ein wenig länger dauern. Bis dahin müssen sich Leser erst einmal mit dem kleinen Büchlein der Edition Eichthal begnügen.

Uwe Tellkamp: Die Carus-Sachen, Edition Eichthal, 96 Seiten, 18 Euro.

Von Welf Grombacher

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