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Van Morrison und die Griesgram-Matinee

Seltenes Konzert des Altmeisters in Berlin Van Morrison und die Griesgram-Matinee

Die nordirische Blues-Legende Van Morrison ist nur noch selten auf Tour. Am Donnerstagabend war es auf der Zitadelle in Berlin-Spandau mal wieder so weit. Dabei gab sich der Sänger sehr jazzig, wie bei einer verspäteten Matinee an einem lauen Sommerabend. Ansagen gab es keine, allzu viel Blues auch nicht - kann so ein Konzert trotzdem ergreifen?

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Van Morrison ist am Donnerstag in Berlin aufgetreten.

Quelle: imago

Berlin. Van Morrison soll ja ziemlich knurrig sein. Interviews vermeidet er, Bühnentechniker staucht er zusammen. Landsleute nennen den nordirischen Sänger „Grumpy Van“, das ist liebevoll gemeint, bedeutet aber Griesgram. Beim Auftritt in der Zitadelle Spandau am Donnerstagabend gibt er sich zwischen den Songs gewohnt maulfaul, dafür singt der 69-Jährige wie ein Goldkehlchen und beschwingt mit einem federleichten Jazz-Konzert. Der früh begonnene Abend gerät fast zu leicht. Etwas stärkere Emotionen, eine Ladung mehr Blues hätte man - gemessen am Werk des Songschreiber-Schwergewichts - schon erhofft. Stattdessen fühlt sich das Konzert an wie eine Matinee, in der die Musik droht langweiliger zu werden als die Häppchen am Büffet.

Konzert beginnt mit einem Saxophon-Solo

Der gerade von der Queen zum Ritter geschlagene Musiker steigt mit einem Saxophon-Solo ins zweite und letzte Deutschland-Konzert seiner Tour ein. Bevor die Songs dahin zu plätschern drohen, sorgt er mit „Days Like This“ für einen ersten Höhepunkt, bei dem die Weisheit des Sängers aufblitzt. Der Song wurde in den 90ern zu einer der Hymnen der nordirischen Friedensbewegung, er beweist die politische Kraft, die dem unter Sonnenbrille und Hut versteckten Liedermacher innewohnt. Immer wieder streut Van Morrison Cover-Versionen ein, etwa das 60er-Jahre-Stück „Centerpiece“ von dem Jazz-Trio Lambert, Hendricks & Ross oder den Blues-Standard „Help Me“ von Sonny Boy Williamson. In solchen Momenten, wenn der Sänger zur Mundharmonika greift und sie danach hörbar fallen lässt, dringt Leben in die Spandauer Trutzburg, ein süßer Schmerz, der mehr ist als die Untermalung eines netten Abends. Wunderschön, wenn auch ohne die Wucht der von Bläsern angetriebenen Originalversion, ist „Real Real Gone“, als verlässliche Perle beschwingt das kurz vor Schluss gespielte „Brown Eyed Girl“.

Zum Gähnen ist die Musik zu schön, zum Schluchzen fehlt das Gefühl

Der Nordire hat amerikanische Standards geschrieben, perfekte Untermalungsmusik einer endlosen Wüstenfahrt in einem alten Chevy, unzählige Male untermalten seine Songs Roadmovies, die sich um die Weite des Landes und die Freiheit des eigenen Lebens drehten. Auch an diesem Abend in der gänzlich unamerikanischen Spandauer Festung wirken die seichten Saxophon-Soli, die jugendliche Stimme, die konventionell jazzige Begleitung der mit viel Qualität und wenig Mut ausgestatteten Band wie ein Soundtrack. Der Fuß wippt, der Blick folgt den Flugzeugen, die von Tegel aus die Zitadelle überfliegen. Die Gedanken verlieren sich wie Kondensstreifen am Himmel. Zum Gähnen ist die Musik zu schön und ihre Macher zu virtuos, zum Schluchzen fehlt ihr das Gefühl.

Am Ende erntet Van Morrison einen Applaus, der zu ihm passt. Verlässlich, grundsolide. Zugabe-Rufe verstummen sofort, weil klar wird, dass der Meister nicht länger spielen will als gut eineinhalb Stunden. Es ist noch vor halb zehn, Van Morrison hat die Bühne lange vor der Band verlassen. Keine große Verbeugung, keinen herzlichen Dank an die Fans. Ein kleiner Griesgram ist er halt immer noch.

Von Maurice Wojach

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