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Venedig auf Preußisch

Bücherfestival Lit:Potsdam Venedig auf Preußisch

Das Lesefestival Lit:Potsdam hat in diesem Jahr die amerikanische Autorin Donna Leon zu Gast, die durch ihre mittlerweile 26 Brunetti-Krimis zu Weltruhm kam. Als Writer in Residence wird Hanns-Josef Ortheil nach Potsdam kommen, das Festival geht vom 5.-9. Juli. Bereits am Wochenende davor wird auf Schloss Reckahn gelesen, dort feiert man einen besonderen Helden.

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Gerade ist ihr 26. Brunetti-Roman erschienen: Donna Leon lebt nicht mehr in Venedig, hat die Stadt aber zur Kulisse ihrer Bücher geformt.

Quelle: DPA

Potsdam. Commissario Brunetti ist ein Mann mit Disziplin und einem vollen Bücherschrank, er scheut die großen Gesten, bis hierhin könnte man ihn glatt als Preußen definieren – auch wenn das kriminelle Pflaster seiner Arbeit in Venedig liegt. Brunetti ist nur eine Kopfgeburt, aber eine, deren Erfolg kaum fassbar ist: Die Amerikanerin Donna Leon schreibt jährlich einen Brunetti-Roman (auch diese strikte Disziplin wirkt preußisch), mittlerweile sind es 26. Verlässlich steigt sie damit auf Platz eins der deutschen Bestsellerliste. In 35 Sprachen lässt sie ihre Bücher übersetzen, nur nicht ins Italienische, damit sie in Venedig anonym ein freies Leben führen konnte (mittlerweile wohnt sie in der Schweiz). Nur nicht als Star erkennbar sein! Auch dieses Unterstatement klingt am Ende preußisch.

Warum Donna Leon also in diesem Jahr als Stargast (nun also doch als Star) nach Potsdam kommt, liegt auf der Hand. Weil die Stadt zu ihrem Wesen und dem Personal ihrer Romane passt. Und diese Wahl belegt, welch guten Ruf das Literaturfestival Lit:Potsdam mittlerweile hat, wenn es sich Schreiber von Weltrang einladen kann. Zum fünften Mal findet es statt, in diesem Jahr vom 5.-9. Juli.

Karin Graf, die künstlerische Leiterin, betont: „Das Festival Lit:Potsdam ist kein Novitäten- und Bestsellerfestival, sondern kann es sich leisten, ausgewählten Motiven zu folgen.“ Auch diese Noblesse wirkt, ohne den Verweis überzustrapazieren, preußisch. Wert auf Qualität legen, aber nicht dem letzen Schrei folgen. Graf sagt, die Motive des Festivals „zeigen auf so unterhaltsame wie einsichtsreiche Weise, dass Lebensphasen und Zeitalter nie periodisch aufeinander folgen, nie linear verlaufen, sondern nebeneinanderstehen und sich verschränken, der Einzelne Teil der Geschichte ist, die Geschichte den Einzelnen ausmacht.“

Auszüge aus dem Programm der Lit:Potsdam

Hanns-Josef Ortheil kommt als Writer in Residence nach Potsdam, er wird aus seinem Werk lesen und darüber diskutieren: 5. Juli, 20 Uhr, Brandenburgisches Literaturbüro: „Wie ich arbeite“ (Vortrag). 7. Juli, 19 Uhr, Park der Villa Jacobs: „Was ich liebe und was nicht“ (Lesung, anschließende Diskussion mit Denis Scheck). 8. Juli, 13 Uhr, Palais Lichtenau: „Kindheitsgeschichten“ (Lesung, anschließendes Gespräch mit Alain Claude Sulzer).

Ortwin Renn und Harald Welzer , 6. Juli, 19 Uhr, Kleist-Villa: Der Risikoforscher und Direktor des IASS (Institute for Advanced Sustainability Studies) Potsdam, Ortwin Renn, und der streitbare Sozialpsychologe Harald Welzer im Gespräch über das, was uns wirklich bedroht.

Volker Schlöndorff, Hanns Zischler , 8. Juli, 18.30 Uhr, Filmmuseum: Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff spricht mit Hanns Zischler über dessen umfassende Quellenrecherche „Mit Kafka ins Kino“. Dazu werden Originalsequenzen aus der Kino-Frühzeit gezeigt.

Donna Leon, Annett Renneberg , 8. Juli, 20.30 Uhr, Kriminacht im Nikolaisaal: Donna Leons Krimis um Commissario Brunetti feiern weltweit Erfolge. Zur Kriminacht bringt sie ihr neuestes Buch mit, „Stille Wasser“. Als deutsche Stimme an ihrer Seite: Annett Renneberg, bekannt als Signorina Elettra aus den deutschen TV-Verfilmungen.

Christoph Hein , 8. Juli, 19 Uhr, Museum Barberini: Der Autor liest aus seinem Roman „Trutz“.

Tickets unter 0331/2840284, Details und Infos zu finden auf www.litpotsdam.de

Für das Festival wurde Hanns-Josef Ortheil als Writer in Residence gewonnen, er wird Diskussionen führen, etwa mit Dennis Scheck, und aus seinen Büchern lesen. Ortheil lernte erst mit sieben Jahren zu sprechen, da seine Mutter über diverse und tragische Todesfälle in der Familie immer schweigsamer und schließlich stumm geworden ist. Sein erster Satz sei gewesen: „Gib mal her!“, als er beim Fußballspielen den Ball haben wollte.

Ortheil ist ein Autor, der Atmosphäre dicht, elegant und gelenkig aufbereiten kann, seinen autobiografischen Roman „Die Erfindung des Lebens“ aus dem Jahr 2009 beginnt er mit dem Kapitel „Das stumme Kind“: „Damals, in meinen frühen Kindertagen, saß ich am Nachmittag oft mit hoch gezogenen Knien auf dem Fensterbrett, den Kopf dicht an die Scheibe gelehnt, und schaute hinunter auf den großen, ovalen Platz vor unserem Kölner Wohnhaus. Ein Vogelschwarm kreiste weit oben in gleichmäßigen Runden, senkte sich langsam und stiege dann wieder ins letzte, verblassende Licht.“

Ortheil wurde 1951 in Köln geboren, er lebt in seiner Heimat, außerdem in Stuttgart und Wissen an der Sieg – seine Bücher wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt, sein Werk ist zahlreich ausgezeichnet worden, auch mit dem Brandenburger Literaturpreis. Jann Jakobs, Oberbürgermeister von Potsdam und Schirmherr der Lit:Potsdam, sagt, er lese Ortheil seit dessen Debüt und halte ihm die Treue.

Wieder sollen mindestens 3500 Gäste kommen

Mit einem Etat von 150 000 Euro ist das Festival gut ausgestattet, an Förderungen gibt es 44 000 Euro vom Land und 33 000 Euro von der Stadt. Der Bund schießt 39 000 Euro für die Veranstaltungen auf Schloss Reckahn (Potsdam-Mittelmark) zu, wo bereits am Wochenende des 1./2. Juli Diskussionen und Lesungen unter dem Motto „Reformation und Leselust“ stattfinden. Im Zentrum steht Luther, 500 Jahre nach Verkündung der Thesen zu Wittenberg.

In Reckahn werden große Namen wie Heiner Geißler, Moritz Rinke, Feridun Zaimoglu und Dominique Horwitz erwartet. Dieser illustren Reihe folgen in Potsdam bekannte Autoren und Künstler wie Christoph Hein, Navid Kermani, Christian Brückner, Hanns Zischler, Natalia Wörner und Harald Welzer.

Im vergangenen Jahr kamen 3500 Gäste zur Lit:Potsdam, mit dieser Zahl wird in diesem Jahr als Minimum gerechnet, denn das Festival wächst. Weitere 1000 junge Besucher kamen 2016 zum Kinder- und Jugendprogramm, das auch in diesem Jahr zum Programm zählt.

Von Lars Grote

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