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Vergessene Fluchtgeschichten von Deserteuren der sowjetischen Armee

Ausstellung in der Gedenk- und Begegnungsstätte in der Potsdamer Leistikowstraße Vergessene Fluchtgeschichten von Deserteuren der sowjetischen Armee

In der Gedenk- und Begegnungsstätte in Potsdams Leistikowstraße, dem einstigen KGB-Gefängnis, kann man sich eine Ausstellung anschauen, die sich den sowjetischen Deserteuren und ihren deutschen Helfern im ersten Nachkriegsjahrzehnt widmet. Sie erzählt von Fluchten aus der sowjetischen Besatzungszone und DDR in den Westen.

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Im Zellentrakt des einstigen KGB-Gefängnisses: Sarah Bornhorst und Ines Reich (v.l.), die Kuratorinnen der Ausstellung.

Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Sie schrieben um ihr Leben. Um dem Todesurteil zu entgehen. Im russischen Staatsarchiv in Moskau (GARF) wurden jene vier Gnadengesuche von sowjetischen Armeeangehörigen per Zufall entdeckt, die man nun in Auszügen in der Sonderausstellung „Fahnenflucht in den Westen – Sowjetische Deserteure und ihre deutschen Helferinnen und Helfer“ in der Gedenk- und Begegnungsstätte in der Potsdamer Leistikowstraße sehen kann. Sie widmet sich Fluchten aus der sowjetischen Besatzungszone bzw. DDR im ersten Nachkriegsjahrzehnt.

Bedrängnis, Repressalien, Drill und Liebe

Im einstigen KGB-Gefängnis saßen mehrere hundert sogenannte Vaterlandsverräter ein, die türmen wollten. Sowie deutsche Frauen und Männer, denen „Beihilfe zum Vaterlandsverrat“ vorgeworfen wurde. „Schätzungen ihrer Zahl sind schwierig“, sagt Ines Reich, die gemeinsam mit Sarah Bornhorst, beide Historikerinnen, die sehenswerte Schau in den drei Räumen kuratiert hat. Erzählt werden tragische, nachdenklich machende Geschichten. Von Bedrängnis, Repressalien, Drill, großem Leidensdruck und Nöten. Die Flucht schien der einzige Ausweg.

Das einstige KGB-Gefängnis  in der Potsdamer Leistikowstraße

Das einstige KGB-Gefängnis in der Potsdamer Leistikowstraße.

Quelle: Julian Stähle

So war es auch beim Feldwebel Dimitrij D. Schkarupa (1927-1950). Einem kasachischen Bauern, der im Dörfchen Uspensk geboren wurde. Mit 17 zog man ihn im November 1944 zum Militärdienst ein. Bei den Besatzungstruppen in Deutschland diente er dann ab 1947. Man ließ ihn nicht auf Heimaturlaub fahren. Das Heimweh wurde immer größer. Sein Verhängnis: Mit Promille intus meinte er zu einem Kameraden im Mai 1950, er trage sich mit dem Gedanken zu flüchten. In seinem Gnadengesuch – es sind die einzigen Dokumente in der Schau, in denen die Verurteilten selbst zu Wort kommen – gibt er an, es habe persönliche Differenzen mit der militärischen Führung und dem Parteiorganisator seiner Einheit gegeben. Und dass man sich an ihm rächen wollte. Es hatte einen Unfall gegeben. „Auf Posten hatte ein Wachsoldat durch einen versehentlichen Schuss einen anderen Soldaten verwundet und vor Schreck sich selbst.“ Danach hatte Schkarupa sich einem operativen Mitarbeiter gegenüber über die „Ordnung“ in seiner Einheit mokiert. Man überwachte, schikanierte ihn nun. Im Gnadengesuch heißt es: „Leutnant Bondar sagte: ,Der fährt nicht auf Urlaub’.“ Als von der Mutter ein Brief kam, der Vater sei schwer erkrankt, wandte er sich an Politstellvertreter Major Sajukow. Dieser antwortete: ,Was soll’s, er soll verrecken.“ Schkarupas Flucht-Äußerung – pure Verzweiflung. Er wurde zum Tode verurteilt und erschossen.

Das Glück der Heirat nach Jahren der Trennung

Hochzeitsfoto von Charlotte Baumann und Theodor Szewtschenkow

Hochzeitsfoto von Charlotte Baumann und Theodor Szewtschenkow.

Quelle: Julian Stähle

Manchmal besiegelte auch eine verbotene Liebe zu einem „Russenliebchen“, wie die Deutschen das nannten, ein Schicksal. Letztlich glücklich ging sie beim Offizier Theodor Szewtschenkow aus. Er war Chef der Bekleidungskammer der sowjetischen Armee in Bernau. Dort hatte er Charlotte Baumann kennengelernt. Sie und Annemarie B. , die beide mit ihm etwas hatten, verschafften ihm einen falschen Pass und Zivilkleidung für die avisierte Flucht. Mit Hilfe von Maria Halmen glückte es ihm Anfang September 1947, über die grüne Grenze in den Westen zu gelangen. Baumann indes war erst im Speziallager Sachsenhausen, dann im Frauengefängnis Hoheneck. 1953 kam sie frei. Und konnte bald darauf ihren Theodor in West-Berlin heiraten. 1954 wanderten sie nach Kanada aus. Das Paar blieb für immer zusammen. Ihr Hochzeitsfoto kann man in der Ausstellung sehen.

Dort erfährt man auch von einem Armeeangehörigen, der straffällig geworden war. Arkadi Jarcho hatte bei der Demontage der Hydrierwerke in Pölitz, nahe dem heutigen polnischen Stettin, wo Flugbenzin hergestellt wurde, 50 000 Liter veruntreut. Jarcho brachte zusammen mit seiner deutschen Geliebten Lieselotte Vick die Haushälterin um, weil sie von seinem Vergehen wusste und ihn erpresste. Sie setzten sich ins Ruhrgebiet ab. Jarcho wurde von der Spionageabwehr entführt und in die sowjetische Besatzungszone gebracht. Der Fall wurde aufgerollt, er kam in der Leistikowstraße hinter Gittern.

„Es waren überbelegte, stinkende Zellen, ungezieferverseucht“, sagt Ines Reich. „Es gab nur blanke Holzpritschen und ständig brennendes Licht. Auf dem Papier existierte zwar ein Gefängnisarzt, aber keiner der Insassen berichtete, jemals ein Medikament bekommen zu haben. Man wendete Gewalt an, um Aussagen zu erpressen.“

Von Angelika Stürmer

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