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Vergleich: „Kruso“ in Potsdam und Magdeburg

Theater Vergleich: „Kruso“ in Potsdam und Magdeburg

Lutz Seilers Erfolgsroman „Kruso“ wurde am Hans-Otto-Theater Potsdam und am Theater Magdeburg inszeniert. Für die Regisseure ist die Bühnenfassung eine große Herausforderung, da in dem Stück recht wenig passiert. Wie sie es trotzdem schaffen, das Publikum zu bannen.

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Holger Bühlow (Ed) und Raphael Rubino (Kruso) in der Inszenierung von Elias Perrig am Hans-Otto-Theater Potsdam.


Quelle: HLBOEHME

Potsdam. Der Roman „Kruso“ imaginiert eine Insel, auf der eine Utopie gelebt wird. Aus dem Erfolgsbuch von Lutz Seiler (Deutsche Buchpreis 2014) hat Dagmar Borrmann eine Theatervorlage abgeleitet. Wer das Stück aufführt, kommt nicht umhin, der Utopie ein Gesicht zu geben.

Am Theater Magdeburg, wo „Kruso“ im September 2015 uraufgeführt wurde, schwelgt das Bühnenprospekt in fantastischen Ausschmückungen und tropischen Träumereien. In Potsdam, wo eine leicht abgewandelte Bühnenfassung seit Freitag auf dem Spielplan steht, wird der Zuschauer konkret mit den Realien einer volkseigenen Ausflugsgaststätte konfrontiert. Die Tische mit Igelittdecken und gepolsterten Stühle könnten tatsächlich 1989 im „Klausner“ auf der Insel Hiddensee gestanden haben. Marsha Ginsberg rückt sie in ein hohes, unfertig wirkendes Halbrund aus Pressspan-Paneelen und versetzt den Zuschauer in eine Art Schiffsbug.

Üppige Bilder sollen den Mangel an Handlung kompensieren

Am Hans-Otto-Theater gibt es kaum einen Hingucker, der von den Einzelleistungen der neun Ensemble-Schauspieler ablenken könnte. In Magdeburg ist das ganz anders. Dort spielen zwölf Schauspieler eine recht kompakt wirkende Belegschaft. Regisseurin Cornelia Crombholz spart nicht mit Zutaten wie Licht und Farben und schickt obendrein noch acht Statisten als Pantomimen ins Rennen. Üppige Bilder sollen hier den Mangel an Handlung kompensieren. Denn das 480-Seiten-Epos ist vor allem Innenschau und Beschreibung von Wahrnehmung und lässt sich nur schwer auf eine spannende Geschichte und auf Dialoge reduzieren.

Was passiert in „Kruso“ schon? Einige DDR-Aussteiger fühlen sich als „Esskas“ (Saisonkräfte) im Klausner sehr wohl, weil sie hier auf ihresgleichen treffen. Es ist die letzte Station vor einer (un)möglichen Flucht übers Meer, nur der mysteriöse Titelheld Kruso versteht den Ort als definitive Gegenwelt. Über ein altes Küchenradio erfahren der Koch, der Eisverkäufer, der Oberkellner und der Chef der Gaststätte von der erfolgreichen Flucht Tausender DDR-Bürger in den Westen. Als dann im November auch noch der Fall der Mauer gemeldet wird, setzen sie sich alle ab. Nur Ed lässt sich von Kruso überzeugen, im Klausner die Stellung zu halten.

In Magdeburg darf der Traumatisierte länger schweigen

Das Destillat für die Bühne muss vor allem auf Figuren und Stimmungen setzen, um ein kraftvolles Theatererlebnis zu garantieren. Das Buch erzählt die Geschichte aus Sicht von Ed. Nachdem seine Freundin bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, flieht der Literaturstudent nach Hiddensee und braucht eine Weile, bis er von der eingeschworenen Gemeinschaft aufgenommen wird. Der Ed in Magdeburg (gespielt von dem Potsdamer Schauspieler Raimund Widra) darf seine tiefe Verstörtheit durch verstocktes Schweigen zum Ausdruck bringen. Der Ed in Potsdam redet von Anbeginn, allerdings in der dritten Person. Regisseur Elias Perrig räumt dem Schauspieler Holger Bülow eine deutlich kürzere Wegstrecke ein, um die Überwindung seines Traumas darzustellen.

Die Potsdamer Aufführung setzt vor allem auf den äußerlichen Gegensatz der beiden Hauptdarsteller. In einer Szene tanzen die beiden Abwäscher halbnackt miteinander. Neben dem Hänfling Bülow nimmt sich Raphael Rubino wie ein Sumo-Ringer aus. Seine vielen Pfunde garantieren aber noch kein Mehr an Autorität. Blaumann, Vollbart und lange Haare verleihen diesem Kruso den Zuschnitt eines Handwerkers oder Kanalarbeiters, dem man die Feingeistigkeit nicht unbedingt abnimmt. Dass er von rätselhaften Kräften getrieben wird, kommt aber über die Rampe. Die Zwiegespräche mit Ed verpuffen etwas, da beide mit einer ähnlich sonoren Bassstimme sprechen. Sie fühlen sich im Verlustschmerz verbunden, denn auch Kruso trauert um einen nahen Menschen. Das Entstehen ihrer speziellen Nähe wird in der Magdeburger Aufführung deutlicher erzählt, wenn Ed und Kruso gemeinsam am Abwaschbecken stehen und Hand in Hand gegen die Berge schmutzigen Geschirrs ankämpfen. In Potsdam wird dagegen die ganze Belegschaft gezeigt, die sich in geschmeidig choreografierten Gruppenszenen die Teller zuwirft, um die Hektik eines Restaurantbetriebs zu Stoßzeiten zu demonstrieren. „Jo – läuft“ rufen sie immer wieder, unterlegt von einem monotonen Neue-Deutsche-Welle-Rhythmus.

Beide Inszenierungen sind weder prüde noch peinlich

Gesangseinlagen und Klangeffekte (Musik: Marc Eisenschink) veredeln diese Inszenierung gehörig. Ob zum Tagesausklang die Nationalhymne erklingt, Mücken ihr Unwesen treiben oder wiederholt der Nonsensvers „Warum ziehen der Mond und der Mann zu zweit so bereit nach dem Meer“ intoniert wird – Regisseur Perrig punktet mit vielen überraschenden Umschwüngen. Plötzlich öffnet sich der Bühnenraum ins Parkett, die Figur einer russischen Militärpolizistin (Larissa Aimée Breidbach), die Signalfahnen schwenkt, sorgt für surreales Kolorit und auch eine erotische Szene mit dieser Schauspielerin glückt. In dieser Hinsicht ist auch die Inszenierung in Magdeburg weder prüde noch peinlich.

Dort endet das Stück am 13. November 1989, während die Potsdamer noch einen Epilog anfügen, der sich den unbekannten Wasserleichen widmet, ertrunkene DDR-Flüchtlinge, die in Dänemark über Jahrzehnte angespült wurden. Die Magdeburger drucken dafür im Programmheft ein erhellendes Interview mit Erik Jensen, dem Hafenmeister von Klintholm ab: „Wenn unsere Fischer zwischen Mön und Rügen das Schleppnetz hochholten, lagen manchmal Leichen zwischen den Fischen“.

Theater verstehen sich nicht mehr als Leitmedium

Im letzten Drittel verliert die 130-minütige Potsdamer Aufführung etwas an Prägnanz. Auch in der unbeholfenen Eingangsszene im Hans-Otto-Theater stimmt der Grundgestus noch nicht. Für Theaterfreunde lohnt sich ein Vergleich zwischen Potsdam und Magdeburg, da beide Häuser mit zum Teil gegensätzlichen Mitteln einen epischen Stoff für die Bühne erschließen möchten. Wer den Roman nicht gelesen hat, dem werden aber hier wie dort viele Details befremdlich erscheinen. Was auf ein generelles Problem verweist: Die Theater verstehen sich heute zusehends als Teil einer Verwertungskette, nicht mehr als Leitmedium. Viele Ensembles spielen keine gegenwärtigen Theaterstücke mehr, sondern versuchen nur noch vom Glanz anderer medialer Welten zu profitieren.

Von Karim Saab

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