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Viele Guckkästchen statt Guckkastentheater

Theatertreffen Viele Guckkästchen statt Guckkastentheater

Früher war „Guckkastentheater“ verpönt. Theatermacher wollten die Kluft zwischen Akteuren und Rezipienten aufheben. Heute liefern sie viele Guckkästchen und der Zuschauer muss sich das Gesehene selbst im Kopf zusammenschneiden. Eine Betrachtung nach der „Borderline-Prozession“ und den „Drei Schwestern“ beim 54. Berliner Theatertreffen.

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Multiperspektivisches Theater: Eines von ungezählten Bildern in mehreren Räumen, das der Zuschauer während der „Borderline-Prozession“ vielleicht sogar übersieht.

Quelle: Marcel Schaar

Berlin. Die ersten beiden Gastspiele beim Berliner Theatertreffens trumpfen mit aufwendigen Bühnenbildern auf, die in Erinnerung bleiben. Für das Gelingen einer Inszenierung ist das noch lange kein Garant, aber ein Hinweis darauf, dass das aktuelle Regietheater verstärkt vom Bild her denkt. Den Regisseuren von heute ist herkömmliches Ideentheater, sind die Freiräume für Schauspieler offenbar weniger wichtig.

Michael Sieberock-Serafimowitsch entwarf für das Schauspiel Dortmund einen ganzen Gebäudekomplex. Es dauerte vier Wochen, die gewaltige, detailreiche Kulisse in einer leerstehenden Industriehalle in Berlin-Schöneweide aufzubauen. Die Zuschauer sitzen abwechselnd auf zwei Tribünen. Auf der einen Längsseite blicken sie in eine aufgeschnittene Zimmerflucht, auf der anderen Längsseite auf eine Straßenszenerie mit Kiosk, echtem Auto, Bordell-Schaufenster und bewachtem Hauseingang. „Die Borderline Prozession“, so der Titel, besteht zunächst aus 20 Figuren, die mehr als zwei Stunden um diesen Innenraum kreisen, als sei er das Heiligtum von Mekka. Die Protagonisten, unter ihnen skurrile Typen wie ein fetter Geschäftsmann, ein Tourist oder ein leichtes Mädchen, tauchen wiederholt in die Kulisse ab, setzen sich dort zum Beispiel in die Küche und schnippeln Gemüse, putzen zwanghaft das Bad oder träumen starr im Auto vor sich hin, um sich dann später wieder dieser kreisenden Prozession anzuschließen. Sie wird angeführt von einem Kamerawagen, der die vielfältigen Szenen im Innenraum gleichmäßig abfilmt und auf Leinwände überträgt, die über der Gebäudeflucht hängen. Der Zuschauer erlebt also das Geschehen in der Totale sowie die zugespielten Ausschnitte. Regisseur Kay Voges erzählt nicht einmal Handlungsfetzen, sondern zelebriert ein Overkill an Einzelbildern, Eindrücken und Informationen. Teil seiner krachenden Collage ist ein stilistischer Mix aus eingängiger Konservenmusik, eingelesenen Textbausteinen und aktuellen Informationen.

Es ist noch gar nicht lange her, da wollten die Theaterleute die „Guckkastenbühne“ überwinden. Sie ersannen interessante Konzepte, um die Trennung zwischen Akteur und Rezipient aufzuheben. Das Regietheater dieser Saison setzt dagegen auf ein Vielfaches an Guckkästchen. Während in einen Raum jemand fern sieht oder am Computer spielt, setzt sich im anderen Raum jemand aufs Klo oder duscht. Während ein Arzt einem Patienten beim Sterben zuschaut, vögelt im Zimmer nebenan selbstvergessen ein Paar.

Auf dieses voyeuristische Prinzip setzte auch die Eröffnungsinszenierung des Theatertreffens - „Drei Schwestern“ vom Theater Basel. Lizzie Clachan ließ für das Personal des Familiendramas ein schickes Designerholzhaus mit riesigen Glasfenstern errichten. Regisseur Simon Stone verlegt die Handlung aus Russland in die Schweiz, aus dem 19. ins 21. Jahrhundert. Die Sprösslinge der Familie und ihre Angehörigen reden und lästern, so wie man heute redet und lästert. Sie träumen nicht von Moskau, sondern von Berlin und New York. Kein Satz von Anton Tschechow wurde übernommen, die Aufführung ist kurzweilig, ihr fehlt aber sinnlicher oder psychologischer Tiefgang. Entscheidend ist, dass sich die Turbulenzen alle in diesem Haus abspielen. Die Schauspieler tragen Mikroports, damit man sie draußen im Parkett hinter der Glasscheibe auch versteht. Der Zuschauer sieht ihnen bei allen Verrichtungen zu – sei es beim Kochen, Duschen oder Lieben.

Die Dynamik stellt sich auch bei dieser Aufführung durch ein beständiges Kreisen her. Das Glashaus steht auf einer Drehbühne und rotiert. Dem Auge stellt sich die Frage, was hinter der nächsten Ecke zu sehen sein wird. Im Gegensatz zur „Borderline-Prozession“ erzählte das Theater Basel eine Geschichte. Sie setzt sich aus den Dialogen zusammen und aus den Szenen in den Guckkästchen. Der Zuschauer ist auch hier sein eigener Schnittmeister.

In der Gegenwart von Mikrofon oder Kamera müssen sich Theaterschauspieler zügeln und spielen wie Filmschauspieler. Die eigentliche Qualität des Theaters, mit den Zuschauern Raum und Gegenwart, Stimme und Körper zu teilen, bleibt da schnell auf der Strecke. Wer besucht schon eine Aufführung, um ein Geschehen hinter Glas zu verfolgen und die Stimmen aus dem Lautsprecher zu vernehmen? Das bietet auch der häusliche Bildschirm.

Sicher möchte das Theater auch die digitalisierte Welt abbilden und es ist seit Frank Castorf auch ein Bühnenthema, live dabei zu sein, wenn filmische Bilder entstehen. In der „Borderline-Prozession“ darf sich die Selfie-Generation am Ende sogar in aufreizenden Lolita-Gesten kaprizieren. Das ist nicht avantgardistisch, sondern wahrscheinlich sogar reaktionär. Die Inszenierung aus Dortmund möchte Welttheater sein und liefert deshalb mit großem Aufwand ein Sammelsurium an schwulstigen Bildern und pathetischen Worten, an naturalistischen Momenten und apokalyptischen Ängsten, an manipulativen Liedern und katholischen Gerüchen. Unterm Strich ist das nur bombastischer Kitsch. Denn die These, die Welt mitsamt Internet überfordere den Einzelnen, ist nicht mehr als eine Binsenweisheit.

Von Karim Saab

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