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Volksbühne besetzt: "Bitte lüftet mal!"

Theaterstreit in Berlin eskaliert Volksbühne besetzt: "Bitte lüftet mal!"

Seit Monaten gibt es Streit um die Berliner Volksbühne, nun haben Aktivisten das Theater besetzt. Die neue Leitung verhandelt mit den ungebetenen Gästen. Ihr Manifest klingt nach der Bürokratie der Anarchie.

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„Doch Kunst“: Das Banner wurde an der Fassade der Volksbühne befestigt.
 

Quelle: Twitter

Berlin. Der Neubeginn der Volksbühne spielte sich bislang nicht am Rosa-Luxemburg-Platz ab, sondern auf dem Flughafengelände Tempelhof. Hier lud der neue Intendant Chris Dercon zu Tanzmarathon und einer Inszenierung der „Iphigenie“ vor dem Hintergrund des Syrienkonflikts. Nun aber ist plötzlich doch wieder das eigentliche Theaterhaus selbst zum Schauplatz einer spektakulären Inszenierung geworden: Am Freitagnachmittag wurde die Volksbühne von dem Kunst-Kollektiv „Staub zu Glitzer“ besetzt. An der Fassade des Theaters befestigten die Aktivisten ein Banner mit der Aufschrift „Doch Kunst“. Über Twitter ließ das Kunst-Kollektiv verlauten: „Bei unserer performativen Intervention geht es nicht um die Personalie Chris Dercon, sondern um eine Neuaushandlung des Ortes.“ Die Aktion, die als „transmediale Inszenierung“ bezeichnet wird, sei seit mehr als einem Dreivierteljahr von einem harten Kern von 40 Personen vorbereitet worden. Rund 100 Aktivisten hätten nun die Volksbühne okkupiert.

Der Twitteraccount der Gruppe ist nach der derzeit größten Atombombe B6112 benannt, auf Bildern ist zu erkennen, wie die Kunstaktivisten einen Nachbau in den Theaterräumen aufstellen. „Die Bombe tickt“, hieß es metaphorisch. Ansonsten distanziere man sich jedoch von Gewalt.

Protest gegen Gentrifizierung

In einer Pressemitteilung stellte das Kollektiv die Aktion in Zusammenhang mit einem Protest gegen Gentrifizierung: „Neben der extremen und unverfrorenen Verdrängung der Wohnbevölkerung findet eine ebenso starke Verdrängung kultureller Einrichtungen wie Clubs, Ateliergemeinschaften oder Theaterbühnen statt zugunsten einer an Massentourismus und Profit orientierten Kulturlandschaft.“ Die Neuausrichtung der Volksbühne sei symptomatisch für diese Entwicklung. „Staub zu Glitzer“ fordert eine Neuverhandlung über die Zukunft des Theaterhauses und die Wiederaufnahme von Stücken, die durch den Intendantenwechsel aus dem Spielplan verbannt wurden.

Naiv mutet die Idee an, die Mitarbeiter eines Theaters sollten künftig bei Änderungen des Intendanten in die Entscheidungsfindung einbezogen werden. Das Konzept der „transmedialen Inszenierung“ wird mit den Punkten beschrieben: Selbstorganisierte Arbeitsgruppen, tägliche Delegiertentreffen, abendliche Zusammenkünfte, wöchentliche Versammlungen, monatliche Aufführungen, ständiges Büro und Schiedsgericht. Das klingt nach der Bürokratie der Anarchie. Offenbar dient die Besetzung vor allem als publikumsträchtige Vorstellung des Kollektivs, das noch weitere Aktionen plant. In dem der Presse vorgelegten Manifest wird die Organisation bis zur Angabe der Verpflegungsplanung durchgespielt.

Augenzeugen berichten, die Aktivisten richteten sich offenbar auf eine längerfristige Besetzung an. Es seien Handzettel verteilt worden, die über die „Aufnahmebedingungen für Bewohner“ informieren, berichtet die „taz“. Dazu gehöre es, „einmal monatlich an einem vom Haus ausgehenden Projekt teilzunehmen oder selbst eines zu initiieren.“ Zunächst einmal feierten die Aktivisten die Besetzung als eine große 60-Stunden-Party.

Gespräche bislang ohne Ausgang

„Die Gespräche endeten vorläufig ergebnisoffen“, erklärte die Volksbühne am Samstag auf ihrer Facebook-Seite. Bis tief in die Nacht habe es Gespräche zwischen den Aktivisten, der Kulturverwaltung und dem Volksbühnenteam gegeben, sagte der Sprecher des Theaters Johannes Ehmann. Auch Intendant Chris Dercon und Kultursenator Klaus Lederer (Linke) waren dabei. Die Kassen im Theater blieben vorerst geschlossen, erklärte das Volksbühnen-Team weiter. Den Mitarbeitern sei die Arbeit dort unter den aktuellen Umständen nicht zuzumuten.

Am Samstag werde es weitere Gespräche geben, sagte der Sprecher der Berliner Kulturverwaltung, Daniel Bartsch, am Samstag der dpa. Eine Räumung sei nicht geplant. Die Aktivisten kündigten unterdessen eine „erste Vollversammlung“ für Samstagnachmittag an - und riefen via Twitter zu Sachspenden wie Toilettenpapier oder Büromaterial auf.

In dem Haus am Rosa-Luxemburg-Platz sind erst ab November Aufführungen des Dercon-Teams geplant. Das Theater erklärte Samstag, von den Aktivisten erwarte man, dass sie die Hausregeln beachteten, das Haus nicht beschädigten und den Mitarbeitern „friedlich“ begegneten. „Und bitte lüftet mal.“

Porträt Chris Dercon

Von Nina May/RND

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