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Von Drahtziehern in der Mark

Ausstellung Von Drahtziehern in der Mark

Der Titel der neuen Ausstellung im Brandenburger Dommuseum lässt aufhorchen: „Märkische Drahtzieher – Textilgeschichte trifft Landesgeschichte“. Was hat das Metallische mit den Textilien zu tun? Sehr viel, wie man bei dem Rundgang erfährt. Dabei spielt die Ausstellung mit dem Doppelsinn des Drahtzieher-Begriffs – politisch und eben stofflich.

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Diese Stickerei ziert den Deckel eines Nähkästchen mit schimmerndem Goldgrund, um 1490.

Quelle: Museum

Brandenburg/Havel. Auf den ersten Blick hat der Titel der neuen Ausstellung im Brandenburger Dommuseum etwas Irritierendes: „Märkische Drahtzieher – Textilgeschichte trifft Landesgeschichte“. Was hat das Metallische mit den Textilien zu tun? Sehr viel, wie man bei dem Rundgang erfährt. Dabei spielt die Ausstellung mit dem Doppelsinn des Drahtzieher-Begriffs. Und im Politischen war es vor 700 Jahren nicht anders als heute: Strippenzieher arrangierten so manche große Aktion.

Ein populäres Mittel, um eigene Interessen durchzusetzen, waren Finanzspritzen in Form großzügiger Stiftungen. Zu Zeiten Karls IV. waren das zum Beispiel Luxusgewänder aus kostbarsten Materialien. Hier kommen die realen Drahtzieher ins Spiel, die jenes Kunststück fertig brachten, das die Müllerstochter im Märchen vom Rumpelstilzchen nicht schaffte: Goldfäden zu verfertigen. Allerdings nicht aus Stroh; vielmehr umwickelte man Seiden- oder Leinenfäden mit feinstem Golddraht, der zu einem flachen Lahn gehämmert wurde, und schaffte so in vielen Dutzend Arbeitsgängen ein Material, das sich zum Weben oder Sticken eignete. Indem die Ausstellung auch auf diese technischen Belange eingeht, schafft sie nebenher eine Brücke zwischen dem aktuellen Handwerks-Thema von Kulturland Brandenburg und dem vor allem im Tschechischen und Bayerischen, aber auch im Brandenburgischen gefeierten 700. Geburtstag von Karl IV.

Kaiser Karl IV. verteilte üppige Gaben an die Kirche

Dabei gelingt es der Ausstellung auf beeindruckende Weise, Historisch-Faktisches mit bemerkenswerten Exponaten aus dem eigenen Bestand zu kombinieren. Als Drahtzieher in eigener Sache waren hierbei Museumsleiter Rüdiger von Schnurbein und die Textilrestauratorin Geertje Gerhold aktiv.

Am Beginn des Rundgangs stehen die frühesten Kirchengewänder aus dem Brandenburger Domschatz: Ein sogenanntes Subtile sowie eine Dalmatik, beide aus dem 14. Jahrhundert. Als sich im Jahre 1374 Karl IV., in Personalunion König von Böhmen sowie römisch-deutscher Kaiser, anschickte, auch Markgraf von Brandenburg zu werden, dokumentierte er mit üppigen Gaben an die Kirche, wer künftig das Sagen im Lande hat. Dabei stammten die goldenen Besatzstoffe auf den Gewändern hier noch aus Fernost. Aber auch im Märkischen gingen die Textilwerkstätten nun daran, ähnlich prächtige Gewänder zu fertigen.

Günstlinge und Winkelzüge allenthalben

Ein weiteres Großgeschenk Karls war der Böhmische Altar, dessen Predelltafel mit Szenen aus dem Leben des Paulus derzeit als Brandenburger Leihgabe in der großen Prager Ausstellung zu Ehren Karls IV. in der Wallenstein-Reitschule zu sehen ist. Als Drahtzieher im Hintergrund wirkte Bischof Dietrich von der Schulenburg. Ein eher kleines Pergament, aber mit einem Riesensiegel, belegt, wie hoch Dietrich in der Gunst des Kaisers stand.

Besiegelt

Besiegelt: Kaiser Karl IV. bestätigt am 16. Mai 1376 Bischof Dietrich von der Schulenburg in seinen Brandenburger Besitztümern.

Quelle: Museum

Auch in den späteren Jahren bedienten sich die Brandenburger Kurfürsten politischer Winkelzüge verschiedenster Art, um auf die Kirche Einfluss zu nehmen. So bei der dubiosen Bischofswahl 1472, als das Domkapitel einen Bischof ohne Zustimmung des Landesherrn gewählt hatte. Erst als dieser Arnold von Burgsdorf zurücktrat und Kurfürst Albrecht Achilles ihn seinerseits erneut vorschlug, konnte der oberste Kirchenherr sein Amt antreten. Als Schmiermittel in dieser verfahrenen Lage dienten wiederum opulente Gewänder – einige davon kann man in zwei gegenüberliegenden Vitrinen sehen. Der Kurfürst investierte in ein komplettes Ornat aus vier wertvollsten Brokatsamtgewändern, von denen eines gezeigt wird. In ihm sind flächendeckend Goldfäden verarbeitet. Der Bischof spendete eine Gewändergruppe aus dunkelgrünen Samtgeweben.

Auf einem fällt vor allem bei der Stickerei die verschwenderisch reiche Verwendung von Goldfäden und vergoldeten Pailletten auf. Selbstredend ließen beide Kontrahenten auf den Gewändern als frühe Werbemaßnahme ihre Wappen aufsticken.

Kirchkatze führt die Kids

Die Ausstellung ist noch bis Ende Oktober im Brandenburger Dommuseum zu sehen.

Geöffnet ist Montag bis Samstag von 10 bis 17 Uhr, Sonntag von 11.30 bis 17 Uhr. Eintritt frei, eine Spende wird erbeten.

Jüngere Besucher führt eine „Brandenburger Kirchkatze“ durch die Schau.

Im Dom-Laden kann das gutgemachte Begleitheft zur Ausstellung für 6 Euro erworben werden.

Empfehlenswert ist nach dem Ausstellungsrundgang auch ein Besuch des neuen Restaurants im Burghof mit schönen Außenplätzen.

Damit der Besucher nicht von der Pracht der gezeigten Textilien erdrückt wird, lädt die Schau immer wieder zu Exkursionen ins Praktisch-Handwerkliche ein. So erfährt man, wie das genau funktionierte mit den verschiedenen Drahtzieher-Methoden, einen Goldfaden zu verfertigen, und an einem kleinen Tisch kann man es mit drei Spulen auch selbst ausprobieren. Den Studien von Geertje Gerhold ist es zu danken, dass eine frühe Form der Rationalisierung beim Übertragen von Musterungen für die Stickereien zu sehen ist: Mit Hilfe von schlichten Figurenvorlagen, die mittels eines Lochstich-Asche-Verfahrens auf den Stoff aufgetragen wurden und sich beliebig weiter ausschmücken ließen.

Aufschlussreich ist auch, wie man einzelne Bildteile zum Leben erweckt. So ist zu sehen, dass die Maria Magdalena auf dem Kalvarienbergaltar im Dommuseum ein Gewand aus Seidenbrokat trägt, das dem der Kurfürst-Achilles-Stiftung ziemlich ähnelt. Was auf einen weiteren bemerkenswerten Punkt verweist: Hochrangige Textilien jener Zeit waren so kostbar, dass eine Zweit- und Drittverwertung an der Tagesordnung war. So haben manche der kirchlichen Stiftungsgewänder zuvor schon eine große Zeit an den Fürstenhöfen erlebt. Das Material war, wie gerade bei diesem Beispiel zu sehen, so wertvoll, dass man auch vor kleinteiligen Stückelungen nicht zurückschreckte.

Textilrestauratorinnen gelingt verdienstvolle Rettung

Alles Textile ist aber auch, nicht zuletzt durch häufigen Gebrauch, ziemlich vergänglich. Vieles von dem, was überliefert ist, fand sich zunächst in einem recht desolaten Zustand, und es ist das Verdienst der Textilrestauratorinnen, auch schon zu DDR-Zeiten, einen Großteil der Stücke wieder in einen vorzeigbaren Zustand versetzt zu haben. Das Davor und danach wird sehr schön am Beispiel einer Kasel aus dem 15. Jahrhundert mit plastischer Stickerei belegt. Heute ist sie ein Schmuckstück, Fotos zeigen, dass sie noch vor wenigen Jahren in einem eher erbarmungswürdigen Zustand war.

Mit etwa 80 Kirchengewändern sowie anderen Paramenten wie Klingelbeuteln, Decken, Behängen und Kopfbedeckungen hat der Brandenburger Dom neben der Marienkirche in Danzig und dem Dom zu Halberstadt den größten mittelalterlichen Bestand an Kirchentextilien. Die Paramente wurden nicht wie andernorts von Sammlern zusammengetragen, sondern alles fand seit dem Mittelalter im Dom oder in anderen Brandenburger Kirchen während der Messfeiern Verwendung.

Von Frank Starke

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