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Von der Qual, ein Wertkonservativer zu sein

Buch-Neuerscheinung Von der Qual, ein Wertkonservativer zu sein

Stefan aus dem Siepen hat „Das Buch der Zumutungen“ geschrieben. Es enthält 303 Reflexionen, Betrachtungen und Anekdoten aus dem Alltag. Als Künstler möchte sich der Potsdamer Autor und Kulturkritiker gegen die „Reize des Modischen“ behaupten. Wie liest sich diese Abrechnung mit der modernen Welt?

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Für zeitlose Kunst: Stefan aus dem Siepen.

Quelle: Foto: dtv/Schumacher

Potsdam. Es kommt vor, dass die S-Bahn im Potsdamer Hauptbahnhof einläuft, alle Fahrgäste ungeduldig aussteigen und nur ein kleiner Mann mit hoher Stirnglatze und Lederaktentasche sitzen bleibt. Er liest völlig versunken, denn „der Geist muss sich nicht um die Endstation bekümmern, hat Vorrang vor den vermeintlichen Zwängen des Daseins“. Er liest nicht auf einem Handy, auch nicht in einem Taschenbuch. Sein Buch hat mindestens einen Leineneinband, so wie „Das Buch der Zumutungen“ (dtv, 290 Seiten, 19,90 Euro), das dieser Mann gerade selbst geschrieben hat.

Zu Hause im Potsdamer Edel-Heim warten schöne alte Möbel und eine Frau mit vier Kindern. Der studierte Jurist, der einen anstrengenden Arbeitstag im Auswärtigen Amt in Berlin hinter sich hat, liest weiter. „Ich lasse mich von der hereindringenden Putzfrau beäugen“, schildert Stefan aus dem Siepen unter Ziffer 34 in seinem Buch, das insgesamt 303 Texte versammelt, die allesamt mit der schnöden Gegenwart hadern.

Der 51-Jährige hat in seiner Freizeit bereits mehrere Prosawerke verfasst, die zum Teil in altertümlicher Sprache der Schnelllebigkeit und Vergänglichkeit ein Schnippchen schlagen wollen. Bücher wie die „Entzifferung der Schmetterlinge“, „Das Seil“ oder „Der Riese“ zelebrieren den Ausstieg aus der tief verachteten Moderne. Wie qualvoll es heutzutage ist, ein Wertkonservativer zu sein, das lässt sich aus den Reflexionen, Betrachtungen und Anekdoten herauslesen, die tiefe Einblicke in dieses Autoren-Ich gewähren.

Der Leser nimmt am Alltag eines hochzivilisierten Menschen teil, fährt mit ihm Auto, Bus und Bahn, lässt sich im öffentlichen Raum anbetteln, umwerben und verköstigen. Und siehe da: Die Leute sind alle schlecht angezogen und sprechen schlechtes Deutsch. Und selbst wenn sie lesen, dann minderwertige Bücher. Als ehemaliger Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Moskau erinnert sich Siepen an Zeiten, als Dostojewski-Romane noch Mangelware waren und sich die Leute darum rissen: „Wann gibt es in unserer Zeit noch Menschenansammlungen vor Buchläden? Nur wenn Fehlgeleitete das Erscheinen eines neuen Harry Potter erwarten.“

Dagegen setzt er sein Ethos: „Ich lobe mir den Schriftsteller, der sich die Reize des Modischen und Aktuellen versagt, stattdessen seine Stoffe in der Vergangenheit sucht und sie in einer Weise zu gestalten weiß, dass sie den Reiz des Zeitlosen gewinnen.“

Doch auch die gute alte Kulturkritik, an der Siepen festhalten möchte, war früher sprühender und origineller. Beachtenswerte Kulturkritik gibt es heute nur noch im Manufactum-Katalog. Dort könnte sich Siepen mit seinem Buch als Texter bewerben.

Seine Einwürfe lassen sich zweifellos gut in der S-Bahn lesen. Es sei denn, ein telefonierender Mitreisender lenkt ab. Siepen kennt diese Situation: „Der Unhold hindert mich, die Schwelle zur geistigen Welt zu überschreiten.“

Von Karim Saab

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