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„Vor der Morgenröte“: Stefan Zweig im Exil

Kino-Tipp „Vor der Morgenröte“: Stefan Zweig im Exil

Maria Schraders bewegender Film über die letzten Lebensjahre von Stefan Zweig im Exil: „Vor der Morgenröte“ läuft ab Donnerstag im Potsdamer Thalia-Kino. 1942 nahm sich der Schriftsteller zusammen mit seiner zweiten Frau Lotte im brasilianischen Exil das Leben. Die Schauspielerin Maria Schrader rekonstruiert in ihrem zweiten Film als Regisseurin die letzten Lebensstationen im Exil in sechs Episoden.

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Josef Hader (l) als Stefan Zweig und Aenne Schwarz als Lotte Zweig.

Quelle: X-Verleih

Potsdam. „Ein Mensch ohne Heimat, ist ein Mensch ohne Zukunft, “ sagt der Bürgermeister einer kleinen Provinzstadt im Norden Brasiliens im Januar 1941 in einer Rede, mit der er den weltweit gefeierten Schriftsteller Stefan Zweig empfängt. Dann spielt die schräge Dorfkapelle den Donauwalzer und dem berühmten Gast fällt es schwer, die Tränen zu unterdrücken. Der Österreicher Stefan Zweig, neben Thomas Mann damals der meistgelesene Autor aus dem deutschsprachigen Raum,  darf im nationalsozialistischen Deutschland nicht mehr publizieren, 1934 findet er zunächst Exil in London, später verschlägt es ihn über die USA nach Südamerika.  Doch trotz sicherer Zuflucht und großer Popularität vermisst Stefan Zweig schmerzlich sein altes Europa. Die Exotik Brasiliens, diese paradiesische Landschaft in den Tropen, kann ihm die Heimat nicht ersetzen. Diese innere Zerrissenheit wird ihn nicht mehr loslassen.

Die Schauspielerin  Maria Schrader  erzählt in ihrer zweiten Regiearbeit von den letzten Lebensjahren dieses großen Pazifisten und überzeugten Europäers, der auf dem Höhepunkt seines Erfolgs in die Emigration getrieben wurde.  Der Film „Vor der Morgenröte“ ist keine klassische Filmbiografie, vielmehr zeigen Schrader und ihr Koautor Jan Schomburg  schlaglichtartig sechs unterschiedliche Momente aus Zweigs Leben, die sie fast in Echtzeit erzählen.  Es ist eine fesselnde Erzählstruktur,  die einem die Empathie und Sensibilität dieses Mannes sehr nahe bringt. Wie ist es auszuhalten, sich selbst in Sicherheit zu wissen, während gleichzeitig Europa untergeht und Freunde und Weggefährten ermordet werden? Große Stapel Bittbriefe aus Europa erreichen Zweig, aber es ist unmöglich allen zu helfen. Zweig schwankt zwischen Ohnmacht und Verzweiflung. Für die Bürgschaften geht ihm langsam das Geld aus, fast sein gesamtes Vermögen ist in England verloren.

Dennoch sind von Zweig keine flammenden Reden gegen den Naziterror zu hören. Auf dem Schriftsteller-Kongress in Buenos Aires im September 1936 ist der aufkommende Faschismus in Mitteleuropa zentrales Thema. Journalisten erwarten von Zweig eine druckreife Verurteilung des Hitlerregimes, aber der Autor weigert sich. Er maßt sich kein Urteil an über ein Land, das er nicht mehr kennt. Andere dagegen, wie etwa der weniger prominente Emil Ludwig, halten ihre Wutreden voller Polemik und Pathos. Stefan Zweig sind diese Gesten, die nichts kosten und zugleich vollkommen wirkungslos sind, sehr unangenehm. Man sieht ihn auf dem Podium sitzen und spürt seine Abneigung in jeder Regung.

Es ist fabelhaft, wie sich Josef Hader, der bislang als Kabarettist brillierte und hin und wieder als Kommissar Simon Brenner in den Verfilmungen der Wolf-Haas-Krimis zu sehen war, von einer ganz neuen Seite zeigt. Hier gelingt Maria Schrader eine echte Überraschung. Feinsinnig spielt er diesen Exilanten, in dessen Gesicht sich stille Verzweiflung, Heimatlosigkeit und Erschöpfung spiegeln. Daneben beeindruckt auch Barbara Sukowa, die seine erste, geschiedene Frau Friderike spielt und sich mit ihm scharfsinnige Diskussionen über die Rolle des Intellektuellen liefert.

Am Ende sieht Zweig keinen Ausweg. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Lotte begeht er im Februar 1942 in Petropolis Selbstmord. Auch in diesem rund zwei Autostunden von Rio entfernten Ort, wo er sich mit Lotte eingerichtet hatte, verflog seine schwere Depression nicht. Das Treffen mit einem alten Bekannten, dem Schriftsteller und ehemaligen Ressortleiter des „Berliner Tagblatts“, Ernst Feder (Matthias Brandt), enthüllt noch einmal das ganze Dilemma des Exils: Da stehen die beiden Männer und blicken in eine fantastische Landschaft. Doch die Gedanken schweifen ab, Zweigs Blick geht zurück in eine Welt, die für immer verloren ist. In seinem Abschiedsbrief heißt es „Ich grüße alle Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht. Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“

Info: „Vor der Morgenröte“, Regie: Maria Schrader, 107 Minuten, FSK o.A.

Von Claudia Palma

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