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Ein Schnaps und eine Zigarette

Pop Ein Schnaps und eine Zigarette

Die Band Wanda aus Österreich hat mit ihrem Debütalbum „Amore“ vor einem Jahr für Furore gesogt. Freitag kommt die neue Platte „Bussi“ in die Läden – wie ist eine genialische Mischung aus Schlager und Rock’n’Roll zu hören. Der Titel „Bestes deutschsprachiges Album 2015“ scheint der Band sicher.

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Wanda spielten im August im Potsdamer Waschhaus – vorne Sänger Marco Michael Wanda, wirklich kurz ohne Alkohol und Tabak.

Quelle: Christel Köster

Potsdam. Es liegt hinter Nebel, wann das zweite Album von Wanda entstanden sein soll, denn seit dem Debüt vor einem Jahr waren sie pausenlos auf Tour. Hielten an jeder Milchkanne. Kriegten einen Kasten Bier als Gage. Da war „Bologna“ gerade raus, die Single, von der man nicht wusste, wer diesen Wahnsinn zu verantworten hat: Wiener Mundart mit wildem Operettentext, die Melodie hat Rock’n’Roll mit Schnulze gekreuzt. Andreas Gabalier, der affektierte „Alpen-Elvis“? Nein, der hätte so ein Lied nicht hingekriegt. Es waren Wanda, ließ man sich sagen. Benannt nach der Wiener Zuhälterin Wanda Kuchwalek.

Sänger Marco Michael Wanda (der bürgerlich Michael Marco Fitzthum heißt) sagt, „wenn wir so weiterspielen, so kompromisslos und jeden zweiten Abend, dann stirbt einer.“ Weil Marco, 27 Jahre alter Chef der Band, keinen Satz sagt ohne Zigarette, muss man präzisieren: Der Nebel, hinter dem das Bandgeheimnis liegt, speist sich aus Teer und Nikotin.

Senkrechtstarter aus Österreich

Wanda haben sich 2012 in Wien gegründet, ihr Name orientiert sich an der legendären Zuhälterin Wanda Kuchwalek. Das Debütalbum „Amore“ erschien im Oktober 2014, an diesem Freitag kommt die Folgeplatte „Bussi“ in die Läden.

Zur Besetzung zählen Marco Michael Wanda (Gesang), Manuel Christoph Poppe (Gitarre), Christian Hummer (Keyboard, Klavier), Reinhold Weber (Bass) und Lukas Hasitschka (Schlagzeug).

In Österreich erlangte das Album „Amore“ Platinstatus. Die Band trat im August im Potsdamer Waschhaus auf, am 1. März 2016 spielt sie im Berliner Astra-Kulturhaus.

Das zweite Album „Bussi“ gibt sich abermals auf eine Weise intellektuell, die niemals akademisch wirkt, und wild auf eine Art, die keine Spur von Pubertät atmet. Wanda sind Freunde, die gerne über Schnaps und Frauen reden. Frauen, das bedeutet für Wanda auch: Sie singen über Elfriede Jelinek, kein Huhn mit blondem Haar, sondern Literaturnobelpreisträgerin mit Lust am Leiden. „Bussi“ kommt dermaßen auf den Punkt, wie das nur selten glückt bei einem zweiten Werk. Im Debüt stecken die Texte der Jugend, jahrelang im Schuhkarton gesammelt, und alle Melodien, die einen durch die frühen Jahre trugen, finden zur Kontur. Die Folgeplatte ist ein Reifezeugnis, sie endet oftmals kläglich als Kopie der ersten.

Wer die neue Single „Bussi Baby“ hört (es gibt Menschen, die verstehen „Pussy Baby“, doch das wäre zu vulgär für diese feine, trinkfeste Band), der glaubt auch hier zunächst ans Plagiat des ersten großen Wurfs. Das Metal-Riff des Stücks hängt noch im Ohr, die nervöse Gitarre, die noch nervösere Suche nach Liebe, die sich mit zwei, drei Schnaps beruhigen lässt – das hatte auch „Amore“ ausgezeichnet, die Platte vom letzten Herbst. Wer aber weiter hört, der merkt, „Bussi Baby“ ist als Single nur der Brückenschlag zu neuen Ufern, der alte Freunde lockt, indem er sie mit Altvertrautem ködert. Um ihnen schließlich Neues zu servieren.

Rein thematisch sind die Lieder dennoch ähnlich, so groß ist Wien halt nicht, dass jedes Album völlig andere Geschichten auftischt. Es schmerzt die Liebe, in Wien noch stärker als in anderen Städten, denn der Wiener hat den Hang, sich selbst zu drangsalieren. Wanda sind, so gesehen, die Fortschreibung von Sigmund Freud mit anderen Mitteln. Was auch für Falco gilt, den anderen großen, noch größeren Österreicher im Pop. Falco ist selbst in den USA mal Nummer eins gewesen (mit „Rock Me Amadeus“). Das werden Wanda nicht schaffen, doch der deutsche Sprachraum ist ihnen verfallen. Weil Wanda musikalisch die Gefälligkeit der Eckkneipe mit der fast elitären Wucht von Kellerclubs vereinen.

„1, 2, 3, 4“ ist ein Lied, dessen Refrain man auch beim Biertrinken noch singen kann, passend zum Oktoberfest, doch die Band läuft keinerlei Gefahr, vom Stammtisch gefressen zu werden. Sie schützen sich gegen das allzu Schlichte, indem sie rätselhafte, rundum schöne Zeilen in die Lieder streuen: „Wenn du du selbst bist, bist du so fad, dass niemand mit dir spricht. Es schaut dich niemand an, wenn du dich selbst nicht spielen kannst“, zu hören im Stück „Lieber dann als wann.“ Das ist Existenzialismus. Vielleicht auch nur ein rhetorischer Taschenspielertrick. Der Foxtrott von „Meine beiden Schwestern“ hat etwas Rustikales und Hochromantisches. Und unterm Strich summiert sich alles zu der Platte, die man schon jetzt zur besten deutschsprachigen dieses Jahres küren möchte. Wer wäre da 2015 Konkurrenz? Tocotronic weinen ihrer Jugend hinterher, Sarah Connor verflucht ihren Ex, Sido singt, als wäre ständig Fußball-WM.

Wanda legen auf den hochverdienten Titel nicht mal Wert. Sie möchten lieber einen Schnaps. Und gern noch eine Zigarette.

Wanda: Bussi. Vertigo Berlin/Universal Music.

Von Lars Grote

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