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00:02 27.02.2018
Der Schriftsteller Jakob Hein. Quelle: Susanne Schleyer
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Rheinsberg

Stell Dir vor, der Heilige Krieg wird ausgerufen und keiner geht hin. Diese schöne Utopie wurde während des Ersten Weltkrieges wahr. In dem Roman „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ greift Jakob Hein eine historische Fußnote auf. Es waren offenbar die Deutschen, die im 20. Jahrhundert erstmals auf die Idee kamen, die islamische Welt lasse sich für den Dschihad begeistern. Wenn alle Gläubigen in Indien und Nordafrika einen Aufstand gegen die französischen und englischen Kolonialmächte anzetteln, so das Kalkül der Militärs in Berlin, würden die deutschen Truppen in den Schützengraben Flanderns entlastet.

Der deutsch-jüdische Journalist Edgar Stern (1883-1972) veröffentlichte 1964 eine Autobiografie, von der sich der 46-jährige Hein inspirieren ließ. Stern war als Offizier im Westfälischen Pionier-Bataillon am Rhein stationiert, empfahl sich aber durch die Idee, den Suezkanals zu sprengen, bei der Heeresleitung. Der Plan zerschlug sich, Stern wird dennoch mit einer abenteuerlichen Mission betraut. Er soll eine Gruppe französischer Kriegsgefangener durch den Balkan nach Konstantinopel geleiten. Dabei handelt es sich um Nordafrikaner, die im „Halbmondlager“ in Wünsdorf (heute Teltow-Fläming) einen ungewöhnlichen Aufenthalt genießen. Mit gutem Essen, Kaffee und Zigaretten, einer eigens errichteten Moschee, Vorträgen und der Lagerzeitschrift „al-Gihad“ hat die deutsche Lagerleitung alles getan, um die Mohammedaner für ihre Strategie zu gewinnen. Nun soll durch die demonstrative Freilassung einiger islamischer Gefangenen in Konstantinopel auch der türkische Sultan Enver Pascha überzeugt werden.

Jakob Hein reizt die kulturelle Spannbreite des Figurenkosmos genüsslich aus. Die wenigsten Mohammedaner sind nämlich Araber, sondern Gnawa oder Berber, die wiederum von den Arabern in den Krieg gepresst wurden. Analphabeten wie Tassaout verschlägt es aus einer abgelegenen Oase nach Europa. Der unschuldige Junge wird in eine französische Militäruniform gesteckt und denkt: Es wäre den Frauen bei ihm zu Hause „gar nicht möglich gewesen, zweimal denselben Stoff zu weben“. Aus seiner naiven Perspektive lässt sich die europäische Zivilisation besonders effektvoll kritisieren. Der Clash of Cultures zwischen Orient und Okzident ist in märchenhaften Büchern wie „Der Papalagi“ (Erich Scheurmann, 1920) oder „Nino und Ali“ (Kurban Said, 1937) bereits amüsant erzählt worden. Doch Hein heftet sich mehr und mehr an die Fersen der deutschen Militärs, deren Wirken, wie die letzten Seiten des Buches versichern, historisch belegt ist. Seine rührenden Ureinwohner-Figuren verliert er aus den Augen, was bedauerlich ist. Um eine große Erzählung aus dem Stoff zu machen, hätte er in seiner Fabulier- und Ausschmückungslust nicht nachlassen dürfen.

So konzentriert sich die Handlung vor allem auf die Reise mit dem Zug. Stern hat die Kriegsgefangenen als Zirkustruppe getarnt. Bei den Grenzkontrollen hält der Leser die Luft an, ob das Unternehmen auffliegt. Dass das große Finale in Konstantinopel dann ausbleibt und verpufft, liegt auch daran, dass die islamische Welt anders tickt, als es sich die Deutschen vorgestellt haben. Der Heilige Krieg bleibt aus. Stattdessen wird Stern in der Türkei Augenzeuge eines Pogroms an den Armeniern. Hein hätte hier auch noch die deutsche Persönlichkeit Johannes Lepsius (1858-1926) einführen können, der die Verfolgung der christlichen Armenier dokumentiert hat. Doch irgendwie will er die pittoreske Mission Sterns zu ihrem ruhmlosen Ende bringen.

Jakob Hein: Die Orient-Mission des Leutnant Stern. Galiani Berlin, 252 Seiten, 18 Euro. Lesung: 22. Februar 2018, 19.30 Uhr, Tucholsky Literaturmuseum Schloss Rheinsberg.

Von Karim Saab

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