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00:21 30.01.2019
Der US-amerikanische Drogen-Guru und Psychologe Timothy Leary steht vor einer Kinoreklame (undatiertes Archivbild). Quelle: dpa
Montecito

An LSD hat T. C. Boyle eigentlich keine guten Erinnerungen. Zwei Stunden habe er auf einem Trip am Feuer gesessen, Musik gehört und sei gut drauf gewesen. „Dann schliefen alle anderen ein, aber ich blieb wach und sah Schlangen aus meinem Bauch kriechen.“ Fast 50 Jahre ist das her. Heute lebt der gerade 70 gewordene Kultschriftsteller gesund. „Ich bin auf mein Gedächtnis angewiesen.“ Nur Alkohol („besonders Pinot noir“) und Marihuana spielen in seinem Leben noch eine „gewisse Rolle“. Illegale Drogen nehme er keine mehr. „Ich bin noch fit, weil ich ein unverfälschtes Leben gelebt habe. Ich habe mich niemals verbogen, für keinen. Und süchtig bin ich nur noch nach Literatur und Natur.“

Der Guru der Hippiebewegung

Dass Bücher süchtig machen können, weiß jeder, der T. C. Boyle kennt. Literatur-Punk wird er oft genannt. Dabei haben seine Romane nichts von den drei dahingehuschten Akkorden, für die der Punk berühmt ist. Sie zählen zum Besten, was das Genre derzeit hervorzubringen vermag. Der neue Roman heißt „Das Licht“ und nimmt die Leser mit auf einen atemberaubenden Trip. Nach einem kurzen Prolog über die Entdeckung des LSD 1943 durch den Schweizer Chemiker Albert Hofmann, erzählt er vom US-Psychologen Timothy Leary (1920–1996), der (wie übrigens auch Boyle) zu medizinischen Zwecken einen freien Zugang zu bewusstseinserweiternden Drogen forderte und damit zum Guru der Hippiebewegung wurde. Als Professor in Harvard lädt dieser Tim 1962 jeden Samstag zu Sessions ein, bei denen er seine Studenten Psilocybin und LSD schlucken und anschließend darüber Buch führen lässt. Im Gegensatz zu den „Laborratten“, wie er all die Psychologen nennt, die sich ihr Wissen aus Büchern und durch Tierversuche aneignen, will er als Empiriker neue Wege gehen und in Bereiche des Hirns vordringen, von deren Existenz bisher keiner auch nur geträumt hat. Dort glaubt er, den Ursprung der Religionen und aller mystischen Kulte zu finden.

Zur Person T. C. Boyle

Tom Coraghessan Boyle, 1948 in Peekskill als Thomas John Boyle in den USA geboren, ist der Autor von insgesamt 27 Romanen und Erzählungen.

Den irischen Namen Coraghessan gab Boyle sich mit 17 Jahren nach einem Vorfahren mütterlicherseits.

Bis 2012 lehrte er Creative Writing an der University of Southern California in Los Angeles.

Boyle hat bis heute 16 Romane publiziert, viele davon Bestseller.

Er hat in Amerika dem historischen Roman zu neuem Ansehen verholfen.

Seine Romane und Erzählungen basieren häufig auf gründlich recherchierten historischen Ereignissen und Persönlichkeiten.

Ein typischer Stoff für T. C. Boyle also, der immer wieder von Utopisten und Aussteigern erzählt. Ob es die Umweltaktivisten in „Ein Freund der Erde“ (2000) und „Wenn das Schlachten vorbei ist“ (2011) waren, die Trapper und Hippies in „Drop City“ (2003) oder zuletzt „Die Terranauten“ (2017). Sie alle suchen nach einem besseren Leben. Auch Tim Leary. Wie schon im Roman „Dr. Sex“ (2005) über den Sexualforscher Alfred Charles Kinsey, erzählt Boyle die Geschichte aus der Perspektive eines Assistenten. In „Das Licht“ ist es Fitz, der als Doktorand die Dissertation bei Leary schreiben will. Zögerlich zunächst gehen er und seine Frau Joanie zu den Sessions. Als Abkömmling einer „spektakulären Linie irischer Trunkenbolde“ will er seinen hart erarbeiteten Aufstieg durch Drogen nicht gefährden. Auf der anderen Seite aber kann er sich seinem Mentor auch nicht entziehen und spürt den Gruppenzwang.

Eine Gruppe von Psychonauten

Einfühlsam und fundiert, wie ein Psychologe das nicht besser hätte tun können, schildert T. C. Boyle die Situation des jungen Doktoranden. In abgestuften Nuancen bricht er das Motiv der Abhängigkeit und macht es so zum eigentlichen Thema des Romanes. Nicht nur von den Drogen ist Fitz abhängig, auch von seinem Doktorvater und von anderen Doktoranden, hinter denen er in nichts nachstehen will. Joanie wiederum ist von ihrem Mann abhängig und Sohn Corey von seinen Eltern. Bald sind Fitz und Joanie Stammgäste bei den samstäglichen Trips und fühlen sich im Kreis all der anderen „Psychonauten“ wie in einer großen Familie. Die Sommerferien 1962 und 1963 verbringen alle zusammen in Mexiko, wo Tim in Zihuatanejo ein ganzes Hotel gemietet hat. Weil ihm in Harvard gekündigt wurde, wo man seine Drogenexperimente gar nicht gutheißt, bietet er in Mexiko LSD-Seminare für zahlungskräftige Besucher an, bis die Polizei ihn aus dem Land ausweist.

Keine Glorifizierung des LSD

In einem Landhaus in Millbrook gründet Timothy, der immer mehr zum Guru wird, seine berühmte Kommune und setzt seine „nur der Wissenschaft dienenden“ Drogen-Partys fort. Auch Fitz und Joanie ziehen in eines der 64 Zimmer und sind anfangs begeistert. Doch das Idyll fängt an zu bröckeln, als auch die Kinder in die Experimentreihe einbezogen werden und die propagierte freie Liebe (jeder schläft mit jedem) in Eifersuchtsszenen endet. Boyle erzählt das alles ohne moralischen Zeigefinger. Weder verteufelt er die LSD-Orgien, noch glorifiziert er sie. Bis zuletzt hält er so die Spannung. Die zunehmende Verunsicherung und der Realitätsverlust schwingen zwar in jeder Zeile mit. Immerzu glaubt der Leser, das Desaster stehe unmittelbar bevor. Fitz gibt die Dissertation auf. Joanie flieht aus Millbrook zurück zu ihren Eltern. Die ganz große Katastrophe aber bleibt aus.

Einmal mehr erzählt T. C. Boyle als trauriger Utopist von gesellschaftlichen Konventionen und Grenzüberschreitungen, von Idealen und ihrem Scheitern. Das Leben hat diesem großartigen Schriftsteller so manche Lektion erteilt. Das merkt man dem Roman an.

Ein beeindruckendes, ein beunruhigendes Buch. „Das Licht“ ist ein Trip, wie nur exzellente Literatur ihn heraufzubeschwören vermag: Erhellend, bewussteinserweiternd, aufreizend – aber Gott sei Dank ohne Nebenwirkungen.

T. C. Boyle „Das Licht“, erscheint am 28. Januar, 25 Euro, 384 Seiten, Hanser Verlag

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