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07:54 24.11.2017
Ein Enkel von Bettine und Achim von Arnim schuf im Park von Schloss Wiepersdorf diese Zwergengruppe. Quelle: Peter Degener
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Berlin/Wiepersdorf

Goethes Sekretär Eckermann hat überliefert, was Deutschlands geistiger Übervater – aus welchen Gründen auch immer – nicht aufgeschrieben hat. „Das Klassische nenne ich das Gesunde, und das Romantische das Kranke.“

Natürlich darf dieses Zitat in der gerade erschienenen Aufsatzanthologie „Die Blaue Blume in der DDR“ nicht fehlen. In einer Abhandlung über „Romantik in der DDR“ liefert Friedrich Dieckmann auch noch Goethes anschließende Sätze: „... Und da sind die Nibelungen klassisch wie der Homer, denn beide sind gesund und tüchtig. Das meiste Neuere ist nicht romantisch, weil es neu, sondern weil es schwach, kränklich und krank ist, und das Alte ist nicht klassisch, weil es alt, sondern weil es stark, frisch, froh und gesund ist.“

Ein gutes Jahrhundert später versuchten die SED-Erbeverwalter Goethes Richterspruch zu exekutieren. Dessen Sätze über die Künstlergeneration, die mit der Weimarer Klassik aufwuchs, endete mit einer Verheißung: „Wenn wir nach solchen Qualitäten Klassisches und Romantisches unterscheiden, so werden wir bald im Reinen sein.“Die Genossen forderten also die Schriftsteller in der DDR auf, klassische, optimistische, „gesunde“ Werke abzuliefern. Auch damit ihnen das leichter fällt, wurde Schloss Wiepersdorf 1946 zu einer Stätte für „ungestörte und sorgenfreie Arbeit“ ausgebaut.

Doch die Realität des Ortes war differenzierter und brachte wohl so manchen Autoren, der nach Wiepersdorf durfte, auf ideologische Abwege. Neben der Schlosskirche liegt Bettina von Arnim (1785-1859) begraben, die von der Literaturgeschichte als Romantikerin eingeordnet wird. Die adlige Künstlerin hatte intensive Kontakte zu dem heiß verehrten Goethe unterhalten. Sie verkehrte mit Preußens König wie auch mit Karl Marx, engagierte sich für die Ärmsten der Armen und sympathisierte mit der Revolution 1848.

Den DDR-Kulturfunktionären war Bettina von Arnim daher weniger dubios. Ihre Partei, die SED, wollte bekanntlich nicht weniger, als die humanistische Sehnsucht von Goethes Faust realisieren und „auf freiem Grund mit freiem Volke stehen“. Das Scheitern des kommunistischen Entwurfs wurde dann für viele Schriftsteller zum Lebensthema. Sie fühlten sich wie die Romantiker in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die ebenfalls im Schlagschatten eines Ideales gelebt hatten und mit Geheimpolizei, Unfreiheiten und einem Obrigkeitsstaat konfrontiert waren, in dem Gnade vor Recht ging.

Eine ganze Reihe von DDR-Autoren identifizierte sich vor allem in den 1970er Jahren mit den Künstlern der Romantik und suchten so selbst Mittel und Wege, die Grenzen der Realität zu überwinden. Franz Fühmann schrieb über E.T.A. Hoffmann, Sigrid Damm über Jakob Michael Lenz, Günter de Bruyn über Jean Paul, Christa Wolf über Heinrich Kleist und Karoline von Günderrode. Ihr Roman „Kein Ort. Nirgends“ war die DDR-Übersetzung des Wortes „Utopia“, an der viele Autoren festhielten.

Der Mitherausgeber des Buches, Norbert Baas, ist Vorsitzender des Freundeskreises Schloss Wiepersdorf und mit einer Nachkommin Bettina von Arnims verheiratet. Bei der Buchpremiere am Montag im Literaturforum im Brecht-Haus in Berlin betonte er, „Die Betonung des Subjektiven, das Fragmentarische, das Unsystematische, Mystische“ sei der DDR-Kulturpolitik verdächtig gewesen. Wer die Fantasie und die Freiheit des Denkens beschwor, bekam den Staat zu spüren, sobald es konkreter wurde.

Der Sammelband mit 15 Beiträgen beruht auf Vorträgen, die vor zwei Jahren in Wiepersdorf auf einer Tagung gehalten wurden. Literaturwissenschaftliche Betrachtungen stehen neben drei Einlassungen von Autoren, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Christa Kozik schrieb Anfang der 1980er in Wiepersdorf das Drehbuch für den Hölderlin-Spielfilm „Hälfte des Lebens“. Die Potsdamerin beschreibt die DDR-Jahre als grandioses Elysium für Künstler, während sich Thomas Rosenlöcher und Martin Jankowski darüber echauffieren, dass die Förderung nur Autoren galt, die sich politisch angepasst verhielten.

Friederike Frach/Norbert Baas (Hrsg.): Die Blaue Blume. Bezüge zur Romantik zwischen politischer Kon­trolle und ästhetischem Eigensinn. Quintus, 224 Seiten, 25 Euro

Von Karim Saab

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