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Kultur Warum singen, wenn man auch sprechen kann
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10:25 21.10.2017
Musikerin Katharina Franck fühlt sich in Neuruppin wohl. Quelle: Christin Iffert
Neuruppin

Katharina Franck sitzt auf einer der Blumenmuster-Polsterbänke in ihrem Lieblingscafé „Stoye“ in Neuruppin (Ostprignitz-Ruppin). Auf dem Tisch ein Cappuccino, an dem sie hin und wieder nippt. „Ich komme eigentlich so gut wie immer her, wenn ich woanders frühstücken möchte.“ Die 54-Jährige mag die Ruhe, das Ursprüngliche, den Duft von frischem Kuchen – auch wenn sie selbst lieber etwas Herzhaftes bestellt.

Katharina Franck wurde 1987 mit ihrer Berliner Band Rainbirds und dem Hit „Blueprint“ schlagartig berühmt. Er ist noch heute ein Evergreen im Radio. „I sneak around the corner with a blueprint of my lover”, tönt es im Refrain. Ohrwurmgarantie. Sie lebte ihren Traum von Erfolg. Kritiker prophezeiten internationale Erfolge mit dem für Deutschland so untypischen Popsound. Doch nach dem Schnellstart kam nur zwei Jahre später mit der Entlassung ihrer Hintergrundband ebenso rasant der Fall.

In ihrem Lieblingscafé „Stoye“ in Neuruppin schätzt die Künstlerin das Ursprüngliche. Quelle: Christin Iffert

Sie hatte genug von den Zwängen der Popmusik

Heute wandelt die Künstlerin auf Solofaden. Sie macht noch immer Musik, schreibt Hörspiele, tourt mit dem „Club der toten Dichter“, spricht Popsongs. Alles abseits des Mainstreams. Beim Wiesenburger Literaturherbst tritt sie Samstagabend mit ihrer „Spoken Poetry“ auf – als Höhepunkt der Veranstaltungsreihe. „Gesprochene Popsongs sind sehr kurze Geschichten in Liedtext- oder Gedichtform, die ich zu dafür komponierter Musik spreche.“ Es ist eine freie Form, in der sie mit Strophe, Refrain, Zwischenteil brechen kann. „Ich hatte genug von den Zwängen der Popmusik“, sagt sie.

Mit dieser Art der Kunst fuhr sie aus einer Sackgasse, denn sie griff nach dem Lenkrad, wendete und bog in eine andere Richtung ab. Auf dem Weg schrieb sie von Sehnsüchten, Gefühlen, Beobachtungen, erfand komplexe Bilder und neue Worte. Textgewaltig, tiefgründig – so wie einst Patti Smith, ihr großes Vorbild. Ihre großen blauen Augen leuchten, als sie beinahe rhythmisch über ihre Arbeit spricht. 1997 veröffentlichte Franck ihr Debüt-Album „Hunger“ mit gesprochenen Songs, legte fünf Jahre später „Zeitlupenkino“ nach. Darauf finden sich Wortspiele und Hörspielerlebnisse, Monologe aus Gedichten, die ohne Reim auskommen. Alles begleitet von Geräuschen und Melodien. Kopfkino ist unvermeidbar.

Katharina Franck ist Musikerin und Literatin

Musik und Literatur gehen bei Franck Hand in Hand. Sie ist zu einer Grenzgängerin geworden. „Eigentlich bin ich ein Stück weit auch Dichterin“, sagt sie und zupft an ihrem Tuch. Die Künstlerin möchte nicht missverstanden werden, schon gar nicht „größenwahnsinnig“ wirken.

Katharina Franck spricht die „Spoken Poetry“ auf Deutsch. Dass sie mit ihrem „Zeitlupenkino“ nun noch einmal in Wiesenburg auftritt, ist den Organisatoren des Literaturspektakels zu verdanken. Sie hatten den Wunsch, dass Franck die wortgewaltigen Texte dort auf die Bühne bringt, obwohl sie mit dem Programm nicht mehr unterwegs ist. Als kleine „Atempausen“ gibt es für die Zuschauer auch die Stimme – die ihnen noch klar und unverwechselbar aus Rainbirds-Zeiten im Ohr sein dürfte – gesungen. „Noch bin ich mir unsicher, ob ich auch unveröffentlichte Songs spiele“, sagt Franck. Aktuell arbeitet sie an einem Album mit gesungenen Popsongs – erstmals auf Deutsch, um die Menschen besser erreichen zu können.

Sie fand unweit von Neuruppin eine neue Heimat

Ruhe und Inspiration findet die Musikerin in ihrer neuen Heimat. Vor rund sechs Jahren ist sie aus Berlin nach Brandenburg gezogen. Sie war der ständigen Proberaumsuche in der Hauptstadt überdrüssig geworden. Nun lebt und probt sie unweit der Fontanestadt am Rande eines Dorfes, abgeschieden in einem Haus, umgeben von Bäumen. Wenn es stürmt, so wie kürzlich, kommt es schon mal vor, dass sie ohne Internet und Telefon dasteht.

Die Bühne ist für Franck eine Leidenschaft. Quelle: Henry Mundt

Obwohl Katharina Franck an den kommerziellen Erfolg der Rainbirds nie wieder anknüpfen konnte, ist sie „solo“ glücklich. Die Band wurde damals für Franck zu einem Ort all ihrer Freude und all ihres Schmerzes. 1989 verließen Michael Beckmann, Wolfgang Glum und Rodrigo Gonzales, der heute Mitglied bei der Kultband „Die Ärzte“ spielt, die Gruppe. „Ich habe die Band aufgelöst“, stellt Franck ruhig, aber bestimmt klar. Negativ eingestellt und zerstörerisch hätten sie ihr das Leben erschwert. Während sie vor Tausenden in Konzerthallen spielten, war da kaum mehr als schlechte Laune. Die Musiker wollten nicht einfach nur Hintergrundband einer jungen Frontfrau sein. Sie machte in anderen Besetzungen weiter, doch die wirklich großen Erfolge blieben bis zur offiziellen Trennung 1999 aus. Wiederbelebt hatte sie die Band lediglich 25 Jahre nach Veröffentlichung des Hits „Blueprint“ mit dem Album „Yonda“. Das interpretierte Songs der Rainbirds als Remix mit elektronischen Einflüssen. Auch damit konnte sie an die 80er nicht anknüpfen.

Das Feuer in ihrer Kunst ist nie erloschen

Während sie vor Tausenden in Konzerthallen spielten, war da kaum mehr als schlechte Laune. Die Trennung wurde zum Selbstschutz und gleichzeitig „war das in gewisser Weise auch schon mein Karriereknick“. Sie bewegt ihre Hände dabei, als könnte sie Worte und Zeit greifbar machen. Dann schiebt die Künstlerin ihre kurzen Haare zur Seite. Im Hintergrund rappt Sido beiläufig im Radio die Zeile „Wir haben morgen schon vergessen, wer wir gestern noch waren“. Vergessen möchte Franck nicht. Sie habe viel Erfahrung aus der Zeit geschöpft. Die lässt sie einfließen in ihre Kunst, die seit früher Kindheit ihre Leidenschaft ist und nie an Feuer verloren hat.

Info: Konzert am Samstag, den 21.10. um 20 Uhr in Mal’s Scheune in Wiesenburg (Potsdam-Mittelmark). Karten: 0178/697 57 20.

Von Christin Iffert

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