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Kultur Maler Anselm Kiefer träumte sich nach Brandenburg
Nachrichten Kultur Maler Anselm Kiefer träumte sich nach Brandenburg
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00:45 05.03.2018
Das Bild "Märkischer Sand" (1980-82) von Anselm Kiefer. Quelle: Anselm Kiefer
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Potsdam

Das Land Brandenburg war von der Landkarte verschwunden. Die Sowjetarmee beanspruchte weite Teile der märkischen Heide als Truppenübungsplatz. Und die alten preußischen Gutshäuser dienten als Verkaufsstellen und Rentnertreffs, wenn sie nicht abgerissen worden oder verfielen.

Zwischen dem Bezirk Potsdam und Berlin, Hauptstadt der DDR, klaffte bis 1990 ein dick umrändertes Loch. Westberlin – dort spielte die Musik, dort ging der Punk ab. Und auch die Flugzeuge, die die Enklave, die nicht zu (West)Deutschland gehören sollte, mit der großen weiten Welt verbanden. Paris, New York, Nicaragua, die Toscana - alles unerreichbar weit weg.

Den Einwohnern von Neuruppin, Oranienburg oder Freienwalde war es immerhin möglich, sehnsuchtsvoll in die Ferne zu schweifen. Auf der Ost-Couch spiegelten ihnen ARD und ZDF das Leben im Goldenen Westen vor. So konnten auch die Märker als Zaungäste an der Biennale in Venedig oder der Documenta in Kassel teilhaben. Dort begegneten sie vielleicht auch Anselm Kiefers entgegengesetzten Sehnsuchtsbildern. Die Rede ist von Gemälden mit Titeln wie „Märkische Heide“ (1974) oder „Märkischer Sand“ (1982).

Fünf Künstlerbücher „Märkischer Sand“

Anselm Kiefer wurde am 8. März 1945 in Donaueschingen (Schwarzwald) geborenen. Er studierte Kunst als Schüler von Horst Antes in Karsruhe und von Joweph Beuys in Düsseldorf. Er lebt heute in Österreich und Südfrankreich.

Mitte der 1970er Jahre schuf er fünf Künstlerbücher mit dem Titel „Märkischer Sand“. Beim Umblättern bröckelte der Sand heraus.

2008 wurde ihm als bisher einzigen Bildenden Künstler der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.

Sie waren so monumental, dass sie sogar die Großformate sozialistischer Heldenmalerei toppten. Der Westkünstler überzog die Leinwände aber nicht mit Figuren, sondern mit abstrakten, expressiven Strukturen – für Parteigänger des sozialistischen Realismus ein geradezu feindlicher ästhetischer Ansatz. Anselm Kiefer malte Landschafts-Panoramen, weite, offene Räume, die unter einem schmalen, wild bewegter Himmelsstreifen vibrieren. Genüsslich saugten sich die TV-Kameras immer wieder an Details und starken bildnerischen Gesten fest. Der Maler hat unglaublich dick aufgetragen. Seine plastischen Farbschichten banden auch Sand, Stroh, verkohlte Holzstücke und Blei. Aber der Gipfel des Ganzen war, dass zum Beispiel auf dem Bild „Wege: Märkischer Sand“ (1980) mit schwarzer krakliger Handschrift auch Ortsnamen wie Neuruppin, Wustrau, Paretz, Rheinsberg, Buckow oder Chorin geschrieben standen. Wieso richtete Kiefer sein Augenmerk auf diese unglamouröse, ruinöse Welt, wo ihm doch die große weite Welt zu Füßen lag?

Abstrakte Malerei und konkrete Schrift wirkten wie zwei Pole, zwischen denen Funken eines mystischen Realismus aufblitzten. War das nicht eine nationalsozialistischer Blut- und Bodenästhetik im neuen Gewand? Was bewog diesen Künstler, so ausdrücklich an eine – aus Westsicht – verlorene Ost-Landschaft zu erinnern? War nicht allein schon seine Überwältigungsstrategie via Größe mehr als verdächtig? War Anselm Kiefer ein Revanchist?

„Ich stelle in großem Pathos etwas hin“, sagte er 1992, „aber hinter der Kulisse lache ich darüber... In Deutschland wird einfach der löchrige Boden nicht gesehen, auf dem bei mir das Pathos steht.“ Das hat dazu geführt, dass die meisten dieser Bilder heute in führenden Häusern wie dem MoMa in New York oder dem Stedelijk in Amsterdam hängen. Mit Titeln wie „Märkische Heide“ oder „Märkischer Sand“ spielte er bewusst auf die Teilung Deutschlands als Folge des Nationalsozialismus’ an. Er kannte das gleichnamige Heimatlied von Gustav Büchsenschütz, das von den Nazis als Militärmarsch missbraucht wurde.

Wie aber kamen so abgelegene Orte wie Lehnin und Paretz in sein Bewusstsein? „Lösen Namen allein schon durch ihren Klang Bilder in Ihnen aus?“, fragte 2010 der Philosoph Klaus Dermutz in einem Interview. Kiefers Antwort: „Ich habe das sehr stark empfunden, als ich Theodor Fontanes ,Wanderungen durch die Mark Brandenburg’ gelesen haben. In den fünf Bänden kommen viele Namen vor, die ganzen Adelssitze. Ich weiß bestimmt, dass ich diese Namen vorher noch nie gehört habe, weil es manchmal ganz kleine Flecken sind, aber diese Namen haben mich immer sehr angezogen.“

Der in Westberlin lebende Historiker Sebastian Haffner nannte bereits 1982 Fontanes Wanderungen als „das beinah etwas zu gründlich aufgeführte Denkmal einer heute versunkenen Welt“. Bei ihm heißt es weiter: „Sie sind das Denkmal einer großen, ein wenig närrischen Liebe. Wenn heute diese versunkene Welt bei vielen, die sie nie gekannt haben, so etwas wie Wehmut und trauernde Anhänglichkeit weckt, dann verdankt sie das Theodor Fontane und keinem anderen.“

Kiefer kannte Brandenburg nicht, er imaginierte es. Martin Walser kreierte dafür Jahrzehnte später das Wort „Geschichtsgefühl“. Kiefer ging es um einen Tabubruch, er hielt – damals politisch unkorrekt - an einer fatalen Vision fest, die Deutschland in seinem Geburtsjahr 1945 Pommern, Schlesien, Ostpreußen und das Sudentenland gekostet hatte. „Der Osten war für die Deutschen immer ein Mythos“, so Kiefer. Diese Ursehnsucht wollte er nicht verdrängen, vielmehr brachte er sie auch in anderen Bild-Zyklen immer wieder zur Sprache. Diese neue Form der Historienmalerei verstand Anselm Kiefer als eine Art Teufelsaustreibung.

Von Karim Saab

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