Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Terror: Warum bei den Eagles of Death Metal?
Nachrichten Kultur Terror: Warum bei den Eagles of Death Metal?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:23 15.11.2015
Kurz bevor die Schüsse fielen: Die Eagles of Death Metal am Freitagabend auf der Bühne des Pariser Klubs Bataclan. Quelle: Fotos: Afp (2), DPA
Anzeige
Paris

Die Kölner Essigfabrik wäre am Dienstag die erste deutsche Station gewesen, zwei Tage später Münchens Kesselhaus, am Sonntag dann das Bremer Aladin. Doch die Eagles of Death Metal (EoDM) brechen ihre Europatour ab. Zwar entkam die kalifornische Indieband laut „Daily Mail“ durch den Backstagebereich dem Terrorangriff des islamistischen Mordkommandos unverletzt, aber 89 Menschen starben im Pariser Bataclan, darunter mindestens ein Mitarbeiter der Gruppe. Da stöpselt man anderntags nicht einfach wieder die Gitarren ein.

„Allah kam zu ihnen, dort, wo sie ihn nicht erwartet hätten“, so erklärten die Bekenner des Islamischen Staates (IS) in ihrem Brief das, was sie den „Anfang des Sturms“ nennen. Und die Terroristen, die mit diesem Surenzitat Gott gleichgesetzt werden, kamen in ein altes Theaterhaus im Chinois-Stil, wo sich am Freitag in ihrer Diktion „Hunderte Götzendiener zu einer perversen Feier versammelt hatten“. „Kiss the Devil“ war das Lied, zu dem die vier Attentäter mit ihren Schnellfeuergewehren den Saal stürmten, Sänger und Gitarrist Jesse Hughes erzählt darin vom Teufel, dessen Lied er singe und dessen Zunge er küsse. Ein passender Moment für Kämpfer, die glauben, mit ihren Mordtaten den (westlichen) Teufel selbst zu bekämpfen.

Und doch: Wie informiert waren die Terroristen tatsächlich über ihr Ziel? Warum gerade die Eagles of Death Metal, wo doch anderntags die oft als „größte Rock ’n’ Roll-Band auf Erden“ apostrophierten U2 in Paris auftreten wollten. Auch deren Sänger Bono hatte sich schließlich auf Konzerten schon – ironisch – als Mephisto verkleidet. Das U2-Konzert wurde gecancelt, die vier Iren besuchten stattdessen die Orte des Angriffs.

War es nur ein Missverständnis, glaubten die Gotteskrieger tatsächlich, eine besonders verachtenswerte Band ausgewählt zu haben, weil die düster-resignativ dahinrasende Heavy-Rock-Spielart Death Metal im Ruf steht, lyrische Ausflüge ins Satanische zu unternehmen?

Konzertabsagen und Solidaritätsbekundungen

Die Terroranschläge in Paris haben in der Popwelt zu Solidaritätsbekundungen und Konzertabsagen geführt. Neben den Eagels of Death Metall, bei deren Konzert in dem Pariser Club Bataclan am Freitagabend etwa 90 Menschen von Terroristen ermordet wurden, haben auch Bands wie U2, Motörhead, die Foo Fighters und das britische Pop-Trio Years & Years ihre Gigs in Paris und anderen Städten abgesagt.


Popstar Madonna gab bei einem Konzert in Stockholm zu, über eine Absage dort nachgedacht zu haben. Unter Tränen verkündete sie: „Ich bin zerrissen – und die Menschen beweinen den Verlust ihrer Lieben. Aber“, so Madonna weiter, „das ist genau das, was sie wollen. Sie wollen uns zum Schweigen bringen. Aber das werden wir niemals zulassen.“ Nur von einer Gitarre begleitet stimmte der US-Popstar aus Solidarität mit der Pariser Bevölkerung den Chansons „La vie en rose“ der französischen Sängerin Edith Piaf an. Auf Madonnas Tourplan steht Paris am 9. und 10. Dezember.

Die irische Band U2 sagte die für vergangenen Samstag und Sonntag in Paris geplanten Konzerte ab. „Wir sind am Boden zerstört angesichts der Toten beim Eagles-of-Death-Metal-Konzert“, hieß es auf der Internetseite der Gruppe. Die Auftritte sollen nachgeholt werden.

Die britische Heavy-Metal-Band Motörhead sagte ein für Sonntag geplantes Konzert in der französischen Hauptstadt ab. Der Gig werde auf Januar verschoben, schrieben die Musiker bei Facebook.

Das britische Pop-Trio Years & Years („King“) strich kurzfristig einen für den heutigen Montag geplanten Auftritt in Paris. „Unsere Liebe und Gedanken sind bei den Familien und Menschen, die betroffen sind.“

Die amerikanische Rockband Foo Fighters brach ihre Europatournee ab. Eigentlich wollte sie nach einem Konzert am Samstag in Turin an diesem Montag in Paris und dann noch in Lyon und Barcelona spielen.

Der Bandname ist freilich reiner Bluff – EoDM spielen weder Death Metal noch Countryrock im Stil der Eagles, sondern erdig-psychedelischen Stonerrock. Und „Devil“ ist nur ein Spitzname, den Frontmann Hughes von seinem Schulfreund und Bandmitgründer Josh Homme verliehen bekam, der bei den Europakonzerten gar nicht dabei war. Homme bezog sich damit auf die perfiden Methoden Hughes’, sich für erlittene Schulhofstreiche zu rächen. Keine Teufelsanbeterei. Nirgends. Zudem sind EoDM eher ein Thema für Rock-Insider, weit weg von popkultureller Großrelevanz, von Mainstream und Massenradio. Das vierte Album „Zipper Down“, das Anfang Oktober erschien, stoppte daheim in den USA auf Platz 59, kam in Frankreich nur bis Platz 75. Also: Alles nur ein Irrtum?

Freilich gelten Hughes und Homme als äußerst konservativ. Hughes ist bekennender Fan der republikanischen Präsidenten Ronald Reagan und George W. Bush, unterstützt die Kandidatur von Donald Trump und nennt Amtsinhaber Obama einen „Kommunisten und Verbrecher“. Beim Tel-Aviv-Konzert im Juli hatte sich Hughes mit Israel solidarisiert, im bis vor Kurzem von jüdischen Eigentümern geleiteten Bataclan hatten immer wieder proisraelische Veranstaltungen stattgefunden. So könnten Band und Club doch ausgewähltes Terrorziel auf dem Radar antizionistischer Kräfte gewesen sein.

Vor „Kiss the Devil“ hatten EoDM im Bataclan einen Song der Band Duran Duran gespielt: „Save A Prayer“. „Sprich noch kein Gebet für mich, hebe es dir auf für den Morgen danach“, heißt es darin. Für die Rockmusik wird nun noch für lange Zeit der Morgen danach sein, Bands und Fans müssen sich um die Freiheit ihrer Musik sorgen und Kulturveranstalter überlegen, ob und wie mehr Sicherheit hergestellt werden kann.

Die befreundeten Foo Fighters sagten ihre Tournee ab, Dan Auerbach, der mit seiner Band Arcs am selben Abend im Le Triannon in Paris auftrat, sagte, sein Herz sei gebrochen. Motörhead kondolierten und verschoben ihren Pariser Auftritt auf Januar, Gebete kamen via Facebook von Slash, dem früheren Gitarristen von Guns N’Roses.

Der Konstanzer Pianist Davide Martello spielte am Samstag vor dem Bataclan auf einem Flügel John Lennons „Imagine“. Im Song stellte sich der 1980 ermordete Beatle eine Welt vor, in der es den Angriff aufs Bataclan nie gegeben hätte, in der es „nothing to kill or die for“ gäbe. „And no religion too.“

Hintergrund zum Terror von Paris

Reaktionen auf den Terroranschlag von Paris

Sicherheitsdebatte in Deutschland

DFB-Team nach Paris-Spiel wohlbehalten gelandet

Chronologie der Terrornacht von Paris

Terror vom Paris: Was bisher bekannt ist

Wer sind die Attentäter von Paris?

Umfrage: Brauchen deutsche Sicherheitsbehörden mehr Befugnisse?

Berlin trauert in Blau-Weiß-Rot

Videos zum Terror von Paris

So stürmten die Terroristen das Bataclan

EM-Absage ist keine Option

Deutscher bei Terror in Paris getötet

MAZ-Sportreporter: Meine Horrornacht in Paris

Was führte den Terror zu den Eagles of Death Metal?

Von Matthias Halbig

So mancher Konzertbesucher dürfte nach dem Terroranschlag von Paris künftig ein mulmiges Gefühl haben. Doch für Sicherheit könne nur der Staat sorgen, sagt der Konzertveranstalter Marek Lieberberg.

15.11.2015

Achtung, es ist Sonntag! Und das heißt: Es läuft Tatort im Ersten. „Unser“ Tatort – direkt aus Berlin. In der Auftaktfolge gibt neben der Berliner Schnauze auch etwas nackte Haut und gelegentlich auch beißenden Humor. Das neue Berliner Team nimmt Fahrt auf. Wir verraten, warum Sie heute Abend beim Zusehen gut aufpassen sollten.

15.11.2015

Trotz des Massakers im Pariser Bataclan sieht einer der Leiter der bekannten Konzerthalle eine Perspektive für den Musikclub. "Das Bataclan wird wieder öffnen", sagte Dominique Revert am Sonntag in einem Interview des TV-Senders Canal+.

15.11.2015
Anzeige