Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Was man von Kris Kristofferson lernen kann
Nachrichten Kultur Was man von Kris Kristofferson lernen kann
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:28 19.06.2017
Ungeschminkter kann man sich kaum präsentieren: Kris Kristofferson in der Blues Garage. Quelle: RND/Mathias Begalke
Anzeige
Hannover

Frei zu sein, was ist das für ein Gefühl? Wer nichts mehr zu verlieren hat, der ist wirklich frei, singt Kris Kristofferson in „Me and Bobby McGee“. Janis Joplin machte den Song über das Abhandenkommen einer Liebe zu einem Welthit, geschrieben aber hat ihn Kristofferson. Eigentlich unglaublich, dass die lebende Legende, die einst das alte Nashville mit ihrer Aufrichtigkeit schockierte, deren Lieder von Johnny Cash, Elvis Presley und Hunderten anderen gecovert wurden, auf der Bühne der Blues Garage in Isernhagen bei Hannover steht. Aber er ist tatsächlich da.

Kristofferson, der am Donnerstag 81 Jahre alt wird, tritt allein auf, ohne Band. Er begleitet sich mit der Gitarre. Man ist dicht dran. Normalerweise singt er vor weit mehr als den 450 Menschen, die hier in die Kneipe passen.

Das Konzert ist herzergreifend, tröstlich, sanft, wahrhaftig. Kristofferson hat den Blick eines Panthers, noch immer, und die Stimme eines Vaters, eines Vertrauten. Sie wirkt jetzt, im Alter, zerbrechlich, wie das Leben selbst, manchmal tastet sie sich durch die Songs wie die suchende Hand nach dem Lichtschalter. Man spürt seine Sensibilität wie ein Streicheln; klar, dass man auch die Wackeligkeiten hört. Ungeschminkter kann man sich kaum präsentieren.

Mit dem Hubschrauber zu Johnny Cash

Kristofferson weiß aus eigener Erfahrung, dass Freiheit eine schreckliche Schwester hat: die schwere Leere, die Menschen lähmen kann, wenn alles wieder offen ist. Aber er ist ein Neustartfan. Er war Pilot bei der US-Army, bevor er nach Nashville ging. Er hatte an der englischen Eliteuniversität Oxford Literatur studiert. Er hätte Englischlehrer an der Kadettenschule in West Point werden können, wurde aber Songwriter. Seine enttäuschten Eltern, sein Vater war Air-Force-Kommandeur, brachen mit ihm. Doch er hatte sich befreit, das erste Mal. Ein konventionelles Leben wollte er nicht führen.

Er fing als Hausmeister in den Tonstudios von Columbia Records an. Während Johnny Cash dort aufnahm, wischte er die Böden. Kristofferson spielte schon damals den Draufgänger, den wir aus vielen seiner Kinofilme kennen. Er benahm sich anders als andere Songschreiber, für ihn schienen die Gesetze der Music City nicht zu gelten. Er kreuzte mit dem Hubschrauber bei Cash zu Hause auf, landete in dessen Garten, um ihm eine Kassette mit seinen Liedern zu überreichen. Cash hatte schließlich mit Kristoffersons Song „Sunday Mornin’ Comin’ Down“ einen Nummer-eins-Hit.

Ob er jetzt, bei diesem Stück, an sein Idol denkt, das zu einem Verbündeten wurde, mit dem er bei der Supergroup The Highwaymen sogar zusammenspielte? In dem Song geht es um die Einsamkeit nach einer harten Trennung. Wie in vielen seiner Titel verbrennt Kristoffersons Protagonist im Jetzt, lässt sich weder von der Vergangenheit noch von der Zukunft berirren. Voller Selbstmitleid zieht er das sauberste seiner schmutzigen Shirts an und beobachtet das vermeintliche Glück der anderen.

Ein Poet, der zum Problem wird, wenn er sich volllaufen lässt

Die Textzeile „I’m wishing, Lord, that I was stoned“ stört heute niemanden. 1970 war das anders. Die offen geäußerte Sehnsucht nach einem Drogenrausch, der alle Sorgen vergessen lässt, war ein Tabubruch im provinziellen, konservativen Nashville. In Countryhausen gab es offiziell keine Hippies, die mit Blumen und Betäubungsmitteln experimentierten, so wie in San Francisco. Kristofferson veränderte Nashville und die dortigen Songwriter, sie thematisierten fortan das Scheitern, texteten ehrlicher, differenzierter und sinnlicher.

Kristofferson singt „Help me make it through the Night“, in dem jemand um Liebe fleht oder um Sex. 450 Fans flüstern den Text mit wie ein Vaterunser. Seine eigene lebensrettende Liebe heißt Lisa, sie wurde seine dritte Ehefrau, mit ihr hat er fünf Kinder, sie brachte ihn vom Trinken ab.

Die Show dauert knapp anderhalb Stunden. Dass Kristofferson vor nicht allzu langer Zeit an starken Gedächnisstörungen litt, davon ist nichts mehr zu spüren. Die Ärzte hatten zunächst irrtümlich Demenz diagnostiziert, tatsächlich hatte er aber Borreliose.

Immer wieder kommt er auf sein Lieblingsthema zurück: In „Broken Freedom Song“ betäubt sich ein traumatisierter Soldat mit Schmerzmitteln. Er hatte für vieles gekämpft, nur nicht für Freiheit, so wie es ihm versprochen wurde. „They Killed Him“ über die Morde an den Menschenrechtlern Mahatma Ghandi, Martin Luther King und Jesus Christus könnte heute noch auf jeder Bürgerrechtsdemonstration gespielt werden.

„The Pilgrim, Chapter 33“, das er einst Johnny Cash widmete, ist auch ein Selbstporträt. Der Song zeichnet das Bild eines Poeten, der zum Problem wird, wenn er sich volllaufen lässt. „Auf dem einsamen Weg nach Hause biegt man häufig falsch ab“, singt Kristofferson, als halte er ein Plädoyer dafür, auch im Alter weiter Neues auszuprobieren und die Angst vor Veränderungen zu überwinden. Wie andere Forever-Young-Künstler, Leonard Cohen zum Beispiel, der bis zu seinem Tod unterwegs war, wirkt Kristofferson wie eine magische Instanz, jemand, der wissen müsste, wie man sein Ding durchzieht, wie man klar kommt im Leben. Man möchte ihn am liebsten um Rat bitten, ihm „Hey Kris, was hilft gegen die Angst?“ zurufen. „Mutig sein“, würde er wohl antworten und wie ein Panther lächeln.

Janis Joplin machte aus Kris Kristoffersons Countrysong ein Rockklassiker:

Von RND/Mathias Begalke

Potsdam-Mittelmark Volksbühne Michendorf zeigt „Mondscheintarif“ - Umjubelte Premiere

Die Volksbühne Michendorf feierte vor der Sommerpause die Premiere des 2001 verfilmten Romans „Mondscheintarif“ der Autorin Ildikó von Kürthy. Zu erwarten war süßer Herzschmerz. Die eigentliche Überraschung aber war, dass sich bei all der Seichtheit der Dialoge keine Langeweile einstellte. Das lag vor allem an einer Darstellerin.

22.06.2017

Neuer Anlauf nach sechs Jahren Plattenpause: Die Fleet Foxes aus Seattle machen auf ihrem dritten Album „Crack-Up“ progressiven Folk, wie ihn die Welt noch nicht gehört hat.

19.06.2017
Kultur Ausstellung in der Potsdamer Gedenkstätte Lindenstraße - Erfasst, verfolgt, vernichtet

Eine Ausstellung in der Potsdamer Gedenkstätte Lindenstraße zeigt das Schicksal kranker und behinderter Menschen in der Nazi-Zeit. Rund 40 Informationstafeln zeigen Täter und Opfer des Wahnsinns der sogenannten Rassenhygiene.

21.06.2017
Anzeige