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Was will der Newcomer Ersan Mondtag?

Theatertreffen Was will der Newcomer Ersan Mondtag?

„Das Zweidimensionale ist meine Kultur“, bekennt Ersan Mondtag im Interview. Noch keine 30, gehört der Sohn Neuköllner Türken zu jener Generation, die ihre Kindheit und Jugend vor allem an Bildschirmen verbracht haben. Mit „Tyrannis“ gelang ihm der große Durchbruch, die Inszenierung am Staatstheater Kassel wurde zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen.

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Ersan Mondtag.

Quelle: Conny Mirbach;

Berlin. Der junge Regisseur Ersan Mondtag ist der Newcomer des deutschen Regietheaters. Seine Inszenierung „Tyrannis“ wurde zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Ein Gespräch.


MAZ:
Herr Mondtag, Ihr Name steht in der aktuellen Top Ten des deutschsprachigen Regietheaters. Sie sind noch keine 30 Jahre alt. Wo sehen Sie sich persönlich in 20 Jahren?

Ersan Mondtag: Ich hoffe, dann Filme zu machen. Ich sehe mich als theatralen Filmemacher.

Würden Sie den deutschen Theaterbetrieb auch gern zum Weltkulturerbe erklären?

Mondtag: Ja, denn die deutsche Theaterlandschaft ist einmalig in der Welt, dank der staatlichen Subventionen. Die Ensembles sind auch beispielhaft in die Medienlandschaft eingebettet und werden von den Feuilletons und den Kritikern wahrgenommen. Aber Theater muss ein Prozess bleiben, muss sich verändern können. Es darf nicht unter Denkmalschutz stehen wie etwa ein Gebäude.

Aufstrebendes Regietalent

Noch gibt es keinen Wikipedia-Eintrag zu Ersan Mondtag. Aber er gilt als großes, aufstrebendes Regietalent. Bei der Kasseler Uraufführung „Tyrannis“ entwickelte er nicht nur das Stück und besorgte die Inszenierung, er war auch für das Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich.

„Tyrannis“ wurde 2016 zu einer der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen im deutschsprachigen Raum erklärt und zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Die vier Gastspiele des Staatstheater Kassel finden am 8. und 9. Mai im Haus der Berliner Festspiele statt.

Ersan Mondtag wurde 1987 als Sohn Berliner Türken im Bezirk Neukölln geboren, wo er heute noch lebt. Der Name Mondtag ist eine direkte Übersetzung ins Deutsche, bürgerlich heißt er Ersan Aygün. Er arbeitet zwischen den Feldern Theater und Musik, Performance und Installation. Derzeit bereitet er Inszenierungen am Thalia Theater Hamburg, am Maxim-Gorki-Theater Berlin und am Schauspiel Frankfurt vor.

Wie haben Sie das Stadttheater in Kassel erlebt? Ihre ungewöhnliche Gast-Inszenierung im dortigen Studio bescherte Ihnen den großen Durchbruch.

Mondtag: Ich hatte große Probleme mit den starren Haltungen in diesem Haus und habe mich auch mit so ziemlich allen verfeindet. Zwischendurch kam ich mir vor wie ein Soldat, der mit dem Maschinengewehr alles um sich herum abschießt. In so kurzer Zeit einen hohen Anspruch durchzusetzen, das ist schwer. Aber ich lasse mich prinzipiell nicht einschüchtern. Ich musste als einzelner, junger Mensch mit dem Betrieb immer wieder hart verhandeln. Dass ich besser kommunizieren muss, das habe ich dabei gelernt. Durch die Einladung zum Theatertreffen habe ich jetzt einen besseren Status und werde es künftig leichter haben, meine Ziele durchzusetzen.

Verstehen Sie sich als Provokateur?

Mondtag: Eigentlich nicht. Ich werde als solcher wahrgenommen, provoziere aber nicht bewusst. Eigentlich habe ich kein schlechtes Verhältnis zum Zuschauer, mich trägt immer der Impuls, ihm etwas geben und schenken zu können.

Sie setzen dem Repertoire-Theater experimentelles Performance-Theater entgegen. Verächter dieses Genre meinen schnell, das sei „Kunstkacke“. Trifft Sie das?

Mondtag: Das kann ich mir vorstellen, habe es aber noch nicht erlebt. Es gibt Aufführungen, die auch ich als „Kunstkacke“ bezeichnen würde, aber ich möchte nicht schlecht über Kollegen sprechen. „Kunstgewerbe“ - das wäre auch ein Schimpfwort für mich.

Gibt es überhaupt noch die Grenze zwischen Off- und Stadttheater?

Mondtag: Die gibt es noch. Das Problem der freien Szene ist, dass sie Mittel erfindet, die das Stadttheater schnell übernimmt, ohne aber deren Struktur zu übernehmen. Zur Zeit schlagen Intendanten wie Shermin Langhoff am Berliner Gorki-Theater und Matthias Lilienenthal an den Münchner Kammerspielen zum Glück eine andere Richtung ein. Die hierarchische Betriebsstruktur am Theater ist oft kreativitätsfeindlich. Sobald Du als Künstler anfängst, den Betrieb wahrzunehmen, setzt Du dich nicht mehr mit Deiner Kunst auseinander. Die Dispute mit technischen Leitern, dem Marketing oder Disponenten sind für Regisseure die totale Verstrickung. Immerhin gibt es an den Häusern Werkstätten, die arbeiten für einen. In der freien Szene gibt es diese repressive Struktur weniger. Da gibt es andere Probleme. Wie kann man ökonomisch existieren und auf sich aufmerksam machen? Das Pro und Kontra liegt auf beiden Seiten.

Können Sie sich vorstellen, je einen Lessing- oder einen Shakespeare zu inszenieren?

Mondtag: Jetzt fragen bei mir viele Intendanten an, ob ich solche Stücke entwickle. Ich habe schon mal über ein Tschechow verhandelt, der interessiert mich total. Shakespeare werde ich auf jeden Fall irgendwann machen. Othello, Hamlet, King Lear – die ganzen Shakespeare-Figuren möchte ich in einem Arbeitszyklus abarbeiten. Goethe interessiert mich nicht so, obwohl ich die „Iphigenie“ in der nächsten Spielzeit in Frankfurt am Main mache. Aber die Sprache von Goethe spricht mich nicht an, eher die von Shakespeare.

Bisher waren Ihnen Kafka oder Fassbinder wichtiger. Dabei ist die Stilistik Ihrer Inszenierung recht heterogen.

Mondtag: Fassbinder hat in seinen ersten Filmen völlig dilettantisch Godard imitiert, ehe er Fassbinder wurde. Und Castorf hat zunächst nichts anders gemacht, als Fassbinder auf die Bühne zu bringen und ist dann Castorf geworden. Das ist ein ganz normaler Vorgang. Vielleicht kann man bei mir über eine Handschrift sprechen, wenn ich 40 bin. Das alles ist ein Lernprozess.

Von wem haben Sie mehr gelernt? Von Castorf oder von Schlingensief?

Mondtag: Schlingensief habe ich nie getroffen, aber er hat meine Arbeiten sicher mit geprägt. Ich könnte viele Namen nennen: Castorf, Marthaler, Wilson, die Wiener Aktionisten, Max Beckmann, Max Ernst, David Lynch usw.

Mondtag: Das Stück „Tyrannis“ haben sie selbst entwickelt. Es zeigt als Karikatur das Leben einer Familie, die sich gegen eine feindliche Umwelt abschottet und den Einbruch des Fremden fürchtet. Wie politisch meinen Sie das?

Mondtag: Ich meine das in keine Richtung. Aber ich bin ein politischer Mensch und so darf man es auch lesen. Matthias Lilienthal hat kürzlich gesagt, ich hätte Pegida-Deutschland auf die Bühne gebracht. Ich habe beim Arbeiten permanent die Flüchtlingsfrage im Kopf gehabt. Da steht ein Flüchtling vor einer Verandatür und möchte ins Haus. Die Gemeinschaft drinnen reagiert panisch. Sie hat Angst vor einer Gefahr, die nicht existiert, nämlich dass dieser Fremde reinkommt und alles vergiftet und zerstört. Das wirbelt die innere Struktur und Ordnung der Gemeinschaft durcheinander. Bis dahin waren die Abläufe klar choreografiert, wer wann auf Toilette geht. Und plötzlich kommt da jemand rein und geht einfach auf Toilette und es entsteht ein Stau und eine massive Hysterie. Dabei ging es nur um ein logistisches Problem.

Und das lässt sich auf Deutschland übertragen?

Mondtag: Selbst wenn zehn Millionen Flüchtlinge nach Europa kommen, ist das bei einer Zahl von 600 Millionen Einwohnern ein Witz. Auch bei 20 Millionen wäre das kein Problem. Momentan geht es, glaube ich, um fünf Millionen Flüchtlinge. Das ist kein reales Problem, auch kein ökonomisches. Das ist ein menschliches Problem und ein Problem, das die Medien herstellen und die Rechten instrumentalisieren. Dabei gibt es in Deutschland auch reale Probleme. Skandalös ist, dass der NSU 15 Jahre morden konnte und der halbe Verfassungsschutz involviert war und in den letzten drei Jahren merkwürdigerweise vier relevante Zeugen gestorben sind. Das ist ein Problem. Eine tiefe Parallelstruktur im Staat bedroht die Demokratie, nicht die Flüchtlinge.

Wenn Sie so viel zu sagen haben, warum dürfen dann die Schauspieler in „Tyrannis“ gar nichts sagen? Was hat sie zu diesem radikalen Schritt bewogen?

Mondtag: Natürlich hege ich ein prinzipielles Misstrauen gegenüber der Sprache, mit der sich Menschen und Gemeinschaften manipulieren lassen. Aber das ist nicht der Grund. Ich suche immer eine Form, für das, was ich tue. Als Regisseur muss ich mich ja fragen, wie ein Schauspieler sprechen soll – natürlich, direkt, formalisiert? Immer wenn ich versucht habe, eine interessante Form zu finden, bin ich noch zu keinem guten Ergebnis gekommen. Deswegen habe ich mich in letzter Zeit mehr auf das Visuelle konzentriert. Das beherrsche ich besser. Ich werde aber weiter forschen. Ich möchte über die Form neue Inhalte schaffen.

Und warum haben Sie den Schauspielern in „Tyrannis“ übergroße kitschige Augen aufgeklebt? Warum müssen die Schauspieler blind und wie aufgezogene Puppen agieren?

Mondtag: Das habe ich von Johnny Depp, „Fluch der Karibik“. Ich wollte auf der Bühne einen Umstand schaffen, den es so noch nicht gab. Die Schauspieler müssen sehende Figuren spielen, ohne selbst zu sehen. Der formale Ansatz hat natürlich auch eine inhaltlich Dimension. Das ist total witzig, was mit den Körpern passiert. Ich möchte da weiterforschen. Wie werden sie agieren, wenn sie nicht mehr den Schutz der Choreografie haben?

Könnte es sein, dass Robotermenschen Ihr Lebensthema werden?

Mondtag: Ich kann nur beschreiben, wo ich herkomme. Ich bin ein Computerkid. Ich hatte schon mit zehn meinen ersten Computer und habe „Die Sims“ gespielt. Ich habe immer nur auf Computerbildschirme geschaut, das Zweidimensionale ist meine Kultur. Deshalb wird meine Generation auch stärker in die Richtung Bildertheater gehen.

Die Schauspieler dienen Ihnen nur zur Illustration einer Idee und können als Individuen nicht über sich hinauswachsen?

Mondtag: Warum soll ich mich als Zuschauer mit der Persönlichkeit eines Schauspielers auseinandersetzen? Der Schauspieler ist doch kein Topthema, das ist ein Irrglaube. Meine Schauspieler können sich befreien von dieser Last. Sie können sich eingliedern in eine gemeinschaftliche Angelegenheit, in eine Thematik, sie können ein Teil von etwas sein.

Warum machen Sie dann nicht Animationsfilme oder Puppentheater?

Mondtag: Man kann in jedem Medium alles erzählen. Thematisch ist das egal. Beim Film hat man natürlich viel mehr Möglichkeiten. Beim Theater hat man nur diese eine Bühne, auf die höchstens 100 Leute passen, und man hat eine reale Situation. Und die Zuschauer sollen merken, wir sind hier zusammen in einem Raum, das ist zwischen uns vereinbart. In „Tyrannis“ nehmen die Schauspieler am Ende die falschen Augen ab und öffnen ihre echten Augen, sie betrachten die Zuschauer und werden betrachtet. Das ist eine magische Begegnung, die ein Film niemals herstellt.

Interview: Karim Saab

 

Von Karim Saab

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