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„Weich gehn wir in der Wölfe Spur“

100 Jahre Johannes Bobrowski „Weich gehn wir in der Wölfe Spur“

Eine Rückschau auf das Werk und das Leben des berühmten Lyrikers und Erzählers.

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Johannes Bobrowski (r.) mit Guenter Grass (l) während der Tagung der „Gruppe 47“ in Stockholm im September 1964

Quelle: ullstein bild

Potsdam. Leicht sind seine Gedichte nicht zu lesen. Doch wenn ein Autor bereits 52 Jahre tot ist und sein Werk auch 100 Jahre nach seiner Geburt noch Beachtung findet, ist ihm ein Platz in der deutschen Literaturgeschichte sicher. Johannes Bobrowski wurde am 9. April 1917 in Tilsit, dem heutigen Sowetsk, geboren und betrat erst vier Jahre vor seinem frühen Tod 1965 die literarische Bühne. Sein erster Lyrikband „Sarmatische Zeit“, der 1961 parallel in Ost- und in Westdeutschland herauskam, eröffnet die neue Ausgabe „Gesammelte Gedichte“, die auf stolze 750 Seiten kommt. „Sarmatien in Berlin“ heißt eine weitere Neuerscheinung, die mehr als 70 Reaktionen von berühmten Schriftstellerkollegen auf Bobrowski zusammenstellt.

Sarmatien? Dieses Wort prägten die Gelehrten der Antike, um das weiträumige Tiefland zwischen Weichsel und Wolga, Ostsee und Schwarzem Meer zu bezeichnen. Der deutsche Eisenbahnersohn Johannes Bobrowski wuchs am Grenzfluss Memel auf und besuchte später in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, das Domgymnasium, wo er auch Latein und Orgelspielen lernte. 1938 zog er dann mit seinen Eltern in den Südosten Berlins.

Mit „Levins Mühle“ (1964) und „Litauische Claviere“ (1967) schrieb Bobrowski auch zwei Romane, die das Zusammenleben der sarmatischen Völker zum Thema haben. In seiner ostpreußischen Heimat lebten Polen, Litauer, Russen, Deutsche und Juden Tür an Tür, bis die Nationalisten die Oberhand gewannen. Bobrowski sprach von einer „langen Geschichte aus Unglück und Verschuldung, seit den Tagen des deutschen Ordens, die meinem Volk zu Buche steht“. Er selbst war als Gefreiter der deutschen Wehrmacht 1939 am Überfall auf Polen und 1941 am Einmarsch in die Sowjetunion beteiligt.

„Historisches Bewusstsein hat Bobrowski zum ersten Mal am Ilmensee 1941 gespürt, in der Nähe von Stalingrad“, meint der Germanist Helmut Böttiger. Mit anderen Worten: In den mörderischen Schlachten für das „Volk ohne Raum“ küssten den Angehörigen eines Nachrichtenregimentes die Musen. In seinen Gedichten nimmt sich Bobrowski dieses Themas in der Regel nicht direkt an. Vielmehr beschwört er die Natur, die Menschen und die vielfältigen Traditionen seiner verlorenen und zerstörten Heimat. Seine Lyrik wird zum Ende hin immer verrätselter, schroffer und abstrakter.

Das heißt aber nicht, dass er sich den moralischen Verstrickungen nicht stellte. Es gibt ein Gedicht, das heißt „Kaunas 1941“. In der litauischen Stadt erlebt Bobrowski im Juni einen Progrom der SS, dem 3800 Juden zum Opfer fielen. „Am Tor/ lärmen die Mörder vorüber. Weich/ gehn wir, im Moderdurft, in der Wölfe Spur“, verlieh er seinem Entsetzen nachträglich Ausdruck. Am Weihnachtstag 1949 war Bobrowski aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft nach Berlin zurückgekehrt.

Werke über Johannes Bobrowski

Nach dem Tod von Bobrowski schrieb Gerhard Wolf das Buch „Beschreibung eines Zimmers. 15 Kapitel über Johannes Bobrowski.“, das 1971 mit Fotos von Roger Melis erschien.

Bis 2011 blieb das Zimmer in der Ahronallee 26 in Berlin-Friedrichshagen als Bobrowski-Gedenkstätte erhalten. Dann gaben die Söhne des Dichters die Einrichtungsgegenstände nach Wilkischken in Litauen, wo ein kleines Bobrowski-Museum eingerichtet wurde. Inzwischen hat eine Enkelin des Dichters das Berliner Haus erworben und möchte in dem Zimmer wieder Veranstaltungen ausrichten.

Eine prägnante Lebensbeschreibung bietet das Heft „Johannes Bobrowski in Friedrichshagen“ von Klaus Völker (Frankfurter Buntbücher, 32 Seiten, 8 Euro).

Der Band „Gesammelte Gedichte“ von Johannes Bobrowski, herausgegeben von Eberhard Haufe, erschien in der Deutschen Verlags-Anstalt (750 Seiten, 34,99 Euro).

Das Buch „Sarmatien in Berlin. Autoren an, über und gegen Johannes Bobrowski“, herausgegeben von Andreas Degen, erschien im Verlag für Berlin-Brandenburg (192 Seiten, 19,99 Euro).

In seiner Prosa nimmt er ebenfalls wiederholt die problematische Täter-Perspektive ein. Der Roman „Levins Mühle“ ist aus der Sicht eines Enkels erzählt, der sich kritisch mit seinem Großvater auseinandersetzt. Der Müller hatte 1874 einem jüdischen Konkurrenten die Existenz zerstört und das kriminelle Vergehen mit seiner deutsch-nationalen Einstellung gerechtfertigt. Bobrowskis poetischster und magischster Text ist die Erzählung „Mäusefest“ (1962). In einem leeren Ladengeschäft sitzt ein alter Jude und unterhält sich allabendlich mit dem Mond und füttert die Mäuse. Bis eines Tages ein milde gestimmter deutscher Soldat auftaucht. „Und Moise weiß schon, dass es dem Mond unbehaglich ist, weil dieser Deutsche da herumsitzt“, heißt es. Als sich der Soldat dann erhebt, laufen die Mäuse davon. „Die Mäuse sind fort, verschwunden. Mäuse können das.“

Da Bobrowski seit 1959 im Union Verlag in Ostberlin als Belletristik-Lektor arbeitete, verfügte er über viele Kontakte in Ost und West und konnte auch nach dem Mauerbau nach dem Westen reisen. Beim 22. Treffen der Gruppe 47 im Oktober 1962 wurde ihm überraschend der Preis der Gruppe zugesprochen. So wurde der Dichter auf einen Schlag bekannt. „Er sah eher aus wie ein Arbeiter, vielleicht auch wie ein Bauer, rundes Gesicht, breite Backenknochen, ein bisschen derb. Gar nicht modische Kleidung, festes Schuhwerk“, erinnerte die Germanistin Ruth Tilliger seinen Auftritt.

Johannes Bobrowski und seine Frau Johanna, die noch bis 2011 in der gemeinsamen Wohnung in Berlin-Friedrichshagen lebte, galten als liebenswerte Gastgeber. Doch dann wurde Bobrowski jäh aus dem Leben gerissen. Nach einer Blinddarmentzündung verlor er im Mai 1965 das Bewusstsein und starb am 2. September in einem Ostberliner Krankenhaus, noch ehe der Verleger Klaus Wagenbach und der Schriftsteller Hubert Fichte vielleicht rettende West-Medikamente durch die Mauer schmuggeln konnten. Karim Saab

Von Karim Saab

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