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Weihnachtslieder und ihre unendliche Geschichten

Von „Es ist ein Ros entsprungen“ bis „Last Christmas“ Weihnachtslieder und ihre unendliche Geschichten

Die Musik gibt dem Fest eine Seele, doch mancher Song heizt den Exzess im Kaufhaus an. Die ältesten Weihnachtslieder stammen aus dem 14. Jahrhundert, einer der neuesten und erfolgreichsten kommt aus dem Jahre 1984: „Last Christmas“ von Wham!. Wir stellen die wichtigsten Lieder und ihre Geschichte vor.

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Weihnachtslieder klingen im Chor am schönsten – hier gesungen von Kindern aus Dresden.

Quelle: DPA

Potsdam. Die Frage nach dem liebsten Weihnachtslied erlaubt uns tendenziell zwei Antworten – sie führen schnell in radikal verschiedene Richtungen, sie driften so weit auseinander, dass man am Ende eigentlich behaupten muss: Es dreht sich um verschiedene Feste, die besungen werden.

Einerseits ist da „Last Christmas“ von Wham!, in Stein gehauen 1984. Damals noch ein Popsong, heute ein Volkslied, dem man nachsagt, es sei mit so viel Zucker gebacken, dass man ein klares Glas Wasser braucht und einen frischen Apfel, um sich nach diesen kolossalen drei Minuten zu entgiften.

Anderseits gibt es „Gelobet seist du, Jesu Crist“ aus dem Jahr 1380, dessen erste Strophe zur Sequenz der Mitternachtsmesse „Grates nunc omnes“ gesungen wurde. Es gehört zu den ältesten Weihnachtsliedern im westlichen Kulturkreis, es wurde zelebriert in der Messe und im Stundengebet, nicht zu Hause in der warmen Stube.

Das führt zur Frage, wo „Last Christmas“ sein natürliches Einsatzfeld findet. Man muss nicht lange überlegen, die Antwort liegt auf der Hand: Das Lied wohnt im Radio, vornehmlich in den Radios mit den permanenten Gutelauneleuten an den Mikrofonen, die „Last Christmas“ mit einem kleinen Kichern in der Stimme präsentieren – weil das Lied noch ein paar Jahre in dem Stadium der Ironie und dem Ein-bisschen-nervt-es-schon-Gefühl ausharren muss, bis es heilig gesprochen wird und in den Kirchen Einzug hält. Ja, so könnte es kommen, auch die Kurie muss sich überlegen, wie sie die Austrittswelle stoppt.

Die Geschenkefrage ändert sich

Zwischen „Grates nunc omnes“ und „Last Christmas“ ist eine Menge passiert, gerade in der Geschenkefrage. Um 1380 lebte man an Heiligabend noch von Gottes Lohn, der immateriell ausfiel und in keiner Saturn/Media-Markt/H&M-Wurfsendung aufgelistet wurde. Zu Zeiten von „Last Christmas“ aber soll es bitte der Playmobil-Bauernhof „Country“ sein, für das ein vierjähriges Mädchen auch ein Lied anstimmen, wenn der Weihnachtsmann kommt. Sie nimmt nicht „Grates nunc omnes“ oder „Last Christmas“, sondern lieber „In der Weihnachtsbäckerei“ von Rolf Zuckowski: „In der Weihnachtsbäckerei / gibt es manche Leckerei / Zwischen Mehl und Milch / macht so mancher Knilch / eine riesengroße Kleckerei. / In der Weihnachtsbäckerei / In der Weihnachtsbäckerei.“

Dieses Lied ist, gerade was den Zuckergehalt angeht, eine kindgerechte Vorbereitung auf „Last Christmas“ von Wham!.

Wenn wir von Weihnachtsliedern reden, meinen wir Stücke, die neben den Tannenbaum passen. Dort singen wir sie ungeniert und schief, weil das Leistungsdenken Weihnachten mal Pause macht. Bis auf den heiklen Akt, wenn man die Gans tranchiert. Erst im 18. Jahrhundert hielten die Weihnachtslieder Einzug in die Wohnzimmer und trieben im 19. Jahrhundert zur Blüte, wie sich an zahlreichen Neudichtungen zeigt. Das Weihnachtslied als Kirchenchoral wanderte als Sololied mit Klavierbegleitung in die Stuben des Bürgertums.

„Ich steh an deiner Krippen hier“ war eines der populärsten Lieder dieser Zeit, es wurde 1653 in Johann Crügers Gesangbuch „Praxis Pietatis Melica“ veröffentlicht. An die Stelle des „Wir“ der meisten Lieder aus der Reformationszeit tritt die „Ich“-Form. Obwohl das lyrische Ich und das Jesuskind als getrennte Personen gedacht werden, wird eine Art Paarmystik angestrebt.

Im 19. Jahrhundert fanden auch Lieder aus anderen Ländern den Weg nach Deutschland. Karl Riedel (1827-1888) etwa machte das böhmische Lied „Kommet, ihr Hirten“ hierzulande heimisch und leitete eine Renaissance der älteren Weihnachtslieder wie „Es ist ein Ros entsprungen“ ein, das eigentlich aus dem 16. Jahrhundert stammt.

Weihnachtslieder ohne Christus

Mit den Jahren lösten sich die Weihnachtslieder vom christlichen Bezug, gerade in der DDR gab es Stücke wie „Sind die Lichter angezündet“, „Tausend Sterne sind ein Dom“ und „Vorfreude, schönste Freude“, die vom Christuskind nichts mehr wissen wollten und, gelenkt von der Partei, auch nicht mehr sollten.

Doch auch in der westlichen Weihnachtslied-Kultur war Jesus allenfalls noch eine Randfigur, mancher strich ihn restlos aus der Partitur. Die Globalisierung und Kommerzialisierung stülpten dem Fest die Lieder über, die in jedes Kaufhaus passten. Sie fanden ihre endgültige Hymne im geliebten, gehassten „Last Christmas“.

Das Englische dominiert

Doch man soll sich nicht täuschen, dieses Lied führt keineswegs die offiziellen Weihnachtssong-Charts in Deutschland an. Diese Charts gibt es tatsächlich, Media Control hat eine Rangliste für den Zeitraum vom 24. November bis 18. Dezember 2017 erstellt, auf Basis von Verkaufszahlen, Streamingzahlen und Abspielzahlen im Radio. Wham! liegen nur auf Platz zwei. Ganz vorne thront Mariah Carey mit „All I Want For Christmas Is You“.

Auf Platz drei folgt Pentatonix mit „Hallelujah“, sieben der zehn erfolgreichsten Titel sind englischsprachig. Das beste deutsche Lied kommt von Glasperlenspiel und heißt „Heimkommen“, es liegt auf Rang vier. Auf acht folgt „Dezember“ von Stefanie Kloß und Mark Forster, auf neun liegt „Wir sind eins“ von Moses Pelham und Michael Patrick Kelly.

Der Begriff des Weihnachtsliedes wird gedehnt in dieser Hitparade, er geht auf im Pool des Schlagworts „Winterlied“. Wer die Sinne schärfen möchte, wer spüren will, wie radikal ergreifend so ein echtes Weihnachtslied auch heutzutage klingen kann, das fürs Herz, nicht als Soundtapete im Kaufhaus komponiert ist, der höre sich „Christmas Card From A Hooker in Minneapolis“ von Tom Waits an, leicht mit Video auf Youtube zu finden.

Die Lesart von Toms Waits war immer schon die eines hemmungslosen Weihnachtssängers, der sich unterm Baum zur schiefen Hymne aufschwingt – im Blut zwei Gläser Glühwein. Was soll man von dem Lied erwarten, das auf Deutsch „Weihnachtskarte von einer Nutte aus Minneapolis“ heißt? Genau, es ist so andächtig, berührend und rätselhaft wie diese alten schönen Stücke aus dem Mittelalter.

Da wir bei der Sozialkritik gelandet sind und generell bei Randgruppen, bei Themen also, die zu Weihnachten auf furchtbarem Boden gedeihen, nehmen wir die Kurve zu Erich Kästner. Er hat 1928 das Stück „Morgen, Kinder, wird’s was geben“ umgedichtet in „Weihnachtslied, chemisch gereinigt“.

Kästners erste Strophe geht so: „Morgen, Kinder, wird’s nichts geben! / Nur wer hat, kriegt noch geschenkt. / Mutter schenkte Euch das Leben. / Das genügt, wenn man’s bedenkt. / Einmal kommt auch eure Zeit. / Morgen ist’s noch nicht soweit.“ Das ist unverdünnte Häme. Ein Thema unserer Tage – die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Klar, man kann sich ablenken von solchen Sorgen. Doch selbst „Last Christmas“ ist ein Lied über verdammten Liebeskummer.

Von Lars Grote

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