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Kultur „Welt ohne Außen“ im Gropius-Bau
Nachrichten Kultur „Welt ohne Außen“ im Gropius-Bau
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18:06 12.06.2018
Die Geruchsorgel des in Groß Köris lebenden Künstler Wolfgang Georgsdorf. Quelle: Wolfgang Georgsdorf
Berlin

Und Plopp! Alle sieben Sekunden macht es „plopp“. Als würde eine Flasche entkorkt. Das Geräusch kommt von vorne. Von dort, wo die Rohre die weiße Gitterwand durchstoßen und von wo auch der Geruch kommt. Dieser Duft von Minze. Glück gehabt, denn plopp, gleich riecht es wieder anders. Angebrannte Suppe? Autoreifen? Asphalt? Zivilisationsgerüche! Mindestens gewöhnungsbedürftig.

Ein dickes und 64 etwas kleinere Auspuffrohre hat Wolfgang Georgsdorf in dem abgedunkelten, komplett in weiß gehaltenen Raum installiert. Sie führen zu einer sogenannten Geruchsorgel. „Smeller“ hat sie der in Groß Köris (Dahme-Spreewald) lebende Künstler genannt. Was so viel wie „Dufter“, aber auch „Stinker“ bedeuten könnte – je nachdem , welches Aroma sich da gerade ausbreitet.

Und plötzlich stehst du Gefängnis. Die Ausstellung „Welt ohne außen“ präsentiert Kunstwerke, die die Grenzen zwischen drinnen und draußen, hier und dort, Subjekt und Objekt durchbrechen. Die MAZ zeigt ein paar Beispiele.

Smeller verströmt über ein hoch kompliziertes technisches Verfahren verschiedene Duftfolgen im Raum. Streng durchkomponiert ist deren Abfolge. Georgsdorf nennt die Performance ein „Osmodrama“ Es besteht aus 168 Geruchswechsel in 14 Minuten und 30 Sekunden. Der Konsument sitzt mitten drin, den aus 64 Basisgerüchen komponierten Duftclustern ausgeliefert, und ist damit beschäftigt, die Eindrücke seines Riechorgans zu deuten. Seife oder eher Deo? Plopp. Verbrannter Plastikbecher. Plopp. Hmh, frische Himbeeren. Plopp. Oh, eindeutig Kuh-, – nein eher Pferdestall! Und plopp.

Der Zuschauer als Kunstwerk

Wolfgang Georgsdorfs Geruchsinstallation steht in einem Raum der aktuellen Ausstellung „Welt ohne Außen“ im Gropius Bau in Berlin. Ausstellung ist vielleicht nicht die richtige Bezeichnung für das, was dort zu sehen, riechen, kurz, was dort zu erleben ist. Denn Ausstellung im traditionellen Sinne meint, dass dem Besucher ein fixes Kunstwerk präsentiert wird. Thomas Oberender und Tino Sehgal, den beiden Kuratoren, geht es aber um „Immersive Räume seit den 60er Jahren“, also um Räume virtueller Realitäten, in denen der Betrachter nicht mehr unbeteiligt als Zuschauer auf etwas Dargestelltes schaut, sondern zum Teilnehmer in einer inszenierten Situation wird.

„Es geht um die Auflösung der Differenz zwischen dort und hier, zwischen Subjekt und Objekt“, sagt Thomas Oberender, der zugleich Intendant der Berliner Festspiele ist. Eine Welt eben, in der es kein neutrales draußen mehr gibt, sondern nur noch „In-der-Welt-sein“, wie es der Philosoph Martin Heidegger vor rund 90 Jahren schon genannt hat.

Spezielle Dauerkarte

Die Ausstellung „Welt ohne Außen“ versucht die Distanz zwischen Betrachter und Kunstgegenstand zu durchbrechen.

Dazu gibt es wechselnde Aufführungen und Workshops, etwa zu Teezeremonien, Bewegungstechniken oder Geruchserfahrungen.

Eine spezielle Dauerkarte zum Preis von 25 Euro (ermäßigt 20 Euro) macht es möglich, die Veränderung der Ausstellung zu verfolgen und mehrfach an Workshops teilzunehmen.

Welt ohne Außen. Immersive Räume seit den 6oer Jahren. Ausstellung, Aufführungen, Workshops. Gropius Bau Berlin, Niederkirchnerstr. 7, Mi – Mo, 10 – 19 Uhr. 10 Euro / 7 Euro, bis 5.8.

Ganz neu ist diese Einsicht also nicht. Und auch die Kunst reagiert seit Jahrzehnten darauf, indem sie die Rezipienten häufig in die Werke integriert. Im Gropius-Bau ist etwa die Rekonstruktion einer Arbeit von Lucio Fontana und Nanda Vigo aus dem Jahre 1964 zu sehen. Der argentinische Künstler und die italienische Architektin entwarfen einen mit rotem Teppich ausgelegten und mit Spiegeln ausgestatteten Innenraum, in dem unweigerlich die optischen Außengrenzen verschwinden. Oder der US-Amerikaner Doug Wheeler: 1969 schraubte er eine Acrylplatte mit Neonröhren in einem komplett weißen Raum an die Wand. Der Effekt: die Raumkanten lösen sich auf. Der Betrachter findet sich Mitten in einem weißen Nichts wieder.

Die Welt wird zum Gefängnis

Der Gang durch die Räume der Schau ist wie ein Wandeln durch verschiedenen Welten. Der Belgier Carsten Höller bombardiert die Besucher mit 1920 flackernden Glühbirnen, die an einer Wand aus- und angehen – nichts für Epileptiker, wie warnend am Eingang des Raumes steht. Der Franzose Dominique Gonzales-Foerster entführt in die komplette Dunkelheit, um dort science-fictionartige Klang- und Lichterlebnisse zu inszenieren. Oder Nonny de la Pena: Das Werk der Kalifornierin lässt sich nur mit einer Virtual-Reality-Brille erfahren. Wer sie aufsetzt, steht mitten in einer Gefängniszelle neben einem Inhaftierten, der das brutale Leben in einer Welt erzählt, in der einem das Außen verschlossen bleibt.

Gast-Kurator Tino Sehgal begnügt sich dagegen mit einem ironischen Kommentar auf den aktuellen Kunstbetrieb. Der deutsch-britische Situationskünstler lässt die Besucher beim Betreten des Raumes von drei Eckenstehern antanzen, die ihnen „This is so contemporary“ zu rufen – alles so zeitgenössisch hier.

Der Duft von frischem Heu

Überhaupt ist Seghal offenbar etwas unwohl bei dem Gedanken, sämtliche vertrauten Koordinaten über Bord zu werfen. Die Moderne habe die Tendenz, alle traditionellen Verbindungen aufzulösen. „Heute sind wir auf uns allein gestellt“, konstatiert Seghal. Den Ausstellungsbesuchern werde aber zumindest ein Korsett zur besseren Orientierung angeboten. Denn auch wenn das statische Konzept der Ausstellung durchbrochen wird und die Kunst sich mehr zur Performance transformiert, im Gropius Bau haben alle Aufführungen einen Anfang und ein Ende. Die Besucher können die Schau nach einem strikten Zeitplan durchwandern.

Im Raum von Wolfgang Georgsdorf macht es am Ende noch mal plopp. Der Duft von frischem Heu strömt durch eines der dicken Rohre. Nach einer knapp viertelstündigen Geruchsexkursion durch die Zivilisationsgeschichte ein versöhnlicher Abgang, wie er findet. Ein Geruch zum Wohlfühlen. Plopp.

Von Mathias Richter

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