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Kultur Weltschmerz und Wodka Lemon
Nachrichten Kultur Weltschmerz und Wodka Lemon
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16:44 18.03.2017
Sänger Dave Gahan am Freitag in Berlin. Quelle: imago/Gartner
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Berlin

Dave Gahan in Zirkushose, schwarz mit rotem Streifen an der Seite. Er federt wie ein Tiger, zum Sprung bereit, dann plötzlich kerzengerade Spannung, als sei er beim Geräteturnen. Gahan, Sänger von Depeche Mode, ist ein nervöser Prediger, er raunt vom Untergang, doch kann sich im Moment auf keine echte Melodie verlassen.

Sehr früh kommt „Too Much Love“ vom neuen, am Freitag erschienenen Album „Spirit“ – eine Beschwörung der Liebe, die verloren geht, wenn man nicht Acht gibt auf die Populisten, die alles einreißen, was man mal „Empathie“ genannt hat. Dieser Song ist eine Skizze, viel eher noch ein Skelett. Ein Protokoll der Unruhe. Aber künstlerisch? Schlicht gestrickt. Ein reduziertes Raunen ohne Lust, der Schwermut eine Harmonie zu geben.

So haben die MAZ-Freikarten-Gewinner das Konzert erlebt >

Im Kernland ihrer Fans

Die Band aus England stellt ihr neues Album vor, es ist Freitag, sie sind nach Berlin gekommen, weil hier das Kernland ihrer Fans verankert liegt. Nirgendwo sonst fällt ihre Schwermut auf so fruchtbaren Boden. Die Leute wissen, was es bedeutet, wenn man die Liebe in zwei Teile (oder eben zwei Stadthälften) reißt. Ein großes Telekommunikationsunternehmen überträgt die Show per Live-Stream, das Funkhaus in der Nalepastraße ist voll – mehr als 700 Leute passen nicht hinein, man könnte diese Halle im Handumdrehen 100 Mal füllen, so viele Kartenwünsche gab es. Doch Depeche Mode wollten ihre Plattenpremiere intim. Überall schwarz im Publikum. Das ist die Ehrerbietung der Leute, denn Schwarz ist der Grundton, auf dem sich die technische, mechanische, zart-hämmernde Musik der Band zu Hause fühlt.

Depeche Mode im Berliner Funkhaus. Quelle: Markus Nass

Würde und Sex

Jeder Schritt von Gahan verkörpert Würde und Sex, es ist nicht klar, in welcher Reihenfolge. Er kann auch ein schwaches Lied – und auf dem neuen Album gibt es einige davon – mit einem Schuss Adrenalin auf der Bühne zum Abenteuer machen. Depeche Mode wollten auf der neuen Platte politisch werden, aber haben ihre Poesie verloren. Im Publikum die ersten Deutungsversuche: Ist das Album eine Mischung aus „Ultra“ (erschienen 1997) und „Exciter“ (2001)?

Vielleicht haben Depeche Mode recht. Kann sein, dass man dem aktuellen Weltgefühl nur noch mit einem Presslufthammer gerecht wird, nicht mehr mit einem zarten Moll, zu dem man ein Mädchen küsst.

Auch Martin Gore am Mikro

Martin Gore tritt nach 30 Minuten ans Mikrofon, er will singen, mit Augen zu und Händen in der Luft, sie schweben wie Seifenblasen über die Bühne. Was für ein Unterschied zu Gahan, dem smarten Sensenmann, bei dem man allzeit merkt, wie nah er dem Tod gekommen ist, und wie sehr er ihn im Grunde liebt. Gahan hat gesagt, Bowie und Kraftwerk haben ihn beeinflusst, ein Song von Bowie habe ihm mehr über das Leben erklärt als ein ganzes Jahr in der Schule.

Depeche Mode

Depeche Mode haben sich 1980 in Basildon (Essex, England) gegründet, derzeit zählen zur Band Sänger Dave Gahan und die Keyboarder Martin Gore (er spielt auch Gitarre) und Andrew Fletcher. Ausgestiegen sind Vince Clark (1981) und Alan Wilder (1995).

Mehr als 100 Millionen Tonträger hat die Band verkauft, bisher hat sie 14 Alben veröffentlicht.

„Spirit“, die aktuelle Platte, ist am vergangenen Freitag bei Columbia/Sony erschienen.

Im Zustand der Glückseligkeit

Damals, als sie anfingen vor mehr als 30 Jahren, hätten Depeche Mode sich auf Geräusche verlassen, nicht auf Instrumente. Der Sound einer Dose, die die Treppe herunterrollt, habe sie glücklich gemacht. In diesem Zustand der Glückseligkeit sind sie am Freitag in Berlin erneut anzutreffen. Nur, dass sie jetzt keine Dosen mehr runterkegeln, sondern das Arsenal der komplizierten Weltpolitik.

Zum Schluss die ewigen Hymnen

Das neue Album haben sie durchbuchstabiert, zum Schluss kommen „Walking In My Shoes“ und „Personal Jesus“, die ewigen Hymnen. Nach einer Stunde gehen sie von der Bühne, auf der Einladung war von zwei Stunden die Rede. Sie sind eine großartige Live-Band, aber ihr aktuelles Material ist dürftig. Depeche Mode sind eine Band der großen Gesten, in der kleinen Halle des Funkhauses hinterlassen sie ein Gefühl der traurigen Beschwingtheit. Die man am besten mit einem Wodka-Lemon in die Nacht hinüberrettet.

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Von Lars Grote

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