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Welturaufführung von „Shadowland 2“ in Berlin

Tanztheater Welturaufführung von „Shadowland 2“ in Berlin

Leibhaftige Paketverteiler werfen sich Kisten zu. In einer Kiste lebt eine fantastische Kreatur. Wie schon in der äußerst erfolgreichen Produktion „Shadowland“ kommt es zu Begegnungen der dritten Art zwischen Schattenwesen auf der Leinwand und realen Bühnenmenschen. Wie gelingt es den Tänzern, die archaische Kulturtechnik wiederzubeleben?

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Quelle: Beowulf Sheehan

Berlin. Dass es Riesen und Zwerge gibt und sich die beiden Märchenwelten und auch die Tierwelt direkt in die Menschensphäre einmischen, das lässt sich neuerdings live auf der Bühne verfolgen. Ein Darsteller muss nur stracks auf einen Scheinwerfer zulaufen und schon wächst sein Schattenbild ins Unermessliche. Bleibt der Abstand zur Lichtquelle dagegen groß und der Scheinwerfer steht steil, wird der Akteur zu einem winzigen Schattenwesen zusammengestaucht. Auch die Proportion der Schattenfigur ist durch den Winkel einer unentwegten Schöpferlaune unterworfen.

Das Pilobolus Dance Theatre verknüpft archaisches Schattentheater mit moderner Lichttechnik. Mit „Shadowland“ entwickelten die US-Amerikaner 2009 ein innovatives Bühnenformat, das weltweit viele Hunderttausend Zuschauer begeistert hat. Nun gehen die darstellenden und bildenden Künstler einen Schritt weiter. Die Weltpremiere von „Shadowland 2“ wird am 26. Juli im Berliner Admiralspalast gefeiert. Ein Tribut an Deutschland, weil die Säle zwischen Hamburg, München und Leipzig stets ausverkauft waren.

Berühmt für Autowerbespot

Das Pilobolus Dance Theatre wurde 1971 gegründet. Durch eine Mischung aus Tanz und Artistik machten sich die Gründer schnell in der internationalen Tanzszene einen Namen. Seither überraschen sie immer wieder durch ungewöhnliche Formate und Ideen. Als Meilenstein gilt der Fotoband „Twisted Yoga“, indem die Mitglieder der Kompanie sehr intime Partnerübungen demonstrieren.

Weltberühmt wurde Pilobolus 2006 durch eine Auto-Werbespot. Die Tänzer formten aus ihren Schattenumrissen das neueste Hyundai-Modell (siehe Youtube).

Pilobolus versteht sich als Kreativ-Unternehmen, das in den USA in den Genuss von Steuersteuerbegünstigungen kommt. Es finanziert sich zu 75 Prozent aus Eigeneinnahmen und zu 25 Prozent aus Zuschüssen von Sponsoren, Stiftungen und aus öffentlichen Mitteln.

Lange Zeit produzierte Pilobolus nur kurze poetische Bewegungstücke. 2009 entstand mit „Shadowland“ die erste abendfüllende Inszenierung, die eine längere Geschichte erzählt und in 30 Ländern gastierte.

„In der ersten Shadowland-Show ging es darum, wie eine Frau erwachsen wird. In Shadowland 2 möchten wir zeigen, wie ein Erwachsener zum Kind wird“, sagt Itamar Kubowy, der Produzent. Mehr als zwei Jahre haben ein Drehbuchautor, ein Komponist, mehrere Designer und und zwei Choreographen mit den neun Tänzern in einer alten Kirche daran gearbeitet, dass auf der Bühne die Schatten zum Leben erwachen und sich die reale Welt in atemberaubenden Scherenschnittpanoramen wiedererkennt. Die Projektionswände sind nicht starr, sondern werden ständig verschoben. So entsteht ein dynamischer Bühnenraum, der das Aufeinandertreffen von Schattenwesen und realen Menschen ermöglicht.

Alle Motive werden live gestaltet, sind also nicht computergeneriert. Wenn sich eine Tänzerin auf der Hinterbühne seitlich tief gebückt bewegt und einen Arm schräg und gekrümmt nach oben spreizt, ist kaum zu glauben, dass die Zuschauer jetzt einen Vogel Strauß sehen. Kleidungsstücke und Schablonen, die an dünnen Drähten in die Lichtstrahler gehalten werden, gehen in die Schattenriss-Landschaften ein.

Bei diffuser Lichtquelle bleiben die schwarzen Silhouetten unscharf. Sie gewinnen an Kontur, wenn die oft auch farbig angestrahlten Körper dicht an die Leinwand rücken, auf die die Zuschauer aus dem Parkett blicken. Markierungen auf dem Bühnenboden helfen den Darstellern bei der Orientierung. So penibel, fingergenau und ausgeklügelt die einzelnen Abläufe sind, das Bewegungsspiel der Perfektionisten kommt als opulente und immer wieder überraschende Show über die Rampe.

Erzählt wird eine Geschichte, die auch die moderne Lebenswelt nicht ausklammert, wenn etwa Zahnradsilhouetten ineinandergreifen oder leibhaftige Paketverteiler in gelben Uniformen im Akkord ihrer Arbeit nachgehen. Theater- und Filmkenner werden in den Motiven viele Anspielungen entdecken. Etwa auf Charlie Chaplins „Modern Times“, auf Shakespeares „Sommernachtstraum“, Tschaikowskis „Schwanensee“ oder „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift Eine Schießerei zitiert Wildwestfilme. „Wir lieben Comics“, sagt Produzent Kubowy. Und in der Tat ist „Shadowland“ eine plakativ umgesetzte, bewegte Bildergeschichte. Doch es sind ausschließlich Tänzer und Artisten, die sich manchmal auch verknäulen und verdoppeln und verdreifachen, damit sich eine Fabrik unversehens in einen Urwald verwandelt oder ein Adler in einen Engel. Aus dem Wechsel zwischen Mikro- und Makrokosmos, Miniatur und Panorama ergeben sich die besten erzählerischen Momente, wenn etwa das Leben in einer Paketbox plötzlich ins Großformat gezogen wird. Und für einen Schreck, der sich durch eine glückliche Wendung legt, liefert die Show auch ein bleibendes Bild. Da wird ein Winzling durch einen Riesen bedroht, doch dann taucht eine noch größere gottgleiche Gestalt aus dem Nichts als Retter auf.

Ob dem Allmächtigen aber die Musik der Aufführung behagt, sei dahingestellt. David Poe setzt auf Mainstream-Pop. Die charaktervollen Szenen hätten eigenwilligere musikalische Akzente vertragen.

Info: „Shadowland 2“ 26. bis 31. Juli, jeweils 20 Uhr. 30. Juli auch 15 Uhr, 31. Juli, auch 14 Uhr. Admiralspalast, Friedrichstraße 101, Berlin. Karten in der MAZ-Ticketeria, 0331/2840284.

Von Karim Saab

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