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Wem glaubst Du?

Filmfestival in Cottbus Wem glaubst Du?

Noch bis Sonnabend sind in Cottbus beim Festival für osteuropäische Filme Produktionen mit vielschichtigem Themen-Spektrum zu sehen. Ob fantastische Raumfahrtprogramme oder per Smartphone-App angebahnte Liebesgeschichten – viele Filme kreisen um die Frage: Wem können Menschen in einer sich rasant wandelnden Welt noch vertrauen?

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Szenenbild aus dem polnischen Film „The Last Family“.

Quelle: Matuszynsk

Cottbus. Die Lausitz ist noch bis Sonnabend Bühne für emotionale Achterbahnfahrten: Erfahrungen mit Totalitarismus und Besatzung, Völkermord und ethnischen Säuberungen, Demokratisierung und Kapitalismus haben viele der Regisseure geprägt, die beim diesjährigen Festival für osteuropäische Filme in Cottbus ihre Werke zur Aufführung bringen. In der blau illuminierten Stadthalle werden am Freitag-Abend die Gewinner der Filmschau geehrt.

Das Angebot an die Zuschauer ist reichhaltig: Das Themenspektrum reicht von schmerzhaften Kriegsnachwehen über fantastische Raumfahrtprogramme bis zu per Smartphone-App angebahnten Liebesgeschichten. Dabei haben sich die Regisseure einen vieldimensionalen Blick bewahrt: Sie lassen ihre Helden selbstbestimmt in die Zukunft schreiten – auch wenn die Wege steinig sind. Zwischen Filmkunst, Genrekino und Kommerz kreisen viele Produktionen immer wieder um die Frage von Glaubwürdigkeit. Wem können Menschen in einer sich rasant wandelnden Welt noch vertrauen? Fiktive Auseinandersetzungen zwischen Staatsmächten kommen dabei genauso auf die Leinwand wie innerfamiliäre Konflikte.

Ein zweistündiges Porträt des polnischen Malers Zdislaw Beksinski

Ein Paradebeispiel dafür ist das faszinierende, mehr als zweistündige Porträt des polnischen Malers Zdislaw Beksinski: Er und sein Sohn, der Radiomoderator Tomasz, waren in Polen echte Popstars – bis zu ihrem tragischen Tod. Mehr als drei Jahrzehnte ihres Zusammenlebens zeichnet Jan P. Matuszynski in seinem Film „The last family“ nach. Grundlage für seine Recherchen waren Hunderte von Tonaufnahmen und Filmen, die der Maler Zeit seines Lebens in der Plattenbauwohnung der Familie gemacht hat.

Unkonventionell und sehr emotional, aber immer respektvoll behandeln die Eltern dabei ihren depressiven Sohn und die im Haushalt lebenden Großmütter. Trotzdem wird klar: Der Grat zwischen Akzeptanz und Ablehnung ist schmal – auch innerhalb der kleinsten sozialen Gefüge.

Die Beksinskis kümmerte die Außenwelt nur wenig, für die Weltpolitik war in ihrem Mikrokosmos kein Platz. Sie haben Familie nicht als Gegenentwurf zur individuellen Selbstverwirklichung gelebt, sondern als geschützten Raum mit viel Platz und Toleranz für jedes Familienmitglied.

Ein falscher Zeuge, entsandt von der serbischen Regierung

Derlei Schutzzonen gibt es für Richter und Verteidiger am Internationalen Strafgerichtshof von Den Haag nicht. Die Weltöffentlichkeit schaut zu, wenn es darum geht, Verbrechen aus der Zeit der Jugoslawien-Kriege aufzuarbeiten. So auch in „Der Ankläger, der Verteidiger, der Vater und sein Sohn“. Sowohl die ehrgeizige Anklägerin als auch der Verteidiger wollen den verhandelten Fall um jeden Preis gewinnen. Die bulgarische Regisseurin Iglika Triffonova zeigt dabei nicht nur zwei ehrgeizige Einzelgänger. Sie stellt spannenderweise die Frage nach der Schuld hintenan und rückt die Frage nach der Glaubwürdigkeit ins Zentrum: Der entscheidende Lieferant angeblich belastender Beweise wird als falscher Zeuge enttarnt, entsandt von der serbischen Regierung. Ein geschicktes Spiel der Politik, auf einer wahren Begebenheit basierend.

Das Festival in Zahlen

Mit einer Gesamtlaufzeit von circa 145 Stunden sind bis Sonnabend an sieben Spielstätten fast 200 Filme aus 45 Ländern präsentiert worden, darunter 19 Welt- und Internationale Premieren sowie 76 Deutschlandpremieren.

Vierzehn Dolmetscher haben die in Originalsprache mit englischen Untertiteln gezeigten Filme simultan ins Deutsche übersetzt. Die Filme haben zum Teil einen weiten Weg per Kurierdienst hinter sich gebracht: So kamen diese nicht nur aus Polen, Russland, dem Baltikum oder Ungarn, sondern auch aus Australien, den USA, Kolumbien, Mexiko, Argentinien, Brasilien, der Türkei und Südkorea.


Fast alle Beiträge wurden im digitalen Vorführformat DCP (Digital Cinema Package) geliefert. Nur fünf Filme sind 35-mm-Kopien. Acht Full-Dome-Filme haben die Kuppel des Planetariums im 360-Grad-Format ausgefüllt.

Allein im Wettbewerb Spielfilm gibt es 42 500 Euro zu gewinnen: Der Hauptpreis für den besten Film erhält 25000 Euro, der Spezialpreis für die beste Regie 7 500 Euro, plus jeweils 5000 Euro für den und die herausragende(n) Darsteller(in).

D en jüngsten und den ältesten aktiven Festivalteilnehmer trennen 74 Jahre: Die 16-jährige Olivia Nike Frenzel aus Cottbus ist Mitglied der deutsch-polnisch-tschechischen Schülerjury des Jugendfilm-Wettbewerbs U 18. Abraham Ascher, Historiker und Protagonist des Dokumentarfilms „Wir sind Juden aus Breslau“ wurde 1926 in Wroclaw/Breslau geboren;

Wie Menschen mit der Politik spielen, zeigt der Slowene Ziga Vrc in seiner Dokufiktion „Houston, wir haben ein Problem!“ Dabei hebt er das Thema Glaubwürdigkeit auf eine Metaebene, indem er das Vertrauen zwischen Regisseur und Zuschauer auf eine harte Probe stellt: Der Filmautor erzählt anhand von vermeintlich altem Dokumentarfilm-Material, dass Jugoslawien Anfang der 1960er Jahre ein geheimes Raumfahrtprogramm betrieb. Tito habe es für viel Geld an die Amerikaner verkauft. Kurz darauf flogen die Amerikaner zum Mond – der Rest ist Geschichte.

Wüste Beschimpfungen musste sich Vrc schon von Zuschauern anhören, als diese erfuhren, dass nicht alles an diesem Film wahr und einiges nachgestellt ist. Das Spiel mit dem Vertrauen in die Bilder passt allerdings ganz wunderbar zu den Verschwörungstheorien um die möglicherweise nur in einem Filmstudio inszenierte Mondlandung. So treffen sich Hollywood und Cottbus bei diesem ungeklärten Kapitel des Kalten Krieges und stellen eine stets aktuelle Frage: Wem glaubst du?

Von Barbara Breuer

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