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„Wenn ich nicht malen könnte, wäre ich tot“

Königs Wusterhausen „Wenn ich nicht malen könnte, wäre ich tot“

Jürgen Thiele kann keinen Pinsel halten, er leidet an der Nervenkrankheit ALS. Nach und nach werden seine Nervenzellen zerstört. Trotzdem: er malt und produziert neue Bilder. Er ist einer von zwei Künstlern in Deutschland, die mit einem speziellen Computerprogramm malen – „brain painting“. Die MAZ hat Thiele besucht.

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Der Künstler Jürgen Thiele.

Quelle: Foto: Privat

Lübben. Jürgen Thiele malt mit dem Gehirn. Gut, das wünscht man sicher allen ernsthaften Künstlern bei ihrer Arbeit. Doch bei dem Königs Wusterhausener Architekten, Designer und Maler ist es ein ganz spezieller Fall von „Gehirn einschalten“. Er leidet seit Jahren an der Amyotrophen Lateralsklerose, kurz: ALS. Es tröstete wenig, dass prominente Künstler und Wissenschaftler, beispielsweise Stephen Hawking, dieselbe Bürde tragen. Denn ALS ist eine besonders heimtückische Krankheit. Sie zerstört nach und nach Nervenzellen.

Der leidenschaftlich genaue, hoch kreative Jürgen Thiele verlor Stück für Stück die Kontrolle über seine Extremitäten. Früh waren die Finger betroffen, also malte er mit dem Mund. 2011 zeigte er noch Aquarelle in der Lübbener Vertikale-Galerie und beeindruckte die Eröffnungsgäste mit seinem ungebrochenen Mutterwitz. Als er auch den Mund nicht mehr bewegen konnte, ließ er seinen Neffen nach seinen Anweisungen malen. Förderlich für den Familienfrieden war das nicht. Doch Jürgen Thiele war früh klar: „Wenn ich nicht mehr malen könnte, wäre ich tot.“

Jürgen Thiele erfuhr zufällig vom Brain-Painting

Er ist nicht tot. Er lebt. Er malt. Das beweist eine Ausstellung, die noch bis 21. September im Landkreis-Verwaltungsgebäude in Lübben in der „Vertikale“-Galerie zu sehen ist. Sie heißt „malerei digital“. Durch Zufall erfuhr Jürgen Thiele vom Brain-Painting, dem Malen mit dem Gehirn. Genauer gesagt, mit den Hirnströmen. Der Künstler Adi Hoesle hatte es zusammen mit Professorin Andrea Kübler und einem wissenschaftlichen Team der Universitäten Würzburg und Tübingen entwickelt. Jürgen Thiele signalisierte Interesse und landete einen Volltreffer. Er wurde deutschlandweit der zweite Proband für das Verfahren, bekam Technik im Wert eines Kleinwagens ins Atelier gestellt und übte sich im Programm und in intensiver Konzentration.

So sieht es aus, wenn der vollständig bewegungsunfähige Jürgen Thiele mit Hilfe seiner Hirnströme, die von modernster Computertechnik ausgewe

So sieht es aus, wenn der vollständig bewegungsunfähige Jürgen Thiele mit Hilfe seiner Hirnströme, die von modernster Computertechnik ausgewertet werden, Bilder macht.

Quelle: privat

So funktioniert es: Der Maler setzt sich eine Gummikappe mit Elektroden auf. Sie misst die Hirnströme. Auf einem Bildschirm erscheint eine Auswahl visueller Reize, auf die sich der Maler so intensiv wie möglich konzentriert. Die EEG-Signale werden gemessen, verarbeitet und ins Computerprogramm zurückgespielt. So erkennt der Rechner, auf welchen visuellen Reiz das Gehirn fokussiert hat, und setzt das in einen Malbefehl um. Es ist eine Verschmelzung von Kunst, Computer und Technik der Zukunft.

Brain-Painting ist eine Gratwanderung

Loic Botrel ist jung, Franzose und fasziniert von dieser Technik. Er arbeitet an der Universität Würzburg, hat das Brain-Painting mit entwickelt und viel mit Jürgen Thiele zusammengearbeitet. Dabei schreckte er nicht davor zurück, sich die Elektrodenkappe selbst überzustülpen und zu malen, ganz ohne Finger, Hände und Stift. Aus der Sicht des Künstlers wollte er herausfinden, ob seine Entwicklung zufriedenstellend funktioniert und wie sie weiter verbessert werden kann. Denn Brain-Painting ist eine Gratwanderung. Das Computerprogramm gibt mehrere Farben und Formen vor. Ein Dreieck, einen Kreis, eine Linie. Dazu Pfeile, Symbolbuchstaben und Intensitäten in Prozent. Aus diesen Elementen „baut“ der Maler sein Bild. Jürgen Thiele trägt dieser Art des kreativen Schaffens, seit er vollständig gelähmt und auf Brain-Painting allein angewiesen ist, mit der Bezeichnung „Bildermacher“ Rechnung. Das Computerprogramm ist linear aufgebaut. Erst kommt der Hintergrund, dann folgen die Formen. Will man später den Hintergrund ändern, muss man das komplette Bild neu zusammenfügen. So ist Brain-Painting ein Korsett, in das sich die Kreativität des Künstlers zwängen lassen muss. Jeder Schritt will wohl überlegt sein. Jürgen Thiele braucht manchmal mehrere Wochen, um ein Bild zu malen. Eine Gratwanderung ist diese Art des Malens aber auch deshalb, weil der Wunsch nach mehr Formen, mehr Möglichkeiten sehr schnell auf eine kaum noch beherrschbare Variantenvielfalt hinausläuft. Mehr Möglichkeiten hatte sich Jürgen Thiele von Loic Botrel gewünscht. Der erweiterte daraufhin das Programm um mehrere Ebenen. Doch von einer anderen Künstlerin, der eigentlichen „Pionierin“ auf dem Gebiet – Jürgen Thiele ist deutschlandweit die zweite Versuchsperson – kam die Rückmeldung, dass das nun zu komplex ist. Als Kompromiss gibt es nun 48 Auswahlmöglichkeiten – und eine Pausenfunktion.

Brain-Painting lässt die Augen von Jürgen Thiele aufleuchten

Diese Pausenfunktion bezeichnet einen Knackpunkt. Denn die Hirnströme, die gemessen und in Befehle umgesetzt werden, fließen ohne Anfang und Ende. Das Gehirn malt sozusagen ohne Unterlass. Das stellt das Computerprogramm vor unlösbare Probleme. War das schon ein Befehl? Oder denkt der Maler nur über den nächsten Schritt nach? Für die Messung ist das kaum zu unterscheiden. Daran wird die Forschung auch bei der Weiterentwicklung dieser Hirnstrom-basierten Steuerungstechnik in anderen Bereichen noch zu tüfteln haben. Dennoch trägt der Königs Wusterhausener stark dazu bei, den Forschungsansatz und die technische Umsetzung weiterzuentwickeln. Viel wichtiger: Brain-Painting lässt die Augen des Königs Wusterhauseners aufleuchten. Verbannt in einen bewegungsunfähigen Körper, mit künstlicher Beatmung und Ernährung, ohne Sprache findet der Dahme-Spreewälder über die Bilder seinen Ausdruck. Die neue Ausstellung demonstriert das eindrucksvoll. Zu betrachten ist beispielsweise ein Bild mit kreisrunden, roten, vollkommen gleichförmigen Äpfeln an einem geometrisch-grüngrauen Stamm. Der Titel: Apfelbaum nach Mitschurin und EU-Norm. Ironie auf mehreren Ebenen, eine klare Aussage in gestalterischer Form. Kunst eben.

Von Ingvil Schirling (Text) und André Bauer (Video)

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