Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -3 ° Nebel

Navigation:
West-Spione in den Fängen des KGB

KGB-Gedenkstätte in Potsdam West-Spione in den Fängen des KGB

Mit dem eskalierenden Kalten Krieg nach dem 2. Weltkrieg wurden immer mehr Menschen von der sowjetischen Militärspionageabwehr verhaftet und ins zen­trale Untersuchungsgefängnis nach Potsdam gebracht. Forschungen der Gedenkstätte zeigen nun: Viele der Inhaftierten waren tatsächlich Spione.

Potsdam, Leistikowstraße 1 52.4166079 13.0640107
Google Map of 52.4166079,13.0640107
Potsdam, Leistikowstraße 1 Mehr Infos
Nächster Artikel
Schlüsselübergabe: Die Elbphilharmonie ist fertig

Inschriften aus den Kellerzellen der Gedenkstätte Leistikowstraße in Potsdam.

Quelle: Foto: Gedenkstätte/Steinhausen

Potsdam. „Spionage“ war in der Sowjetunion ein beliebter Vorwurf, um Missliebige auszuschalten, sie für Jahrzehnte in Lager zu verschleppen oder gar hinzurichten. Daher ist es durchaus naheliegend, wenn Wolfgang Templin es für reine Camouflage hält, dass die zum Gefängnis umgebaute Villa in der Potsdamer Leistikowstraße offiziell als Untersuchungsgefängnis der sowjetischen Militärspionageabwehr firmierte. Nun beruht aber die Arbeit von Gedenkstätten nicht auf naheliegenden Vermutungen, sondern auf historischer Forschung, die durch Quellen und empirische Befunde belegt ist.

Nach den bisherigen Forschungsergebnissen der Gedenkstätte war eine Vielzahl der bis 1955 in der Leistikowstraße inhaftierten Deutschen in den Spionagekrieg verwickelt, der in der Nachkriegszeit auf deutschem Boden zwischen den westlichen Besatzungsmächten und der Sowjetunion tobte. Mit dem eskalierenden Kalten Krieg wurden immer mehr Menschen wegen Spionage von der sowjetischen Militärspionageabwehr verhaftet und gelangten in deren zen­trales Untersuchungsgefängnis in Potsdam.

Zwei Häftlingsgruppen untersucht

In zwei Forschungsprojekten hat die Gedenkstätte in den letzten Jahren größere Häftlingsgruppen biografisch näher untersucht. Zum einen handelt es sich um 49 Inhaftierte, die anhand von Inschriften in den Kellerzellen ermittelt werden konnten und deren Biografien in dem Band „Sprechende Wände“ (2015) dargestellt werden. Die andere Gruppe umfasst die 80 Häftlinge der Leistikowstraße, die von den Sowjets zum Tode verurteilt und in Moskau hingerichtet wurden. Es zeigt sich, dass bei beiden Gruppen mehr als 50 Prozent der untersuchten Personen nachweislich Informationen über sowjetische Militärstandorte oder Truppenbewegungen gesammelt und an westliche Geheimdienste geliefert haben.

Dabei werden die in den sowjetischen Akten genannten Tatbestände auch durch Quellen westlicher Provenienz bestätigt. Mitunter haben sogar die Betroffenen später eingeräumt, tatsächlich Spionage betrieben zu haben wie etwa Karl-Heinz Schommler, der in einem Interview berichtet, wie er für die Amerikaner gegen Geld und Zigaretten ein Informantennetz aufbaute und selbst sowjetische Flugplätze ausspähte.

Im Auftrag der „Organisation Gehlen“

Unter den Häftlingen der Leistikowstraße befanden sich erfahrene Berufsagenten wie die Mitarbeiter des nationalsozialistischen Spionageapparats Gerhard Ramlow, Otto von Dewitz oder Karl Gerasch sowie nach 1945 rekrutierte V-Mann-Führer wie Gerhard Penzel und Karl-Dieter Teschner, die im Auftrag der „Organisation Gehlen“, eines Vorläufers des Bundesnachrichtendienstes, Spionageringe in der SBZ aufbauten. In den Zellen wurden aber auch kleine Zuträger, Kuriere und „Briefkästen“ festgehalten. Irmgard Gimperlein und Horst-Dieter Kaplan lieferten beispielsweise Kennzeichen sowjetischer Militärfahrzeuge und wurden dafür zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Was waren ihre Motive?

Während der Tatbestand der Spionage vielfach nachgewiesen werden kann, ist die Frage nach der Motivation der Akteure sehr viel schwieriger zu beantworten. Häufig spielten materielle Motive eine Rolle, da die Spionagetätigkeit gegen Bezahlung erfolgte. Antikommunistische Einstellungen waren weit verbreitet und konnten nahtlos an nationalsozialistische Feindbilder anknüpfen. Angesichts der oft unklaren Motivlage kann man bei der Bewertung der Spionagetätigkeit sicherlich unterschiedlicher Ansicht sein. Zunächst aber gilt es, die Befunde der historischen Forschung anzuerkennen, dass nämlich bei einer Vielzahl der Inhaftierten der Leistikowstraße Spionage kein fingierter Vorwurf war, sondern ein faktischer Tatbestand.

Menschenverachtende Haftbedingungen

Wie auch immer die Bewertung ausfällt, kann kein Zweifel daran bestehen, dass im Gefängnis in der Leistikowstraße menschenverachtende Haftbedingungen herrschten und die Verhöre und Prozesse jeder rechtsstaatlichen Norm Hohn sprachen. Gerade weil sie Orte des Unrechts waren, müssen Gedenkstätten heute Orte einer differenzierten Auseinandersetzung und eines kritischen Geschichtsbewusstseins sein. Zu Mahnstätten für plakative Botschaften und gegenwärtige Zwecke dürfen sie nicht (wieder) werden.

Anmerkung: Autorin Ines Reich ist die Leiterin der Gedenkstätte.

Von Ines Reich

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
www.esprit.de
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?