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Kultur Wie 1968 Musik und Kunst revolutionierte
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18:05 26.03.2018
„Kino“, eine Collage des Mitglieds der Leningrader Künstler-Gruppe „Neue Künstler“, Evgenij Kozlov, aus dem Jahr 1985. Quelle: (E-E) Evgenij Kozlov / Sammlung Muzeum Sztuki, Łódź
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Potsdam

1968 hat nicht nur im Westen stattgefunden. In Polen demonstrierten Studenten für Presse- und Meinungsfreiheit nachdem in Warschau das Theaterstück „Die Totenfeier“ von Adam Mickiewicz auf Geheiß der Kommunistischen Partei vom Spielplan genommen worden war. In der Tschechoslowakei wurden Reformen für einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ geprobt. Wie im Westen ging es dabei im Kern um die Erweiterung der individuellen Freiheit gegen gesellschaftlich verordnete Regel- und Bevormundungssysteme. Und was im Westen später in einen „Marsch durch die Institutionen“ mündete, landete im Osten im Underground der Dissidentengruppen.

Der Ruf nach individueller Freiheit

Wer jemals den tschechoslowakischen Film „Tausendschönchen“ von Vera Chitilová aus dem Jahr 1966 gesehen hat, der ahnt, welche Hoffnungen auf individuelle Freiheit und Selbstbestimmung es damals auch im Osten gab. Eine Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste spürt derzeit diesem Aufbruchsgeist unter den Kulturschaffenden nach und verfolgt ihn bis in die 90er-Jahre.

Die Schau „Underground und Improvisation. Alternative Musik und Kunst nach 1968“ ist zweigeteilt. Sie beschäftigt sich einerseits mit der Entwicklung der Jazz-Szene in Westberlin im Zuge der Gründung des Musiklabels Free Music Production (FMP) durch die Jazz-Rebellen Peter Brötzmann und Jost Gebers. Anderseits zeigt sie die vielen unterschiedlichen Ausdrucksformen randständiger Künstler und Musiker in Osteuropa und der Sowjetunion.

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Free Music Production (FMP): The Living Music Peter Kowald, A. R. Penck beim Workshop Freie Musik, Akademie der Künste/Berlin, 1984

Die Arbeitsbedingungen konnten freilich kaum unterschiedlicher sein. Während Underground im Westen eher eine romantische Note hatte und eine Abgrenzung von den Kommerzialisierungsstrategien einer Kulturindustrie andeutete, bewegten sich im Osten in der Tat viele Künstler im illegalen Raum. In Ungarn und Polen ging es etwas liberaler zu, aber in der Tschechoslowakei, der Sowjetunion und der DDR bewegte man sich schnell jenseits des Erlaubten.

Psychodelic und Charta 77

Wie politisch Kunst dadurch schnell wurde, erlebte etwa die Prager Psychodelic-Rockband The Plastic People of the Universe in den 70er-Jahren. Ihre Mitglieder wurden mit einer staatlichen Kampagne überzogen, als drogenabhängig, antisozialistisch und verwahrlost dargestellt, zwei von ihnen landeten 1976 schließlich im Knast. Das Verbot der Band war einer der Auslöser für die Gründung der Dissidentengruppe „Charta 77“ um Vaclav Havel, der nach der Samtenen Revolution von 1989 erster Staatspräsident wurde.

Die Ausstellung zeigt ein Video der Band von 1970 im typischen Pop-Design dieser Zeit: Junge Männer, die durch Straßenzüge und Naturlandschaften tänzeln, sich scheinbar ohne verabredete Choreografie zwanglos bewegen. Eine eindeutige Referenz an die ersten Filmchen der Beatles aber auch ein klares Signal gegen die militarisierte Ästhetik der Massenaufmärsche. Der Einzelne, nicht als Rädchen im Getriebe, sondern als Individuum innerhalb eines losen Kollektivs steht im Zentrum.

Abweichungen von vorgegebenen Regeln

Zurichtung und Widerstand des Individuums ist ein Thema, das sich durch die gesamte Ausstellung zieht. Nicht zufällig geht es in beiden Teilen der Schau um Improvisation und damit um die Abweichung von einem regelgebunden Kanon und um die Suche nach neuen Ausdrucksformen. Der Free-Jazz bot dies in Reinform. Aber auch die Performance war geeignetes Medium dafür. Die Plastic People verstanden ihre Auftritte nicht nur als Konzerte, sondern als Gesamtkunstwerke.

Die 1986 gegründete Formation AG Geige um den Gitarristen und Keyboarder Frank Bretschneider aus Karl-Marx-Stadt radikalisierte diesen Gedanken noch. Sie verarbeitete zu Beispiel Aufnahmen ihrer Bühnenshows weiter zu Videoinstallationen. Zu dem ironisierenden Songtext „Wir lebten in Tagen der Zeichen und Wunder...“ blitzen Sowjetfahnen, FDJ-Abzeichen, Mercedes- und Internationalismus-Sterne auf. Dazwischen sind Szenen geschnitten, in denen sich maskierte Gestalten diese Embleme scheinbar beliebig zuwerfen.

Zwei Ausstellungen

Die Doppelausstellung „Kunst und Improvisation“ in der Akademie der Künste in Berlin beschäftigt sich mit musikalischen und künstlerischen Strömungen nach 1968 in Ost und West.

Mit „Free Music Production“ (FMP) ist der Teil der Ausstellung überschrieben, der sich auf die Free-Jazz-Entwicklung in Westberlin konzentriert. FMP ist ein Plattenlabel, das von dem Saxophonisten Peter Brötzmann und dem Bassisten Jost Gebers gegründet wurde. Zu sehen sind Konzertmitschnitte, Fotos und Plakate. Dazu gibt es viele Hörproben, die musikalische Entwicklung seit 1968 nachverfolgen lassen.

„Notes from the Underground“ befasst sich mit den verschiedenen musikalischen und künstlerischen Stilen und Darstellungsformen in Osteuropa. Der Ausstellungsteil entstand in Kooperation mit dem Muzeum Sztuki in Lódz.

Die Ausstellung wird durch zahlreiche Konzerte und Diskussionsveranstaltungen ergänzt.

Underground und Improvisation. Alternative

Musik und Kunst nach 1968. Akademie der Künste, Hanseatenweg 10 in Berlin. Di – So 11-19 Uhr, Eintritt: 9 Euro / 6 Euro, bis 6. Mai.

Oder die jugoslawischen Multimediakünstlerinnen Marina Grzinic und Aina Smid: Sie lassen Ende der 80er-Jahre eine Soldatin in rotem uniformähnlichem Gewand im Stechschritt aufmarschieren und schneidet immer wieder Bilder von den Unruhen im Kosovo dazwischen. Von Lutz Dammbeck sind Ausschnitte seines von Heiner Müller inspirierten Herakles-Konzeptes aus den 80ern zu sehen. Er zeigt Wochenschauen mit Aufmärschen der Hitler-Jugend neben Massenveranstaltungen in der DDR, lässt zeitgleich Schauspieler zwischen den die Publikumsreihen performen, während auf der Bühne am Klavier improvisiert wird.

Die Stasi im Poesiealbum

Der Einzelne und seine Abrichtung innerhalb eines Gesellschaftssystems: Elsa Gabriel, Micha Brendel und Via Lewandowski trieben diese Thematik in ihrer Sado-Maso-Performance „Die Strafe“ 1987 auf die Spitze. Drei Figuren handeln ganz offensichtlich unter Zwang und werden schließlich an den Füßen aufgehängt. In der Schlussszene bedient jeder kopfüber ein Musikinstrument und es erklingt der Bolero von Maurice Ravel.

Die Ausstellung bietet einen guten Einblick in die Kunstproduktion einer vergangenen Welt. Sie präsentiert neben Installationen, Videos, Hörproben, seltenen Samisdat-Exemplaren – also Untergrundzeitschriften – auch in der Mangelwirtschaft selbstgebauten Musikinstrumente. Und sie zeigt wie die Staatsmacht versuchte, diesen Underground unter Kontrolle zu halten. Ein Poesiealbum mit Zeichnungen weist die Autorenschaft Cornelia Schleime, Sascha Anderson, Bert Papenfuß auf. Papenfuß und Schleime spielten damals in Punkbands. Schleime, die heute als Malerin internationale Erfolge feiert, musste 1984 die DDR verlassen. Sascha Anderson war bei der Stasi und hatte sie bis dahin bespitzelt.

Von Mathias Richter

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