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Kultur Wie Fontanes „Unterm Birnbaum“ zur aktuellen Kapitalismuskritik avanciert
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17:54 17.03.2019
Theater am Rand: „Gier. Unterm Birnbaum“ mit Catherine Stoyan und Pascal Laló Quelle: Theater am Rand
Oderaue

Selbst beim Zähneputzen will Abel Hradscheck keine Zeit verlieren. Zwischen Schrubben und Spucken rattert er Millionärsformeln herunter. Er prägt sich die Slogans vom ständigen Kontakte knüpfen ein, als stünden sie auf einem Einkaufszettel, den es abzuarbeiten gilt. Die Augen des verschuldeten Gastwirts blicken starr wie die eines Hypnotisierten, während das Pendel schwingt. Der Hypnotiseur heißt Carsten Maschmeyer.

Finanz-Guru Carsten Maschmeyer als aktuelles Negativ-Beispiel

Regisseur Christian Schmidt hat den berüchtigten Finanzinvestor, der sich in seinen Büchern als Guru fürs große Geldverdienen inszeniert, in seiner Bühnenversion von Theodor Fontanes „Unterm Birnbaum“ zur dritten Hauptfigur gemacht. Ein Einfall, der der Kriminalnovelle von 1885 einen zeitgenössischen Dreh verleiht.

Catherine Stoyan und Pascal Laló Quelle: Theater am Rand

Natürlich ist Maschmeyer, der tausende Kleinanleger mit fragwürdigen Geschäftspraktiken um ihr Geld gebracht haben soll, nicht persönlich ins Oderbruch zum Theater am Rand gereist. Doch das Buch­cover des Bestsellers „Selfmade“ mit dem bewusst auseinandergeschriebenem Zweittitel „Erfolg reich leben“ ist in der Inszenierung allgegenwärtig.

Maschmeyers zynische Kalendersprüche treiben den hochverschuldeten Hradscheck an, sie wecken Gier und mindern Skrupel. Ein exemplarischer Ratschlag, mit dem sich fast jede Form der Selbstbereicherung beschreiben lässt: „Wenn Sie duftende Rosen haben wollen, müssen sie im Herbst stinkende Jauche drauf kippen. Und das Komische ist: Je stärker das stinkt, umso schöner duftet das hinterher.“

Theater-Besucher zahlen Eintritt nach Gefallen

Wer am Freitag durch die pittoreske Provinz von Oderaue (Barnim) nahe der Oder zum Theater am Rand spaziert, mag mit der Idee fremdeln, ausgerechnet dort den Turbokapitalismus als Thema des Abends serviert zu bekommen. Schwäne rasten auf den Feldern, über dem Deich erscheint ein Regenbogen. Im Ofen unter dem Zuschauerraum des Theaters knistert das Holz. Statt vorab zu bezahlen, werfen die Besucher am Ende so viel wie sie wollen und können in eine gläserne Kasse.

Herzenswärme und Idealismus bestimmen das Geschehen in Deutschlands wohl östlichstem Theater, das auch mehr als 20 Jahre nach Gründung einem kleinen Wunder gleicht. Doch letztlich erzählt Fontanes Werk von menschlichen Abgründen, die universal gelten – von der New Yorker Wall Street bis zu brandenburgischen Dörfern wie Neulewin, in denen „Unterm Birnbaum“ spielt. Tratschen, Töten, Kohlescheffeln – diese Sünden werden verhandelt.

Video-Einspielungen geben der Inszenierung eine mediale und künstlerische Tiefe. Quelle: Theater am Rand

Es geht um den Ladenbesitzer und Gastwirt Abel Hradscheck und seine aus vornehmen Verhältnissen stammende Frau Ursula. Sie macht Investitionen, um ihrem Streben nach Höherem zu entsprechen, und verschuldet sich so sehr, dass er auf finstere Ideen kommt. Er schmiedet mit seiner zunächst noch skeptischen Frau einen Mordkomplott und bringt einen seiner ärgsten Gläubiger um die Ecke und vergräbt ihn im Keller. Später stirbt auch seine Frau, alle Toten erscheinen – effektvoll ausgeleuchtet – als Geister. Der an der Bühnenwand rüttelnde Wind verstärkt die gespenstische Stimmung.

Schauspiel und Video ergänzen sich perfekt

Catherine Stoyan und Pascal Laló spielen allein mehr als ein Dutzend Rollen. Sie verwandeln sich auf Knopfdruck, erscheinen zudem auf drei Videoleinwänden. Zu sehen sind an Originalschauplätzen im Oderbruch gedrehte Szenen. Schauspiel und Video ergänzen sich perfekt – etwa, als Stoyan gleich mehrfach als boshaft lästernde Nachbarin zu erleben ist. Die auf dasselbe Bild projizierte Vielzahl von Fieslingen wirkt wie ein mehrköpfiges Monster.

Catherine Stoyan und Pascal Laló in diversen Rollen. Quelle: Theater am Rand

So fällt nach rund zwei Stunden das Fazit zum Saisonstart euphorisch aus. Mal witzig, mal bedrückend illustriert Christian Schmidt, wie ein Mensch zur Marionette seiner Gier mutiert. Am Ende erscheinen Meldungen realer Fälle aus Brandenburg, es geht unter anderem um erpresserischen Menschenraub und Mord aus Habgier. Jubel bei den Stammgästen, Staunen bei den neuen Besuchern. Das ist Volkstheater im besten Sinne. Klug, relevant und mitreißend.

Saison mit Theater, Musik und Literatur

Mit „Gier. Unterm Birnbaum“ hat das Theater am Rand seine Saison begonnen. Es folgen in den nächsten Monaten weitere Theaterstücke, Konzerte und Lesungen.

Die Adaption von Theodor Fontanes Kriminalnovelle ist unter anderem am 10. und 11. Mai wieder zu sehen. Kartenreservierungen sind möglich auf www.theateramrand.de und telefonisch unter 033457 / 66 52 1

Ebenfalls sehenswert ist eine ältere Inszenierung des Regisseurs Christian Schmidt, die wieder aufgeführt wird und die Handlung von Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ auf die Landschaft rund um die Oder überträgt.

Zu sehen ist das Stück am 12. und 13. April mehrmals zu unterschiedlichen Anfangszeiten.

Bei der Saatgutbörse am 24. März können Besucher Saatgut austauschen und Erfahrungen teilen. Am 29. März liest die bekannte Schauspielerin Corinna Harfouch aus „Die Nachtigall des Zaren“.

Die erste Premiere der Saison ist „Love Letters“, eine musikalische Lesung mit Theater-Mitgründer Thomas Rühmann am 26. und 27. April. Aber auch Repertoirestücke wie „Ein ganzes Leben“ nach Robert Seethaler (5. und 6. April) und „Die Entdeckung der Langsamkeit“ nach Sten Nadolny (7. April) stehen auf dem Spielplan. Der Tag der offenen Tür wird am 28. April gefeiert. Das Theater am Rand gibt es seit 1998, es liegt nahe der Oder in Zollbrücke 16, 16259 Oderaue.

Von Maurice Wojach

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