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Kultur Wie Roger Melis die Ostdeutschen sah
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12:02 16.04.2019
Roger Melis: Chemiefaserwerk, Premnitz, 1975 Quelle: Roger Melis
Berlin

Im Vordergrund spielt eigentlich die Musik, doch der Fotograf Roger Melis (1940-2009) interessierte sich eher für das Beiläufige und Unspektakuläre am Rande des Geschehens. Das zeigt schon eine seiner frühen Reportagen, die er 1965 – wie viele andere später – im eigenen Auftrag machte. Zum 20. Jahrestag der Befreiung Ostdeutschlands vom Nationalsozialismus lichtet er nicht etwa die Parade mit Soldaten der roten Armee und NVA ab.

Der Blick hinter die Kulissen der DDR

Vielmehr wirft er einen unheroischen Blick hinter die Kulissen. Dort findet er Soldaten, die in einer Pause gelangweilt Karten spielen, einen Jungen, der neugierig einen Panzer inspiziert, andere Soldaten, die an der Spree ihre Liebsten küssen, oder eine bürgerlich wirkende Familie, die sich durch den militärischen Pomp vor ihr keineswegs euphorisieren lässt.

Die Serie, die damals nicht veröffentlich wurde – schließlich zeigt sie keine Jubelparade –, ist in der derzeit größten Roger-Melis-Retrospektive in den Reinbeckhallen in Berlin-Oberschöneweide zu sehen. Einige der rund 160 Schwarzweißfotografien, darunter Porträts und Reportagen, sind aus dem mittlerweile Kult gewordenen Bildband „In einem stillen Land“ bekannt, doch viele wurden noch niemals ausgestellt. Diese hat Mathias Bertram, Stiefsohn von Roger Melis und Kurator der Ausstellung, bei der Sichtung des Archivs, das er betreut, gefunden.

Roger Melis wollte zeigen, wie die Menschen sind. Er fotografierte nicht die offizielle DDR, sondern das Randständige. Die MAZ zeigt ein paar seiner Arbeiten, die derzeit in der Ausstellung „Die Ostdeutschen“ in Berlin Oberschöneweide zu sehen sind.

„Die Ostdeutschen“ heißt die Ausstellung ein wenig provokant, soll sie doch zeigen, dass es dieses vielbeschworene Kollektiv gar nicht gab – im Gegenteil: Die Bilder offenbaren eine facettenreiche DDR, sowohl sozial als auch politisch, wie Mathias Bertram betont.

Bekannt geworden ist Roger Melis sowohl im Westen als auch im Osten durch seine Künstlerporträts, etwa von den aus dem Exil in die DDR zurückgekehrten Emigranten Helene Weigel, Anna Seghers und Stefan Heym, später von Christa Wolf, Heiner Müller und vielen mehr.

Sarah Kirsch auf gepackten Holzkisten

Beeindruckend sind seine Bildnisse von unliebsam gewordenen Intellektuellen und Freunden kurz vor ihrer oft unfreiwilligen Ausreise aus der DDR: Sarah Kirsch auf gepackten Holzkisten mit russischer Aufschrift, Eva-Maria Hagen vor dem Spiegel mit der Frage nach der eigenen Identität, der Schriftsteller und Liedermacher Wolf Biermann als „Preußischer Ikarus“ auf der Weidendammer Brücke. Die Liedermacherin Bettina Wegener sitzt vor leeren Wänden verloren auf dem Sofa, die Umrisse der kürzlich abgehängten Bilder sind noch deutlich zu erkennen.

Realismus war für Melis wie für andere Vertreter einer kritischen Fotografie in der DDR – etwa Arno Fischer in Berlin oder Evelyn Richter in Leipzig – ein Mittel die Kluft sichtbar zu machen zwischen der Realität und dem von den offiziellen Medien verbreiteten Bild einer heilen sozialistischen Welt. Sozialkritisch wollten diese Fotografien aber nicht sein.

Als Chronist einer facettenreichen DDR schaute sich Melis die Menschen und ihren Alltag ganz genau an, hielt ihre Hoffnungen und Sehnsüchte fest, ihren Unmut und ihre Resignation. Bei etlichen seiner Bilder von Menschen in ihrem beruflichen Umfeld fühlt man sich an die Fotografien August Sanders erinnert: bei den Maurerzwillingen etwa oder dem Schlachter, dem Dachdecker und den Schornsteinfegern in der Uckermark, wo Melis einen Neubauernhof besaß.

Nina Hagen als aufmüpfige Göre

Schon in der frühen Rummelplatzreportage von 1969 erkennt man sein Interesse an Jugendlichen, die aufmüpfig und trotzig in ihrer eigenen Welt leben. Dieselbe Widerständigkeit findet man später in Porträts der blutjungen Nina Hagen und des heute legendären Türstehers Sven Marquardt wieder.

Straßenbilder von Bitterfeld, Meißen und Berlin zeigen eine ferne Welt. Das Berlin in Mitte und Prenzlauer Berg wirkt verwunschen und ist nach Jahrzehnten der Sanierung und Verdrängung kaum noch wiederzuerkennen.

„Vielleicht besteht das eigentlich Abenteuer des Lebens nicht darin, das Unbekannte aufzuspüren, sondern sich ins Bekannte hineinzufinden. Ich finde die Wahrheit des Unsensationellen spannend“, sagte Roger Melis einmal über seine Fotografie und erhob das Unheroische damit zum Prinzip.

Bilder vom Tag der Deutschen Einheit 1990

Den Schlussakkord der Ausstellung bildet seine Reportage zum Tag der Deutschen Einheit 1990. Wieder bewegt er sich eher am Rande des Geschehens. Hier herrscht nicht nur Feierstimmung. Das Spektrum der Gefühle, das die Gesichter der Menschen auf den Bildern von Melis widerspiegeln, reicht von Freude über Skepsis bis hin zu Sorge.

Nachdem Melis auch in der DDR mit Reportagen über die Arbeit in Industriebetrieben, seine Modefotografien in der berühmten Modezeitschrift „Sibylle“ und seine Künstlerporträts bekannt geworden war, erhielt er von 1981-1989 Auftragsverbot. Grund war ein Beitrag mit dem Schriftsteller und mittlerweile in den Westen ausgereisten DDR-Oppositionellen Erich Loest für das GEO-Magazin. Danach konzentrierte sich Melis auf Buch- und Ausstellungsprojekte sowie seine Lehrtätigkeit an der Kunsthochschule Weißensee (1978-1990).

Große Melis-Retrospektive

Es ist die bislang größte Roger-Melis-Retrospektive mit rund 160 Schwarzweißfotografien unter dem Titel „Die Ostdeutschen. Fotografien aus drei Jahrzehnten DDR

Roger Melis: Die Ostdeutschen. Reinbeckhallen, Reinbeckstraße 17, Berlin-Oberschöneweide, Do, Fr 16-20 Uhr, Sa. So, Feiertag 11-20 Uhr, Eintritt: 5 Euro/3 Euro, Fr Eintritt frei (außer an Feiertagen). Bis 28. Juli.

Die begrenzten Möglichkeiten für seine Fotografie in der DDR waren Roger Melis wohl bewusst: „Die Veröffentlichungsmöglichkeiten waren angesichts der politischen Zensur und der mangelnden ästhetischen Urteilsfähigkeit der Auftraggeber begrenzt“, beschrieb er seine Situation einmal. „Wie andere arbeitete ich mit großer Beharrlichkeit nur für die Schublade.“ Er war sich sicher, dass man diese Bilder eines Tages brauchen würde. Die Zeit gab ihm recht.

Von Angela Hohmann

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