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00:36 03.03.2018
Was tun, wenn die Freundlich plötzlich meint, strenger Moslem werden zu müssen? Juliane Götz als Nadia und Marie Fischer als Anna. Quelle: Foto (2): ANNE HEINLEIN
Potsdam

Es ist keine Burka, kein Nikab, kein Tschador, sondern nur ein Hidschab, den Juliane Götz als 16-jährige Titelheldin „Nadia“ von Bühnen- und Kostümbildner Nikolaus Frinke für die letzten Szenen des Zwei-Personen-Stücks „Nadia“ verordnet bekommt. Zwar verschwinden Haar, Ohren und Schultern hinter dem islamischen Kopftuch, aber ihr Gesicht bleibt immerhin frei.

Dennoch: Die Wirkung ist ex-trem. Eben war sie noch ein attraktiver, selbstbewusster, individueller, weiblicher Charakter. Und nun erscheint sie als schemenhaftes, neu-trales, verwechselbares Gattungsexemplar. Durch das bisschen Stoff reduziert sich ihre Bühnenpräsenz erheblich.

Das Kammerspiel des Holländers Daniël van Klaveren ist die letzte Inszenierung für Jugendliche am Hans-Otto-Theater unter Intendant Tobias Wellemeyer. Wer seit 2009 mit der Schulklasse die Aufführungen in der Reithalle besucht hat, assoziiert Schauspiel vor allem mit dem Ernst des Lebens und den großen Problemen der Welt – Arbeitslosigkeit, Mobbing, Flüchtlingselend, Krankheit und Tod. Auch „Nadia“ ist ein wortlastiges Problemstück, das sich stringent einer harten Frage annimmt. Wieso gibt es Jugendliche, die freiwillig die erheblichen Einschränkungen eines dogmatischen Islams anstreben?

Die Nadia mit dem Hidschab möchte mehr als nur den erotisierenden Blicken der Männer ausweichen. Sie will einer „leeren Welt“ entsagen, eine Lanze für innere Werte brechen und sich zu einer Gruppe bekennen, die der westlichen Welt Paroli bietet. Ihre arabischstämmigen Eltern haben sich in Europa als friedliebende Moslems integriert. Ihre Freundin Anna, die sie von Kindesbeinen an kennt, stellt verwundert fest: „Deine Mutter trägt nicht mal ein normales Kopftuch.“ Als Nadia erfährt, dass ihre Cousinen, mit denen sie nie in Kontakt stand, bei einem Luftangriff ums Lebens gekommen sind, spürt sie tiefe Schuldgefühle.

Es ist längst üblich, dass Projektionen aus dem Internet auf der Theaterbühne mitmischen. In der Inszenierung von Kerstin Kusch chattet und skypt Nadia mit den Missionaren des Kalifats, die ihr vorgaukeln, Seelenverwandte zu sein. Es wird gezeigt, wie Nadia, ein unschuldiges und verführerisch schönes Mädchen, zur Verführten wird. Die Übermacht des Netzes prägt aber auch das Leben ihrer Altersgenossin Anna, die für ihren Gesundheitsblog live auf der Bühne Videoclips herstellt. So einfach geht das: Eine Kamera vors Gesicht gehalten und einfach drauf los erzählt, was einem wichtig erscheint. Die augenblickliche Verdopplung auf der großen Leinwand ist für Theaterbesucher immer noch ein spannendes ästhetisches Erlebnis. Die 24-jährige Marie Fischer verleiht der Rolle der Anna Charme und einen herrlichen Elan. Ihr Insistieren als gute Freundin ist in dem Beziehungsdrama angelegt, die Zukunft von Nadia ist ihr alles andere als egal.

Überhaupt spinnen beide Schauspielerinnen mit- und gegeneinander ein funkelndes Bühnengarn, der Altersunterschied von elf Jahren ist nicht zu bemerken. Marie Fischer kommt frisch von der Schauspielschule. Juliane Götze wurde bereits 2009 als Studentin in Wellemeyers Eröffnungsinszenierung „Die Wildente“ als Entdeckung vorgeführt. 2013 verließ sie das HOT-Ensemble. Was sie kann, zeigt sie diesmal schon im Eingangsmonolog.

Die Dialoge lässt Regisseurin Kusch zu Beginn mit vielen alterstypischen Posen unterstreichen. Die Heiterkeit der Freundinnen und ihr Herumalbern schlagen manchmal in Weltschmerz um, für Teenager nicht ungewöhnlich. Natürlich hadern beide mit den Eltern. Aber welcher Erwachsene würden ihnen nicht zustimmen, wenn sie sagen: „Mein Gott, die Welt ist irgendwie – irre. Ja. Total – irre.“ So argumentiert auch IS-Missionar Brahim im Internet: „Diese Welt ist krank, und dennoch bist du nicht verloren.“ Anna fällt bald auf, dass sie mit Nadia weniger lacht, und fragt: „Wo ist dein Humor abgeblieben?“ Der Umgangston in der realistischen Umsetzung wird immer dramatischer, erregter und schluchzender ...

Natürlich ist das keine erfreuliche Geschichte. Gebe es nicht den berühmten Fall Linda W., die 2016 auf die dumme Idee kam, aus dem sächsischen Pulsnitz ins Kalifat aufzubrechen, würde man wohl fragen, ob das Stück „Nadia“ nicht eher nach Berlin-Kreuzberg gehört. Wie weit ist der Islamische Staat von Potsdam entfernt? Worüber diskutieren hier die Jugendlichen? Über’s Kiffen? Sex? Zukunftsängste? Leistungsdruck? Handynutzung? Auf alles bietet auch der IS verführerisch einfache Antworten.

Von Karim Saab

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