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15:00 28.10.2018
Sie wollten besser als die Beatles sein – und spielten einfach lauter, schneller und kürzer: Ein Besuch im Ramones-Museum in Berlin. Quelle: Matt Green
Berlin

Zuerst fallen die Stehlampen ins Auge. Wer in Siebzigerjahrewohnzimmern aufgewachsen ist, kennt dieses Modell gut. So beleuchteten Großeltern einst ihre Welt. Im Ramones-Museum in Berlin gehören sie zur Kulisse. Im Vorraum, der auch Café ist, trinkt man dagegen ganz zeitgemäß Fritz-Kola.

Die Marke gibt es seit 2003, da waren zwei der vier Gründungsmitglieder der Band bereits tot: Sänger Joey, der sensible Hippie, und Bassist Dee Dee, der ewige Junkie. Dee Dee gab das Tempo vor. Sein „One, two, three, four“, mit dem er die radikal kurzen, superschnellen Songs einzählte, ist unvergessen.

Auch Gitarrist Johnny starb jung. Er war zu den anderen wie ein strenger großer Bruder. Seit dem Tod von Drummer Tommy vor vier Jahren lebt niemand mehr von der Originalbesetzung. Dafür blüht der Kult um die Punkrocker wie ein Kirschbaum im Frühling. Das erste und vierte Album wurden inzwischen als Deluxe-Editionen, Nostalgie inklusive, wiederveröffentlicht. Bei H&M können Eltern ihren Kindern sogar Ramones-T-Shirts kaufen. Wollen sie ihnen damit Lässigkeit überstreifen? Sich Turnschuhtypen heranziehen? Oder Jugendzimmerfreaks?

Flo Hayler bewundert die Ramones schon immer, nicht erst seit sie tot sind. Trotzdem ist sein Ramones-Museum in Berlin kein Punk-Graceland. Quelle: Begalke

„Punk macht dich zu einem okayen Typen“, sagt Flo Hayler. Er findet es in diesem Fall nicht verwerflich, wenn Eltern ihren Kindern ihren Musikgeschmack nahelegen. „Ramones-T-Shirts zu tragen ist besser als Frei.Wild-T-Shirts.“

Hayler, von Beruf Journalist, ist Superfan und Sammler, ein Ramones-Ultra sozusagen. Der 45-Jährige gründete das erste und bis heute einzige Ramones-Museum der Welt vor 13 Jahren, weil seine damalige Freundin Joeys Mikrofonständer, Johnnys kaputte Jeans und die ganzen anderen Sachen, in Kartons verpackt, in der Küche abgestellt, aus der gemeinsamen Wohnung haben wollte. „Weg mit dem Scheiß“, hatte sie gefordert. Jetzt hat Hayler ein Buch geschrieben, über die Band und sich.

Sein Museum ist kein Graceland, wo 600 000 Elvis-Fans pro Jahr die Overalls, den Erfolg, den Größenwahn und das Grab ihres toten Idols besichtigen. Bei Hayler schauen im Monat 1200 Ramones-Fans vorbei. Neulich empfahl Eddie Vedder den Besuch, als er mit seiner Band Pearl Jam in der Berliner Waldbühne auftrat. Am nächsten Tag wurde es voll an der Oberbaumstraße in Kreuzberg. Johnny-Kumpel Vedder wirbt bei jedem Berlin-Konzert für das kleine Museum. Auch Debbie Harry von Blondie, R.E.M.s Michael Stipe und Campino waren schon da.

„Ein Hobby kostet Geld“

Man sieht dort jede Menge T-Shirts. Das wohl bekannteste Stück trug Johnny im Film „Rock ‘n‘ Roll High School“, das wertvollste gehörte Dee Dee. Es war ein Geschenk von Sid Vicious von den Sex Pistols. Bei einer Auktion bezahlte Hayler 7500 Dollar dafür. „Ich muss jedes T-Shirt kaufen, weil es bei mir besser aufgehoben ist als bei anderen“, sagt er.

Er behauptet zwar, die Ramones seien bloß ein Hobby und „ein Hobby kostet Geld“, aber das stimmt so nicht. Die Ramones bedeuten ihm mehr. Sein Buch heißt nicht zu Unrecht „Ramones. Eine Lebensgeschichte“. Als Joeys Wohnzimmerschrank zum Verkauf stand, hat er ihn selbst in dessen Appartement im New Yorker East Village begutachtet. Er nahm ihn für 500 Dollar mit. Es ist ein einfaches, abgenutztes Holzding, kein Schmuckstück. Wie die Ramones selbst.

Das Museum verklärt nichts. Man erkennt dort eine Band, die während ihres Bestehens von den Medien und dem Massenpublikum vernachlässigt wurde, weil sie kompromisslos und ein bisschen stumpf waren, „nicht so hübsch wie die Beatles“, wie Hayler es formuliert.

Als Joey Ramones Wohnzimmerschrank zum Verkauf stand, hat Flo Hayler ihn in dessen Appartement im New Yorker East Village begutachtet. Quelle: privat

Der heutige Hype vernebelt die Tatsache, dass die Ramones nie eine schillernde Hauptband waren. Sie spielten in den 22 Jahren ihres Bestehens 2263 Konzerte wie Fließbandarbeiter, vorwiegend in kleineren Hallen, in der Punk-Nische. Als sie 1987 in Göttingen bei einem Festival auftraten, waren sie nur die Vorgruppe – von Marius Müller-Westernhagen. Hayler, damals 14, war nicht dort. „Ich durfte noch nicht.“

Er ist in Helmstedt aufgewachsen. Wird man im Zonenrandgebiet automatisch Ramones-Fan? „Die Ramones waren zeitlebens das hässliche Entlein der Popkultur“, sagt Hayler. „Ich war selbst so ein hässliches Entlein.“ Über die Ärzte und die Toten Hosen stieß der Außenseiter auf die Außenseiterband.

Sein erstes Ramones-Konzert erlebte er 1990 in Bremen. Danach reiste er ihnen in den Schulferien hinterher. Von ihnen fühlte er sich ernst genommen. Hayler war auch beim 2263. und letzten Konzert am 6. August 1996 im Palace in Hollywood. Bis zu seinem Tod 2004 schickte Johnny ihm jedes Jahr zu Weihnachten eine Ansichtskarte.

Jung zu sterben, begründet den Mythos

Joey starb mit 49 an Lymphdrüsenkrebs, Dee Dee mit 50 an einer Überdosis Heroin, Johnny mit 55 an Prostatakrebs. Tommy, Gallengangkrebs, wurde immerhin 65. Jung zu sterben, begründet den Mythos. Siehe Elvis. Auf Details kommt es bald schon nicht mehr an. Plötzlich behaupten viele: „Ich fand die schon immer geil.“ Für Hayler gibt es deshalb zwei Versionen der Band: die nach Joeys Tod und die davor, die Ramones, die er persönlich kennengelernt hat.

Weil sie besser als die Beatles werden wollten, spielten sie einfach lauter, schneller und kürzer und erschufen dabei etwas Neues, etwas Unerhörtes. Die Texte waren leicht verständlich oder, anders ausgedrückt, recht schlicht. Joey sang darüber, was er will: eine Freundin finden, Kleber schnüffeln, seine Ruhe haben.

Indem sie auf alles Überflüssige verzichteten, Gitarrensoli zum Beispiel, brachen die Ramones Regeln, die seit Pink Floyd galten. Klar, dass das aufmüpfig wirkte in der Ära epischer, selbstverliebter Klanggespinste. An ihrem reduzierten Konzept und ihrem comichaften Look hielten sie bis zur Trennung stur fest.

Joey Ramone im Jahr 1989 in Berlin. Quelle: privat

Warum? Vielleicht, weil es Johnny reichte, seinen Traum zu verwirklichen: so schnell wie möglich eine Million Dollar anzusparen, seine Rente. Der vermeintliche Held der Gegenkultur, enthüllt seine posthum erschienene Autobiografie „Commando“, war gar kein Rebell, sondern Republikaner-Fan und ein ziemlicher Spießer, jemand, der am liebsten seine Baseballkartensammlung pflegte oder vor dem Fernseher abhing.

„God bless President Bush, God bless America“, rief er, als die Band 2002 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurde. Selbst Fans wie Hayler ahnten nicht, dass die Ramones-Realität kein Punk-Märchen war, sondern einer Seifenoper glich, nachdem der Gitarrist dem Sänger die Liebe seines Lebens ausgespannt hatte. Joey und Johnny sprachen kaum noch ein Wort miteinander.

Einfach loslegen, auch wenn man nur vier Akkorde draufhat

Die irische Band U2 würdigte die Ramones in ihrem Song „The Miracle (of Joey Ramone)“. Bono sah die Band 1977 in Dublin. Joey wurde sein Idol. „Ich hörte ihn singen und spürte, dass für ihn in diesem Moment nichts anderes zählte“, erinnert sich der U2-Sänger im „Time“-Magazin. Entscheidend sei, erkannte er, eine Vision zu haben und einfach loszulegen, auch wenn man nur vier Akkorde draufhat.

Mit Ramones-Songs, mit Krachrock, kann man Eltern heute nicht mehr schocken. Genauso wenig mit zerrissenen Hosen; die sind sogar in Mode. Was ewig gilt, ist die von den Ramones mitinitiierte Punk-Idee.

Haylers privates Museum selbst ist ein gutes Beispiel für diese Art von Eigeninitiative. Die Ramones glaubten immer an Selbstverwirklichung. Ihre Botschaft: Wenn sie es schaffen, vier Turnschuhtypen ohne künstlerische Vorkenntnisse, dann kann das jeder. Sei einfach fest entschlossen! Zähle bis vier!

Flo Hayler: „Ramones. Eine Lebensgeschichte“, 640 Seiten, Heyne Verlag. Quelle: Verlag

Von Mathias Begalke

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