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Wie ist das mit dem Sozialistischen Realismus?

DDR-Kunst im Museum Barberini Wie ist das mit dem Sozialistischen Realismus?

Für den Kunstkritiker Eduard Beaucamp (West) standen schon vor der Wende die Maler der Leipziger Schule hoch im Kurs. Sein Kollege Christoph Tannert (Ost) favorisierte damals eher die oppositionelle Kunst in der DDR. Wir haben beide gefragt, was für sie heute wichtige DDR-Kunstwerke sind und wie sie heute den Sozialistischen Realismus wahrnehmen.

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Willi Sittes Gemälde „Die Rote Fahne – Kampf, Leid und Sieg“ hing im Palast der Republik und wird nun im Museum Barberini in Potsdam ausgestellt.

Quelle: akg-images

Potsdam. Herr Beaucamp, Herr Tannert, das Potsdamer Museum Barberini möchte anhand von 117 Werken das Selbstverständnis der Künstler zwischen 1945 und 1989 darstellen. Wie schlüssig erscheint Ihnen das Thema „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“?

Eduard Beaucamp: „Hinter der Maske“ trifft nur einen Aspekt in der Leitmotivik der Kunst in der DDR. Mit der Maske versteckte man sich übrigens nicht nur vor der Zensur der Staatsmacht. Sie dient als existenzielle Metapher, als Tarnung und Spielform im Dschungel unserer modernen Gesellschaft. Auch als Westmensch konnte und kann man sich noch heute mit den Maskenbildern der Ostkunst identifizieren, ja sich in ihnen wiedererkennen.

Euduard Beaucamp

Eduard Beaucamp, 1937 in Aachen geboren, promovierte 1966 an der Universität Bonn und war von 1966 bis 2002 leitender Kunstkritiker im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er gilt als Kenner und Unterstützer der „Leipziger Schule“ und verfasste schon vor 1989 viele Bücher und Artikel über DDR-Maler wie Werner Tübke und Bernhard Heisig. Beaucamp lebt in Frankfurt am Main.

Christoph Tannert: Der Titel der Ausstellung ist unscharf formuliert. „Hinter der Maske“ impliziert, dass Künstler in der DDR Maskierungen gebraucht und nicht frei heraus gesprochen hätten. Das war nicht der Fall. Vielleicht hilft es weiter, wenn wir anerkennen, dass es offizielle und nicht-offizielle Kunstströmungen in der DDR gab, staatstragende und nicht-staatstragende Positionen und dass die Kunstentwicklung nicht linear war, sondern sich in einem mäandernden Kriechgang vollzog – mit Bestätigungen des ideologischen Korsetts des „sozialistischen Realismus“ und in Distanzen dazu. So wie ich Künstler in der DDR erlebt habe, gab es stille, ehrliche Kommunisten und viel lauthals vorgebrachte Lobhudelei gegenüber der Staatsmacht, aber eben auch konsequente Abwendung vom System. Das alles war ziemlich eindeutig identifizierbar. Die Claqueure spendeten huldvoll Beifall während ein weites Spektrum von Akteuren sich völlig anders verhielt: entweder schwieg (oder zum Schweigen gebracht wurde) oder aber auch Protest artikulierte. Die Verwendung des Motivs der Maskierung und der Janusköpfigkeit, und das ist ein ganz anderer Aspekt, zielte darauf ab, dem Publikum Denkanstöße zu geben, sich selbst zu erkennen und nicht in der Lüge zu leben. Aber das alles vollzog sich öffentlich, mit und ohne Genehmigung, und überhaupt nicht als Maskerade.

Christoph Tannert

Christoph Tannert, 1955 in Leipzig geboren, lebt seit 1976 in Berlin. Er studierte Kunstwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin und schloss 1981 mit dem Diplom ab. Bis 1990 wirkte er als freier und staatsferner Kunstkritiker in der DDR und eröffnete viele inoffizielle Ausstellungen. Heute leitet er das Künstlerhaus Bethanien in Berlin.2016 kuratierte er mit Eugen Blume die Ausstellung „Gegenstimmen. Kunst in der DDR“ im Berliner Martin-Gropius-Bau.

Fast alle Künstler sind Absolventen oder Professoren einer der vier Kunsthochschulen der DDR, die großen Wert auf das Grundlagenstudium und figürliches Zeichnen gelegt haben. Ist dadurch die DDR-Malerei qualitativ hochwertiger?

Tannert: In der DDR galt als Richtlinie für jeden Staatsbürger, dass in täglichem Bemühen der Sozialismus aufzubauen sei. Im Kulturbetrieb ordnete sich alles der Doktrin des „sozialistischen Realismus“ unter. Dazu gehörte in der Kunst die Darstellung eines heilen Menschenbildes. Was abstrakt, chaotisch oder prozessual in Erscheinung trat, galt als modernistisch, westlich, bürgerlich, dekadent. Also wurde offiziell auf die Vorbildfunktion der alten Meister, konservative Bildsprache, Abbildhaftigkeit und Allgemeinverständlichkeit größten Wert gelegt. Das wurde an den Akademien gelehrt. Und man wurde auf Parteilichkeit verdonnert. Tatsächlich kümmerten sich die Künstler um diese Vorgaben aber nur eingeschränkt. Deshalb ist Kunst in der DDR von Anfang an ein Sammelsurium an Haltungen, Schulen und Strömungen gewesen. Mit einer Einteilung in „besser“ oder „schlechter“ kommt man hier nicht weiter.

Beaucamp: Kunst hat sehr wohl auch mit Können zu tun, zudem mit Fantasie und ästhetischer Intelligenz. Die gründliche Ausbildung im Osten gab nicht nur Handwerk mit auf den Weg, sondern auch ein bildnerisches Rüstzeug, um die Welt komplex zu sehen, zu deuten, womöglich umzukrempeln. Die Kunst aus der DDR ist dadurch vielfach raffinierter, vielschichtiger, hintergründiger und auch reicher als die oft eindimensionale und lineare Avantgarde-Ästhetik des Westens.

Gibt es Autodidakten, die in Ihren Augen Entscheidendes geleistet haben?

Beaucamp: Die DDR-Kulturpolitik hat mit repressiven Mitteln eine verbindliche Ästhetik („Sozialistischer Realismus“) vorschreiben und durchsetzen wollen, aber sie ist daran früh und gründlich gescheitert. Herausgekommen ist, gerade auch aus dem Umkreis der Hochschulen, eine Fülle eigenwilliger und herausfordernder Künstler-Individualisten, die nicht auf einen Nenner zu bringen sind. Sehr bereichert wurde die Kunstszene Ost durch dezidierte Einzelgänger wie Gerhard Altenbourg und Carlfriedrich Claus, die sich ostentativ abkapselten und einkapselten und jeden Auftrag verweigerten.

Tannert: Natürlich. Aber ich würde eher Außenseiter oder Seiteneinsteiger sagen, denn manche haben kurzzeitig an Kunstakademien studiert, flogen dann wieder raus oder haben anderen Ausbildungen hinter sich gebracht, wie z.B. Ralf Winkler (A. R. Penck), Peter Herrmann, Peter Graf, Winfried Dierske, Mitglieder der Gruppe „Lücke-TPT“, Klaus Hähner-Springmühl, Hans Scheuerecker, Michael Freudenberg, Lutz Fleischer, Roland Frenzel, Gil Schlesinger, Andreas Hanske. Einige von ihnen sind ja auch in der Ausstellung präsent.

In der DDR wurde vom Staat die figurative und realistische Kunst durchgesetzt, während nach dem Krieg auf dem westlichen Markt Abstraktion, Popart und Aktionskunst angesagt waren. War es legitim, auf die Moderne nach dem Zweiten Weltkrieg mit figurativer Tafelmalerei zu reagieren?

Beaucamp: Natürlich war und ist die „realistische“ oder „figürliche“ Antwort legitim, beglaubigt auch durch das Erbe der zwanziger Jahre. In beiden Teilen des Landes wiederholten und erneuerten sich in der Nachkriegszeit Konstellationen nach dem Muster „Beckmann contra Klee“, „Dix contra Schwitters“.

Tannert: Der Kalte Krieg wurde auch künstlerisch ausgefochten. Aber Freiheit mit Abstraktion gleichzusetzen und Unfreiheit mit Figürlichkeit folgt einem Schwarzweiß-Denken, das an der Wirklichkeit vorbei geht. Es ist richtig, dass in der DDR der 50er Jahre scharfe Debatten für „Realismus“ und gegen „Formalismus“ geführt wurden. Gleichzeitig unterstützte auf der anderen Seite die CIA in den USA Jackson Pollock und weitere abstrakte Expressionisten. Erinnern wir uns bitte auch an die revolutionsromantischen Linken im Westen – von den Mauermalern in Mexiko bis zu den Kritischen Realisten in West-Berlin, die für den Realismus agitierten. Und erstaunlicherweise gibt es durchaus eine Nähe zwischen Strömungen in den sozialistischen Ländern der 70er Jahre und Kunst in Portugal unter der Diktatur von Salazar oder in Spanien in der Endphase der Diktatur Francos. Problematisch ist immer, wenn eine bestimmte Richtung als politisch progressiv bezeichnet und instrumentalisiert wird.

Das Museum Barberini dokumentiert parallel 16 großformatige Werke, die als Auftragswerke 1976 für den Palast der Republik entstanden. Was halten Sie von diesem Zyklus?

Tannert: Nach meiner Auffassung handelt es sich um Dekorationen mit politischer Tendenz, nicht um Kunst. Diese kitschigen Elaborate nun über die Kunstausstellung „Hinter der Maske“ zu wölben kommt einer kaum misszuverstehende Anspielung auf die Rituale der großen Kunstausstellungen in Dresden gleich, wo die Staatskunst sich auch an den Schauwänden des Albertinums spreizen durfte. Wie kann man nur auf so eine verlogene Nostalgie-Aktion kommen?

Beaucamp: Die Qualität ist unterschiedlich. Neben großartigen Bildern gibt es flauere, auch verkrampftere Werke. Generell haben wir dem Auftragswesen im Osten einige unsterbliche Werke zu verdanken. Auch die hochmütigen Westkünstler haben Aufträge von Konzernen, Banken, Ämtern und Kirchen nicht verschmäht.

Was haben uns Bilder mit der Intention des Sozialistischen Realismus heute noch zu sagen?

Beaucamp: Die Spuren des reinen, parteilichen „Sozialistischen Realismus“ in der ostdeutschen Kunstgeschichte sind nicht sonderlich eindrucksvoll. Ihre Botschaften haben sich historisch erledigt. Die Werke sind der politischen Folklore zuzuschlagen und haben mit der ostdeutschen Hochkunst nichts zu tun.

Tannert: Man kann diese Kunst zeigen, wenn gleichzeitig ihre ideologische Funktionalisierung thematisiert wird. Jeden neuen Versuch, Mythen zu bauen, halte ich für bedenklich.

Von Karim Saab

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