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Wie tickt eigentlich eine Jugendbuchautorin?

Moral eines Fantasy-Bestsellers Wie tickt eigentlich eine Jugendbuchautorin?

Bei dem Namen Kerstin Gier bekommen Mädchen ab zwölf Jahre glänzende Augen. Nach ihrer hunderttausendfach verkauften „Edelstein“-Trilogie schloss sie soeben ihre „Silber“-Trilogie ab. Am Ende klärt sich für die Leser auf, warum ein Dämon die Träume einer Jugendclique beherrschen konnte. Ist diese Fantasy-Autorin auch im wahren Leben eine Esoterikerin? MAZ fragte nach.

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Jugendbuchautorin Kerstin Gier

Quelle: Foto: Gaby Gerster

Potsdam. MAZ: Frau Gier, aller guten Dinge sind drei! Nach der „Edelstein“-Trilogie haben Sie soeben den dritten Band der „Silber“-Trilogie vorgelegt. Sind Sie gedanklich schon bei der dritten Trilogie?

Kerstin Gier: Nein, als nächstes werde ich einen Einzelband schreiben, wieder ein Jugendbuch.

In „Silber“ lüften Sie zum Abschluss ein Geheimnis. Es geht um einen Dämon, der Ihnen viele fantastische Spielereien ermöglicht hat. Es gibt aber auch ein Mädchen, das ernsthaft an Schizophrenie erkrankt ist. Anabel hört Stimmen, ist wie von Dämonen besessen. Sind Sie durch das Krankheitsbild auf die Idee gekommen?

Gier: Nein, es braucht in einer Dämonengeschichte aber immer mindestens einen, der an Dämonen glaubt, und das ist Anabel. Am Ende stellt sich ja heraus, dass es den Dämon gar nicht gibt, sondern dass Anabel ernsthaft krank ist.

Die Welt, die Sie dämonisiert haben, löst sich also in Luft auf?

Gier: Nein, denn es ist ja wirklich viel Böses in der Welt. Manchmal frage ich mich, ob das wirklich alles nur menschengemacht ist. Woher nehmen Menschen die Kraft, so viel Böses zu tun? Dass es negative, teuflische, dämonische Kräfte gibt, könnte eine Erklärung sein.

Die Kehrseite davon wäre, an Gott zu glauben.

Gier: Ich würde weder eine gute noch eine böse Macht ausschließen.

Gehen Sie in die Kirche?

Gier: Ich bin vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten. Ich bin nicht religiös, glaube aber, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als wir es uns wissenschaftlich erklären können.

Mädchen ab zwölf lieben ihre Bücher

Kerstin Gier wurde 1966 bei Bergisch Gladbach geboren. Die Germanistin und Diplompädagogin eroberte den Buchmarkt zunächst mit Frauenromanen wie „Die Mütter-Mafia“ oder „Männer und andere Katastrophen“

2009 wagte sie sich aus der „Frauen-Ecke“ heraus. Seither gilt sie als eine der erfolgreichsten deutschen Jugendbuchautorinnen. Mit der „Edelstein“-Trilogie („Rubinrot“, „Saphirblau“, „Smaragdgrün“) eroberte sie sich die weiblichen Teenager ab zwölf Jahre. 2011 erschien der erste Band der nun abgeschlossenen „Silber“-Trilogie.

Ihr Stil zeichnet sich in erster Linie durch einen lebensklugen, heiteren Witz aus. Kerstin Gier gelingt es, romantische Liebesgeschichten und Fantasy-Motive humorvoll und spannend zu erzählen. Sie schreibt vorsätzlich marktgerecht, ohne den Anspruch, große Literatur hervorzubringen.

Die stark farbigen Einbände mit schnörkelreichen Scherenschnittmotiven werden von Eva Schöffmann-Davidov gestaltet, mit der Kerstin Gier befreundet ist. Es war für die Autorin nicht leicht, diese grafische Handschrift auch beim Verlag Fischer FJB durchzusetzen, zu dem sie gewechselt ist. Die „Edelstein“-Trilogie erschien noch beim Arena-Verlag

Die Autorin lebt mit ihrem Mann, einem Handwerker, ihrem 16-jährigen Sohn Lennart und zwei Katzen in der Nähe von Köln. Als Ausgleich zum Schreiben liebt sie die Gartenarbeit.

Kerstin Gier: Silber – Das dritte Buch der Träume. Roman. Fischer FJB, 464 Seiten, 19,99 Euro.

Dem Dämonen im Buch wird auch zugeschrieben, dass er heimliche Wünsche erfüllt. Wie erklären Sie es sich, wenn im Leben etwas eintritt, das Sie herbeigesehnt haben?

Gier: Es kann Zufall sein. Oder Glück. Oder das Ergebnis eigener Bemühungen. Auch im Buch sind das ja gar nicht so unwahrscheinliche Wünsche, die in Erfüllung gehen. Aber weil meine Figuren an den Dämon glauben, schließen sie alle anderen logischen Faktoren einfach aus. So funktioniert Glaube.

Sehen Sie sich als Aufklärerin? Schließlich ist die Moral von „Silber“, dass es keine magischen Mächte gibt?

Gier: Keine dämonischen Mächte, keine übersinnlichen Phänomene – aber Magie ist doch letztendlich überall. Auch wenn unsere Träume durchaus auch einen Teil der Realität darstellen.

Sie sind also keine Esoterikerin?

Gier: Esoterische Erklärungen finde ich superspannend, glaube aber eher nicht daran. Ein weites Feld, das ich mit viel Humor betrachte.

Und wie erklären Sie sich das Unheimliche in den Träumen?

Gier: Was unser Unterbewusstsein glaubt, unsere Ängste, unsere schlimmsten Vorstellungen, manifestiert sich in Träumen. Das kann schon manchmal unheimlich werden.

Ihre Helden sind stets Sprösslinge der Oberschicht. Bereits Ihre „Edelstein“-Trilogie hat im England der Reichen und Schönen gespielt. Haben arme Kinder nicht viel mehr Grund zum Träumen?

Gier: In den Büchern geht es ja nicht um Lebensträume, sondern wirklich um die Träume, die wir in der Nacht haben. Und die sind – denke ich – völlig unabhängig von arm und reich bei allen Menschen ähnlich. Ich habe die Handlungen meiner Bücher im Privatschul-Klima angesiedelt, weil es für meine Geschichte gerade schön passte. Ich bin nicht mit dem Auftrag unterwegs zu zeigen, wie schlecht oder ungerecht es in der Welt zugeht.

Aber die Träume der sozial Schwachen könnten doch viel kraftvoller sein!

Gier: Wie gesagt, es geht um die Träume, die wir nachts haben. Und ich glaube, reiche Leute träumen genauso wie arme – auch Albträume.

Haben Sie einen Lebenstraum, den Sie einlösen möchten?

Gier: Ich bin sehr glücklich, da wo ich gerade bin. Wir sind alle gesund. Als Kind wollte ich immer auf einer Alm leben, Kühe haben, Käse machen und Bücher schreiben. Heute bin ich eine Autorin, die auch gelesen wird. Dieser Zustand ist so wunderbar, dass ich mich gar nicht traue, noch größer zu denken. Natürlich hoffe auch ich, dass die Welt ein bisschen besser wird als sie jetzt ist. Dass wir alle weiter so gut leben können. Die Entwicklungen in der Gegenwart finde ich schon bedrohlich. Man hat das Gefühl, alles ist im Umbruch, das Unglück rückt näher. Zu unseren Lebzeiten könnten noch große Änderungen auf uns zukommen.

Wäre es dankbar, dass Sie darüber einen Roman schreiben?

Gier: Eher nicht. Jeder sollte das machen, was er am besten kann, und ich kann Kinder mit meinen Büchern zum Lachen bringen oder für einen Moment glücklich machen. Ich möchte jedem Mut machen, so zu sein wie er ist. Ich bin der Meinung, dass glückliche Menschen die besseren Menschen sind.

Erscheinen Ihnen Bücher dann gelungen, wenn man sich mit ihnen weit wegträumen kann?

Gier: Ja, und das gilt ganz unabhängig vom Bildungs- und Einkommensmilieu. Ob die Leser Geld oder Abitur haben, spielt doch gar keine Rolle. Aber Sie haben recht, ich schildere in „Silber“ eine vermögende Familie, die in Hampstead lebt. Ich liebe diesen Londoner Stadtteil, der liegt ein bisschen erhöht und ein Haus dort ist großzügiger und schöner als das andere.

London ist so teuer geworden, dass sich eine normale Familien dort kaum ein Wochenende leisten kann.

Gier: Ja, auch die Mieten in London sind kaum noch bezahlbar. Wenn ich mit meiner Familie nach London fahre, gehen wir nicht ins Hotel, sondern suchen uns zum Beispiel über airbnb eine Privatwohnung. Das ist viel günstiger und toll, weil man sich dann wirklich mittendrin fühlt.

In London gibt es auch viele wunderschöne Haustüren, die Sie vielleicht inspiriert haben. Wie sieht Ihre Traumtür aus?

Gier: Meine ändert sich immer. Im Moment ist sie weiß, so weiß wie glitzernder Schnee. Und ganz kahl.

Und was bedeutet der Eidechsenknauf an Ernests Eingangstür?

Gier: Die Eidechse stand im Text, bevor ich gegoogelt habe, was sie in der Traumsymbolik bedeutet. In vielen Mythologien sind Eidechsen die Hüter zu einer anderen Welt, sie leiten in eine geistige Welt hinüber. Das kann natürlich Zufall gewesen sein, dass mir die Eidechse von ganz allein in den Text gehuscht war, vielleicht aber auch Magie.

In Ihrem Buch spielt Secrecy eine wichtige Rolle. Das ist ein anonymer Blog, auf dem viele Gemeinheiten gepostet werden. Was sagen Sie dazu, dass es viele Nachahmer gibt?

Gier: Die Idee, dass sich jemand die bösartige Secrecy zum Vorbild nehmen könnte, bin ich überhaupt nicht gekommen. Die hat ja nun gar nichts Nettes oder Bewundernswertes an sich.

Sie haben jetzt viele Mädchenbücher geschrieben, obwohl Sie selbst keine Tochter haben. Sollten Sie nicht auch mal ein Buch für Ihren Sohn schreiben?

Gier: Das wäre Perlen ... Nein, das würde ich nicht machen wollen. Er ist gerade 16 geworden und hat sich noch nie für Geschichten interessiert. Dabei haben wir erziehungstechnisch sicher nichts falsch gemacht. Ich habe ihm immer ganz viel vorgelesen. Aber er mag Geschichten grundsätzlich nicht so gerne, auch nicht bei Filmen.

Vielleicht sollten Sie für ihn mal etwas aufschreiben, was wirklich passiert ist!

Gier: Er liest gerne Artikel über Fußball und Reportagen über Köche. Aber ich bin Romanautorin und keine Journalistin.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Jungs sich mit dem Lesen so schwer tun?

Gier: Ich kenne auch begeisterte Jungs, die lesen, auch meine Bücher. Auf jeden Fall liegt es nicht daran, dass es keine guten Jungsbücher gibt. „Harry Potter“ war kein Mädchenbuch, „Skulduggery Pleasant“, „Percy Jackson“, auch die von Jonathan Stroud sind super für Jungs. Man könnte noch so viel Jungsbücher auf den Markt schmeißen, dadurch würde dieses Segment auch nicht größer. Da kann ich auch gleich zielgruppenaffin für Mädchen schreiben.

Sind Sie sehr traurig, dass Sie keine Tochter haben?

Gier: Ich hätte überhaupt gern mehr Kinder. Aber ich finde meinen Sohn ganz großartig. Ich würde ihn nie hergeben, auch nicht für ein lesendes Mädchen. Aber ich hätte gern noch vier andere Kinder gehabt, und die dürften auch alle lesen.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit bekommen Sie mal eine Schwiegertochter, die Ihre Bücher gelesen hat.

Gier: Schau’n, mer mal.

Interview: Karim Saab

Von Karim Saab

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