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Wie wollen wir reden über Kunstgeschichte mit Unterbau?

Symposium über DDR-Kunst im Barberini Wie wollen wir reden über Kunstgeschichte mit Unterbau?

Sind Bilder des sozialistischen Realismus weniger wert, weil sie der Doktrin einer Partei folgten? Konformistisch oder nicht – das war damals meist die Frage. Aus einem Disput zu DDR-Kunst in Potsdams Museum Barberini entwirft Karim Saab drei Thesen um Umgang mit derlei Werken.

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„Die Umerziehung der Vögel“. Mit diesem Bild plädierte der Leipziger Maler Hans-Hendrik Grimmling vor seiner Ausreise in den Westen 1986 für mehr Freiheit.

Quelle: Kunstsammlung Heinrich, Maulbronn

Potsdam. Der Andrang am Montag beim öffentlichen Symposium im Museum Barberini über Künstler in der DDR war groß. Unter den fast 200 Besuchern war auch ein Mitarbeiter der Zeitung Neues Deutschland, der sich nach dem ersten Vortrag von Michael Philipp erregt zu Wort meldete. Man solle doch endlich über diese reiche Kunstgeschichte reden und nicht ständig über die Verhinderer. „Wen meinen Sie?“, fragte Philipp zurück. „Soll ich nicht über Willi Sitte reden?“ Der Kritiker verneinte. Nein, er meine die Kulturpolitiker. Doch Philipp hatte in seinem geschliffenen Referat über „Staatliche Vorgaben und künstlerische Freiheit in der DDR“ keinen einzigen erwähnt.

Der kleine Disput verrät einiges: Erstens: Nach der erfolgten Neubewertung der DDR-Kunst in den letzten 25 Jahren gibt es immer noch starke Empfindlichkeiten. Zweitens: In der DDR übten auch aktive Künstler als Rektoren von Kunsthochschulen oder als Verbandsfunktionäre kulturpolitische Macht aus. Drittens: Gelernte Marxisten möchten die DDR heute am liebsten verteidigen, indem sie den Unterbau, die gesellschaftlichen Verhältnisse, einfach ausblenden.

Ein Bildnis des Künstlers in einer Art Zwangsjacke

Der Potsdamer Kunstwissenschaftler Andreas Hünecke reagierte auf den Einwurf des DDR-Nostalgikers dann auch in der nächsten Fragerunde nach dem Vortrag „Selbstbildnis und Alter Ego“. Valerie Hortolani hatte neben ein christusgleiches Selbstporträt von Malerfürst Werner Tübke ein gequältes Selbstbildnis von Hans-Hendrik Grimmling an die Bildwand geworfen. „Ich in Leipzig, 1978“ zeigt den Künstler in einer Art Zwangsjacke. Hünecke erinnerte daran, dass gerade 1978 einige Ausstellungen von Grimmling und seinen Künstlerfreunden verboten worden waren, dass man also von den Lebens- und Arbeitsbedingungen nicht absehen könne.

Und immer die Frage: War das konformistisch oder nonkonformistisch?

Das Symposium machte einmal mehr deutlich, dass Erfahrungen und Erkenntnisse zweierlei sind. Während im Auditorium viele Zeitzeugen saßen, wurden die Referate zumeist von Wissenschaftlern aus dem Westen gehalten, die sich als Heranwachsende niemals zu Bildern von Willi Sitte, Sighard Gille oder Angela Hampel positionieren mussten. Ihr nicht immer frischer, aber unvoreingenommener Blick ermöglicht eine Diskussion jenseits der bisher vorherrschenden politisch-moralischen Frage, ob es sich um konformistische oder nonkonformistische Kunst handelt.

Willi Sitte

Willi Sitte: Selbstbildnis mit Tube und Schutzhelm, 1984, Museum Barberini

Quelle: VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Michael Philipp legte sich eingangs fest, er wolle nicht von „Staatskünstlern“ reden, sehr wohl aber von „Staatskunst“, denn der Staat habe bestimmt, welche Kunst gefördert und welche unterdrückt wird. Ein Fallbeispiele stammte von dem Dresdener Maler Heinz Drache (1929-1989). Wer dessen abstraktes Spätwerk kennt, konnte es kaum fassen. „Das Volk sagt ,Ja’ zum friedlichen Aufbau – solche propagandistischen Motive hat Drache Anfang der 1950er Jahre gemalt?

Gastkuratorin ist zu jung für die Frage, ob sie „Ossi oder Wessi“ sei

Philipp differenzierte vier Generationen und bezog in seine Analyse auch autobiografische Zeugnisse ein. Der Preis für die künstlerische Selbstbehauptung sei unterschiedlich groß gewesen. Zum Abschluss lieferte er eine gelungene Pointe, um darzustellen, wie vertrackt die Dinge oft liegen. Von wem stammt der Satz „Reibung ist für die Entwicklung eine wichtige Sache“? Von Willi Sitte, bis 1988 ungeliebter Präsident des Künstlerverbandes der DDR. Das Symposium dient der Vorbereitung auf die Ausstellung „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“. Ab Ende Oktober soll sie das spektakuläre erste Museumsjahr im Barberini beschließen. Die Beiträge bilden die Grundlage für den Katalog. Als Gastkuratorin setzte die Museumsleiterin Valerie Hortolani ein, eine Frau, die so jung ist, dass man gar nicht mehr fragt, ob sie aus dem Osten oder dem Westen stammt. Ihr Vortrag zeigte, dass sie sich in das abgeschlossene Themengebiet gründlich eingearbeitet hat. Sie begann mit einem Selbstporträt von Hans Grundig aus dem Jahr 1946 und endete mit Selbstinszenierungen von Künstlern wie Michael Brendel oder Cornelia Schleime in den 1980er Jahren.

Noch steht die Auswahl der Bilder für die Ausstellung nicht endgültig fest. Der Potsdamer Mattheuer-Biograf Heinz Schönemann meldete sich zu Wort, es kenne noch viele wichtige DDR-Künstler, die der westliche Markt bisher zum Glück für ihre Sammler noch nicht entdeckt habe. Museumschefin Ortrud Westheider versprach, ihm diese Namen für die anstehende Ausstellung noch zu entlocken.

Am Ende bewarb sich der 86-jährige Filmregisseur Jürgen Böttcher, der sich als Künstler Strawalde nennt, noch mit einem Gesang. Er korrigierte ein Detail, das die Dresdner Galeristin Carolin Quermann über ihn gesagt hatte: Nein, er habe bis 1986 die DDR nicht verlassen dürfen. Er sang dem verdutzten akademischen Publikum das Lied „Thats a Hard Time“ vor und fügte noch einen Rap an, eine ironische Liebeserklärung an das Barberini. Plötzlich war die künstlerische Freiheit zum Greifen nah.

> Wie sehen Sie das, liebe Leser? Schreiben Sie uns gerne per Mail an: leserbriefe@MAZ-online.de

Von Karim Saab

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