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Wilhelm Fraenger deutet Hieronymus Bosch

Ein Kulturbuch Wilhelm Fraenger deutet Hieronymus Bosch

Vor 500 Jahren starb Hieronymus Bosch. In der DDR wurde er zu einem heimlichen Sektierer stilisiert. Grundlage war eine Monografie von Wilhelm Fraenger (1890-1964), die viele Auflagen erlebte und ein Exportschlager war. Doch heutige Kunsthistoriker halten Fraengers Thesen für unhaltbar.

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Triptychon „Die Versuchung des heiligen Antonius“ von Hieronymus Bosch (gemalt zwischen 1505 und 1510).

Quelle: epd

Potsdam. Er wusste, wie es im Paradies zugeht und in der Hölle. Auf seinen Wimmelbildern geben sich gruselige Zwitterwesen ein Stelldichein. Vor 500 Jahren, am 9. August 1516, wurde der bereits zu Lebzeiten gefeierte Bilder-Erfinder Hieronymus Bosch in der niederländischen Festungsstadt Den Bosch, 80 Kilometer südöstlich von Amsterdam, zu Grabe getragen.

„Noch immer ist der Maler Hieronymus Bosch der umstrittenste Mann in der Kunstgeschichte.“ Mit diesem Satz eröffnet der VEB Verlag der Kunst Dresden 1975 den Klappentext zu einer opulenten Bosch-Monografie, die ihm viel Anerkennung und Geld einbrachte. Der Band erlebte allein in der DDR neun Auflagen, erschien parallel auch bei Bertelsmann und wurde in viele Sprachen übersetzt. Der Autor, Wilhelm
Fraenger, war bereits 1964 in Potsdam gestorben. Seine Witwe und seine Stieftochter hatten die hinterlassenen Manuskripte redaktionell bearbeitet und zusammengestellt.

Obwohl der 500-Seiten-Wälzer in der DDR stolze 96 Mark kostete, schmückte er bald jeden bildungsbürgerlichen Haushalt. Natürlich darf bezweifelt werden, ob die suggestiven Ausdeutungen von Triptychen wie „Das Tausendjährige Reich“ oder „Der Heuwagen“ wirklich gelesen wurden. Die Reproduktionen und großgezogenen Details machten die Faszination des Buches aus. Die Feingeister in der DDR-Moderne wandten sich gern fantastischen Realisten und Surrealisten zu, die in Bosch einen Urahnen erkannten.

An dem DDR-Bosch-Band ist vieles ungewöhnlich. Kein Vorwort vereinnahmt den Maler zwischen Mittelalter und Renaissance als Vorkämpfer für den Sozialismus. Im Register sucht man vergebens Marx und Engels, stößt aber auf Kabbala und Engel. Und wer den hinteren Klappentext liest, könnte sogar denken, Deutschland sei geistig bereits geeint gewesen. Zwischen Zitaten aus DDR-Zeitungen wird eine Rezension von Radio Bremen eingerückt.

Warum räumten die SED-Kulturpolitiker den spekulativen Thesen von Wilhelm Fraenger so hohe Auflagen ein? Fraengler wurde 1948 aus der SED ausgeschlossen, nachdem er als Bürgermeister des Dorfes Päwesin und als Stadtrat in Brandenburg/Havel tätig war. Später macht er dann in der Akademie der Wissenschaften Karriere.

Petra Weckel untertitelte 2001 ihre Fraenger-Biografie mit „Ein subversiver Kulturwissenschaftler zwischen den Systemen“. Sie verweist auf dessen Arbeit über den revolutionären Maler Jörg Ratgeb, der im Bauernkrieg hingerichtet wurde. Dadurch galt Fraenger offenbar als unverdächtig.

Zum Schlüsselbild für Fraenger wurde Boschs „Garten der Lüste“, ein Mittelbild zwischen Paradies und Hölle (1503). Noch heute streiten die Experten, ob die Liebesszenen ein Paradies auf Erden meinen könnten, also den Entwurf einer gerechten, von Liebe erfüllten Gesellschaft. Diesen glückhaften Kommunismus versuchten in den 1970ern auch die Meister des sozialistischen Realismus als Naherwartung auszumalen. Das Gut-Böse-Schema passte gut in die Erziehungsdiktatur DDR. Wer Wilhelm Fraengers kunstvoll verfasste Bosch-Deutung las, musste sich aber mit Bibel, Kirche und Mystik beschäftigen. Petra Weckel, die heute in der Wilhelm-Fraenger-Gesellschaft aktiv ist, betont, der repräsentative Bosch-Band habe in der DDR viele subversive Geister angezogen.

Interview mit Nils Büttner, Kunsthistoriker. Er schrieb für den Verlag C. H. Beck die Biografie „Hieronymus Bosch“

Herr Büttner, Wilhelm Fraenger hat versucht nachzuweisen, dass Hieronymus Bosch ein Häretiker war. Lässt sich diese These aufrechterhalten?

Nein, das ist absoluter Quatsch. Über den Maler Bosch weiß man sehr viel. Das Leben keines anderen Künstlers aus dem 15. Jahrhundert ist so gut dokumentiert wie seines. Bosch zahlte viele Steuern und gehörte in seiner Stadt zu dem obersten einen Prozent. Er hatte eine Werkstatt mit vielen Angestellten und war Mitglied einer geistlichen Bruderschaft und somit auch als Kleriker geweiht. Er konnte zum Beispiel den Teufel austreiben. Bosch hat wie ein guter katholischer Christ gelebt. Fraenger ist einer falschen Schlussfolgerung aufgesessen. Er ging davon aus, dass seine ungewöhnlichen Triptychen nicht als Altäre in Kirchen gedient haben können. Deshalb fragte er, wer diese Bilder brauchte. Er meinte, die Sekte der Adamiten. Es ist aber nachgewiesen, dass das Triptychon „Das Tausendjährige Reich“ 1518, kurz nach seinem Tod, in einem Palast in Brüssel gestanden hat. Dort gab es auch ein Bett, das so groß war, dass 50 Menschen in ihm liegen konnten.

Wie stand Bosch zur körperlichen Liebe? War sie für ihn eine Todsünde?

Sein christliches Weltbild lässt sich gut rekonstruieren. Körperliche Liebe ist notwendig, um Kinder zu zeugen. Ausschweifende Sexualität dagegen ist von Übel. Engel und Teufel, Jenseits und Hölle galten damals als Glaubensgewissheiten. Die malte Bosch detailfreudig und präzise aus. Er war ein sinnlicher Mensch, der sich besonders für die Natur interessiert hat, für Insekten, Pflanzen und Tiere.

Gibt es eine These, zu der Sie sich gern hinreißen lassen würden?

Als Wissenschaftler halte ich mich an die Quellen. Ich kann nur sagen, was man nicht sagen kann, was falsch ist. Bosch hat für die Menschen seiner Zeit gemalt und wollte an ihre Gefühle appellieren, sie unterhalten und belehren. Ich denke, sein Blick auf ein verkommenes Diesseits lässt sich auch heute noch nachfühlen, genießen und verstehen. Interview: Karim Saab

Von Karim Saab

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