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Wohltuende Quälgeister spielen in Potsdam

Die Nerven im Waschhaus Wohltuende Quälgeister spielen in Potsdam

Die Nerven haben sich 2010 in Esslingen gegründet. Sie sind mies gelaunt, zerstören jedes Klischee über Schwaben – und das macht Spaß. Wer Weichspüler-Pop à la Silbermond nicht mehr erträgt, sollte am Donnerstag eine der besten deutschsprachigen Indiebands im Waschhaus Potsdam live sehen.

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Max Rieger, Sänger der Band „Die Nerven*.

Quelle: FOTO: imago

Potsdam. Wer schon mal in Esslingen bei Stuttgart war, kann sich die Musik des mürrisch nölenden Sängers Max Riegers und seiner Band namens „Die Nerven“ leicht erklären. Die Stadt liegt am Neckar und ist von Weinbergen umgeben - klingt bezaubernd, wirkt beklemmend. Auf der Suche nach süddeutscher Idylle winden sich Wanderer durch die mit Stahl verbaute Fußgängerzone. Erreichen sie die kargen Hügel um Esslingen, blicken sie hinab auf industrielle Ödnis, ein paar versprengte Flecken Fachwerk und einen Kaminturm auf dem „Dick“ steht, der Name einer stillgelegten Messerfabrik.

Die passende Umgebung, um ein Album wie „Out“ zu hören. Das dritte im vergangenen Jahr erschienene Werk der Nerven gießt Frust in Songs. Mal schleppend, mal treibend, immer krachig und atemberaubend mies gelaunt. Musikalisch liegen die Schlechtfühlnummern der jungen Band zwischen Joy Division und Sonic Youth. Die Nerven sind notorische Hinter-die-Fassade-Gucker. Ihre Texte vermitteln so wenig Hoffnung wie ein Arzt, der auf die Frage nach der Diagnose erst schweigt und dann stammelt. Songs wie „Jugend ohne Geld“ zertrümmern das Klischee vom eifrigen Schwaben. Da heißt es „Die Leute, die auf den Straßen ihren Geschäften nachgehen / haben sich hoffnungslos geirrt / wir werden alle den Beistand der Älteren suchen / und trotzdem scheitern“.

Bleibt die Frage, was man als einigermaßen lebensbejahender Konzertgänger von dem Auftritt des grimmigen Trios im Waschhaus Potsdam am Donnerstag hat. Die Nerven sind eine der besten deutschsprachigen Live-Bands. Der Verband unabhängiger Musikunternehmen ehrte sie 2015 mit  dem Indie-Award als „bester Act“. Auf der Bühne verleihen die drei Jungs ihrer Wut eine musikalische Kraft, die in der vor lauter Silbermond- und Pur-Nachahmern narkotisierten deutschen Pop-Szene auszusterben drohte. Lieber ein ordentlicher Tritt in die Magengrube als Händchenhalten ohne Aussicht, bei dem Mädchen wirklich landen zu können.

Sänger und Gitarrist Max Rieger, Julian Knoth (Gesang, Bass) und Kevin Kuhn (Schlagzeug) geben sich keinen Illusionen hin, weder träumen noch jammern sie. Im Mutterland des folgenlosen Motzens sind die Nerven eine wohltuende Ausnahme. Ihr basslastiger Krach ist eher Punk als Grunge, er kommt ohne Mitleid aus. Während andere über die teuren Mieten jammern, reißen die Nerven das Häusle nieder bevor es fertiggebaut ist.


Info: Die Nerven spielen zusammen mit der Hamburger Indieband Herrenmagazin am heutigen Donnerstag ab 20 Uhr im Waschhaus Potsdam. Karten kosten 19 Euro an der Abendkasse.

Von Maurice Wojach

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