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Kultur Wolf Biermann erklärt seinen Bundestags-Eklat
Nachrichten Kultur Wolf Biermann erklärt seinen Bundestags-Eklat
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00:16 02.06.2015
Wolf Biermann am Mittwoch vor dem Literaturbüro in Potsdam. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Wolf Biermann kommt ohne Gitarre, doch er kommt nicht ohne dieses Kichern, das er in seinen Spott streut – er kichert, um die Wucht seiner Polemik zu entschärfen. Vielleicht will er die Wucht auch gar nicht mildern, und dieses Kichern ist ein Amüsieren über seine eigenen Sätze, die ihn mitunter selber überraschen. Er spricht und lacht, als folge er den Eingebungen, von denen er nicht weiß, woher sie stammen.

Biermann trat am Mittwochabend in der Villa Quandt auf, gelegen am Potsdamer Neuen Garten, das Brandenburger Literaturbüro hatte ihn eingeladen. Er saß in Lederjacke auf dem Podium, helle Hose, die braunen Schuhe wahllos aus dem Schrank gegriffen, die Aufmachung wirkte bei Biermann immer schon beliebig – ein besonnener älterer Herr als Gast in Potsdam, leise lächelte er in den grauen Walrossbart. So lange er das Schweigen wahrt, schätzt man ihn ein als milden Ruheständler, nichts lässt vermuten, dass dieser Mann vor einem halben Jahr im Bundestag den „Linken“ die Leviten las, dass er ein ganzes Land polarisiert mit diesem Auftritt, als er vom „elenden Rest“ und von der „Drachenbrut“ gesprochen hat.

Wenn er redet, ändert er die Farbe, als rutsche er in einen fremden Aggregatzustand. Dann funkelt er, wird Menschenfänger, Entertainer, Prediger, er wirft sein Lasso, und er trifft. Im Grunde war er eingeladen, um neben Uwe Lehmann-Brauns, einem Freund, Anwalt und CDU-Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, dessen Sammelband „Wer ist Berlin?“ vorzustellen, in dem diverse Denker übers Temperament der Stadt sinnieren. Für Biermann ist Berlin als Thema nicht genug. Er weitet schnell den Radius, und Lehmann-Brauns, ein Zehlendorfer mit der Anmutung des feinen Kaufmanns, schrumpft zum Stichwortgeber. Wer neben Biermann sitzt, der muss bereit sein für die Dienste eines Wasserträgers. Man besteht nicht neben ihm, neben der Rhetorik, die für Sekunden immer mal ins Rigorose kippt.

Er möchte jetzt erzählen, wie das war im Bundestag, als er zur Feierstunde der Einheit mit den „Linken“ zusammenstieß. „War nicht geplant“,sagt er, schaut treu wie ein Lamm. „Der Biermann singt sein Lied ,Ermutigung’, die ,Linke’ ärgert sich, das hätte mir als Spaß ja schon gereicht“, sagt Biermann, der von sich selber als historischer Figur spricht. „Doch dann gehe ich ans Mikrofon und sehe die Fressen der ,Linken’. Ich sehe Gysi, der für mich ein Spitzel ist, und ich sehe Diether Dehm.“ Biermann holt aus. Als er 1976 von der DDR-Führung nach dem Kölner Konzert ausgebürgert wurde, kam er unter bei Günter Wallraff, der sagte ihm: Du musst im Westen jetzt Geld verdienen! „So wurde ich ein Mietkünstler“, erinnert sich Biermann, „Wallraff sagte mir, du brauchst jetzt einen Manager. Er empfahl mir diesen Diether Dehm. Heute sehe ich, auch er war ein Spitzel, IM Willy, weil er Willy Brandt so liebte.“ Und als er diesen Dehm im Bundestag gesehen habe, konnte er nicht an sich halten. „Da habe ich losgepoltert.“

Diese „Ermutigung“, eine heimliche Nationalhymne der DDR, singt Biermann in Potsdam letztlich ohne die Gitarre, nur seine Stimme, kampferprobt und dennoch zart. Ich habe das Lied für meinen Freund Peter Huchel geschrieben, weil es mich bedrückte, dass er so bedrückt war. „Du, lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit“, geht eine Zeile. Biermann schrieb das Stück 1968, „die Gefangenen haben es in den Zellen gesungen, aus Hunger nach Seele“, sagt er. „Es nimmt den Schmerz ernst, es behauptet nicht: Alles halb so schlimm! Darum ist es so erfolgreich“, glaubt Biermann. „Huchel, der in Wilhelmshorst gelebt hat, war ein feiner Geist, nicht so ein Banause wie ich“, sagt Biermann. Kein Kichern. Er meint es ernst.

Von Lars Grote

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