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Wolf Biermann möchte kein Gottsucher werden

Interview mit Liedermacher Wolf Biermann möchte kein Gottsucher werden

Gleich zwei Anlässe sprechen dafür, sich am 16. November 2016 mit Wolf Biermann zu beschäftigen: sein 80. Geburtstag und der 40. Jahrestag seiner Ausbürgerung 1976 aus der DDR. Im Gespräch mit MAZ-Redakteur Karim Saab äußert sich der Liedermacher über sein dialektisches Weltbild, sein Verhältnis zu Gott und die Frage, was ein gutes Gedicht ausmacht.

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Wolf Biermann mischte mit seinem Zeigefinger immer wieder die deutsche Gegenwart auf.

Quelle: epd

Hamburg. MAZ-Redakteur Karim Saab besuchte den Liedermacher Wolf Biermann in Hamburg und sprach mit ihm über Gott, das dialektisches Weltbild und gute Gedichte.

Herr Biermann, Sie sind einer der letzten Dialektiker. Ihre Spezialität sind Wendungen wie „mit der Wahrheit lügen“ oder „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“. Ist diese Methode des Zusammenführens von Gegensätzen nicht an das kommunistische Weltbild gebunden, von dem Sie sich doch gründlich verabschiedet haben?

Wolf Biermann: Das dialektische Denken gab es schon in der griechischen Philosophie, nämlich die Fähigkeit, den Widerspruch in den Dingen zu erkennen, und zu begreifen, dass dieser Widerspruch keine Sinnestäuschung ist, sondern eine immanente Tatsache. Das ist alt wie die Menschheit.

Aber haben in der DDR so genannte Gesellschaftswissenschaftler das dialektische Prinzip nicht oft wie eine Nebelmaschine eingesetzt?

Biermann: Richtig. Das ist auch der Grund, warum das Wort der Dialektik mit Vorsicht zu genießen ist! Von den Plattköpfen wird es gerne als eine Herausredekunst benutzt. Grobianisch gesagt: Die können aus Scheiße Frikadellen machen und alles so hindrehen, dass die Dialektik nur eine schäbige Chimäre ist.

Einige Autoren schreiben auch heute gern Sätze wie „Er ist schwach und dennoch stark.“ Warum wirkt das schnell wie Gelaber?

Biermann: Es ist so leicht, ungebildeten Leuten eine Tiefe vorzugaukeln, indem man widersprüchliche Dinge über eine Sache sagt, die in der Wirklichkeit keine Entsprechung haben. Dahinter steckt weder Beobachtungsschärfe noch Gedankenarbeit. Die Leute haben allen Grund, vorsichtig zu sein, wenn jemand dialektisch daherkommt.

Dialektiker sind Sie also geblieben, aber ging mit Ihrer Abkehr vom Kommunismus nicht der Rabauke Biermann verloren, der Bürgerschreck, der Sie einmal waren? Spottlieder wie „Sindermann, Du blinder Mann“ haben sie jedenfalls nicht mehr angestimmt.

Biermann: Ich war nie ein „Bürgerschreck“. Meine Verse kamen aus der ganzen Kühnheit und aus dem ganzen Hochmut des rechtmäßigen Erben. Meine Eltern waren kommunistische Widerstandskämpfer, ich übte die immanente Kritik. Ich kritisierte die Herrschenden auf Augenhöhe. Die Kinder der Nazis trauten sich nicht gegen die Bonzen der DDR solche Töne zu spucken. Sie schämten sich für ihre Eltern. Ein Volker Braun oder ein Heiner Müller waren nicht dümmer als ich. Sie sahen dasselbe wie ich. Wir lagen sehr nahe beieinander, in dem, was wir rausgekriegt haben und in dem, was wir hofften und wollten.

Sie sagen in Ihrer Autobiografie deutlich, dass Ihnen auch einige Gedichte peinlich sind. Wann ist ein Gedicht gut?

Biermann: Nehmen wir einmal „Du lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit…“ „Die Ermutigung“ war das Lieblingslied der Häftlinge in den Gefängnissen der DDR. Viele, die es sich in die Seele sangen, um sich zu trösten, wussten gar nicht, dass ich es geschrieben habe. Das ist ja nicht das Schlechteste, was mit einem Lied passieren kann. Es fliegt wie ein Vöglein durch die Gitterstäbe und zwitschert.

Was für ein Leben!

1936 wurde Wolf Biermann in Hamburg geboren. Seine Eltern waren kommunistische Arbeiter. 1943 überlebte er die Bombardierung Hamburgs. Im gleichen Jahr wurde sein Vater in Auschwitz ermordet.

1953 übersiedelte der 16-Jährige in die DDR in das Schulinternat Gadebusch bei Schwerin. Er studierte Politische Ökonomie, später Philosophie und Mathematik an der Humboldt-Universität Berlin.

In seiner Autobiografie „Warte nicht auf bessere Zeiten!“ schildert Biermann sein Verhältnis zu wichtigen Intellektuellen wie Bertolt Brecht, Hanns Eisler, Stefan Hermlin, Christa Wolf, Robert Havemann, Manfred Krug, Max Frisch, Wolfgang Neuss, Arthur Koestler.

1965 verhängte die SED über ihn ein totales Auftritts- und Publikationsverbot. Heimlich nahm er in seiner Wohnung das Album „Chausseestraße 131“ auf.

1976 erteilten die DDR-Behörden dem linken Liedermacher eine Reisegenehmigung zu einem Konzert der IG Metall am 13. November in Köln. An Biermanns 40. Geburtstag, dem 16. November, wurde er von der DDR-Regierung in einem Willkürakt ausgebürgert.

Dagegen setzte in der DDR eine beispiellose Solidaritätsbewegung ein. Viele namhafte Künstler unterschrieben eine Petition und verließen die DDR.

1983 verabschiedete sich Wolf Biermann von der Idee des Kommunismus.

Weil es so volksliedhaft einfach ist?

Biermann: Neulich stand ich mal wieder am Grab von Johannes R. Becher, zehn Meter rechts von Brecht. Auf Bechers Grabstein ist eines seiner schlechtesten Gedichte in Stein verfestigt. „Vollendung träumend, / Hab ich mich vollendet, / Wenn auch mein Werk / Nicht als vollendet endet. / Denn das war meines Werkes heilige Sendung: / Dienst an der Menschheit“ / künftiger Vollendung“. Aus Gemeinheit zitiere ich jetzt auch noch aus den Tagebüchern von Becher: „Ich möchte dermaleinst als namenloses Lied ins Volk eingehen.“ Als ich das las, habe ich böse gekichert und gedacht: Tja, Du Canaille, es ist eben nicht jedem gegeben! - Gut, die Frage ist: Warum gelingt so einem Biermann, der auch nur mit Wasser kochen kann, der auch nicht klüger ist als manch anderer Dichter, warum gelingt dem das Lied, „Du lass Dich nicht verhärten in dieser harten Zeit…“ Warum hat dieses Lied so eine Zauberkraft, die sich von meiner Person völlig abhebt? Was steckt dahinter?

Nun, sagen Sie’s!

Biermann: Etwas, was ich nie und nimmer mit Verstand gemacht habe. Im Grunde habe ich nur wie ein naives Kind gespielt und habe einfach eine Wortspielerei gemacht: „Du lass Dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit.“ Erst im Nachhinein ging mir das Licht auf, weil ich erstaunt war, wie stark das Lied die Menschen bewegt, und die Bewegung der Menschen wiederum bewegt mich. Ich durchschaute, dass dieses kleine harmlose Wortspiel ein Zugeständnis beinhaltet, nämlich eine Anerkennung: Du musst ja verhärten, weil die Zeiten so hart sind. Aber bitte, verhärte trotzdem nicht! Und diese Haltung ist eine grundsätzlich andere als die Nullachtfünfzehn-Tröstungen, die die Menschen auf Lager haben, à la „Das wird schon wieder, bis zur Hochzeit ist alles gut, es gibt Schlimmeres…“. Ein ganzer Sack voll schwachsinniger Tröstungen, die einem wirklich verzweifelten Menschen überhaupt nicht helfen, im Gegenteil, die ihn nur noch wütender und trauriger macht, weil ihm der reale Grund für sein Leid kleingeredet wird.

Sie versuchen selbst, sich Ihr Talent zu erklären. Schlüsselmoment war offenbar die Bombennacht in Hamburg vom 27. auf den 28. Juli 1943. Ihre Lebensuhr sei „stehen geblieben im Feuergebläse dieser einen Nacht“. Und sie sagen über sich als 80-Jähriger, sie seien ein „grau gewordenes Kind, das immer noch staunt“. Andere verhärten nach traumatischen Erfahrungen. Warum Sie nicht?

Biermann: Das ist auch wieder Dialektik. Es gibt die Redensart „Gebranntes Kind scheut das Feuer.“ Aber das gibt’s auch entgegengesetzt. In der „Ballade über die Elbe bei Hamburg“, in der ich diese Bombennacht beschreibe, steht „Durch allen Wandel bin und bleib ich auch mit weißem Bart / Gebranntes Kind, das neugierselig nach dem Feuer sucht“. Genau umgekehrt. Geradezu gefährlich…

… die Gefahr suchend. Aber bei Ihnen ist diese Naivität noch gepaart mit einer Weisheit. Schließt sich das nicht eigentlich aus?

Biermann: Da kann ich nur mit Hegel antworten: „Alle Menschen haben Genie.“ Im 19. Jahrhundert war es Mode, dass jeder Philosoph eine eigene Theorie zu der Frage hatte: Was ist Genie? Und der Hegel foppte sie alle und demokratisierte diesen elitären Genie-Begriff und zog ihn so tief runter, dass man schon wieder einen Schreck kriegt. Hegel sagte, wenn die Menschen kein Genie hätten, könnten sie auch die Schönheit eines Gedichtes nicht genießen. Das heißt, das Genie ist nur in verschiedenem Grade verwirklicht. Ich habe immer zwei Augen gehabt, ein Auge ist sechseinhalb, so alt war ich in der Hamburger Bombennacht. Das andere ist 120. Das sagen die Juden immer: „120 sollste werden“. Wissen Sie warum?

Nein.

Biermann: Weil Gott sich wieder mal geärgert hatte über die Menschen. Daraufhin hat Gott mehrere Strafen ausgesprochen, Babylon, Unkraut usw. Und eine Strafe war, dass die Menschen nicht mehr so alt werden durften wie Methusalem, 800 Jahre, sondern nur noch 120 und dann ist Schluss. Das ist der Grund, warum die Juden zum Geburtstag diese Floskel verwenden. Wenn mir das einer sagt, kriege ich immer einen Schreck und halte den Mund. Im Grunde ist das ja eine Drohung, 120 zu werden. Bloß nicht!

Sie wollen keine „eckigen Runden“ mehr drehen?

Biermann: Doch, mach ich ja – noch funktioniert ja alles einigermaßen. Und übrigens unter diesem Titel „...paar eckige Runden drehn!“, bringen wir im November eine CD heraus, meine Frau Pamela und ich interpretieren meine Lieder zusammen mit den Freejazzern vom ZentralQuartett.

Wie ist es Ihnen gelungen, trotz der Herausforderungen durch die Diktatur und durch den Alltag nie den Anspruch aus den Augen zu verlieren, etwas Gültiges zu schaffen, etwas, das bleibt?

Biermann: Nein, nein! Das habe ich nie gewollt! So blöd kann ich doch nicht sein. Ich wollte etwas schreiben, dass im Sinne der unverschämten Bescheidenheit von Brecht, brauchbar ist, und nicht ewig! Das ist auch der kleine Unterschied zwischen Johannes R. Becher und mir. Wer für die Ewigkeit schreibt, ist ein Idiot.

Deshalb fällt es Ihnen auch leicht, sich von dem ein oder anderen eigenen Gedicht mit harten Worten wie „Agitprop-Schrott“ zu distanzieren?

Biermann: Es gibt Leute, die mehr von Dichtung verstehen als ich. Und die sagen, jeder große Dichter schreibt im Grunde genommen nur drei bis vier wirklich bedeutende Gedicht, die länger halten als man selber.


Ihr neuer Auswahlband enthält 120 Gedichte.

Biermann: Das ist eine bescheidene Zahl, gemessen an dem, was ich in die Welt gedichtet habe. Aber ich will Leute wie Sie nicht behelligen mit dem gesamten Zeug. Ich will, dass jemand, der meine Memoiren liest, wenigstens diese 120 Gedichte zur Hand hat, die in diesem Zusammenhang von Interesse sind. Weil in ihnen meine interessanten Brüche deutlich werden. Im wirklichen Leben verschwiemelt sich alles, aber in einem guten Gedicht ist es fixiert wie ein Schmetterling auf der Nadel.

Eine Schlüsselerkenntnis in Ihrem Buch ist der Satz: „Man geht im Streit der Welt nicht nur an den Schlägen kaputt, die man einsteckt, sondern mehr noch an den Schlägen, die man leider nicht austeilt“.

Biermann: Diesen Gedanken habe ich auch schon mal lyrisch formuliert. In meinem neuen Gedicht, der „Bilanzballade im achtzigsten Jahr“, heißt es: „Sah manchen armen geprügelten Hund/ kaputt geschlagen, begraben,/ zu viele gingen an Schlägen zugrund,/ die sie leider nicht ausgeteilt haben“. Das stimmt natürlich. Ich bin deswegen nicht kaputt gegangen, weil ich mich gewehrt habe. In der Diktatur liegt der Unterschied in der Tonart, in der wir im Streit der Welt mitmischten. Wenn man erst anfängt in verschlüsselter Sklavensprache zu dichten, wie es mancher DDR-Dichter getan hat, statt Tacheles zu reden, dann sitzt man schon in der Falle: die Schere, die Zensur im eigenen Kopf.

In Ihrer Bilanz benennen Sie einige Irrtümer.

Biermann: Ich bin kein Richter. Aber ich habe den Ehrgeiz, das wenige, das ich rausgekriegt habe, so deutlich wie möglich zu sagen. Ich hatte immer eine tiefe Verachtung für die sogenannte Sklavensprache, in der die Leute ihre wirklichen Gedanken verstecken. Deshalb mag ich auch nicht das Lied: „Die Gedanken sind frei!“ Was nützten mir freie Gedanken, wenn ich nicht den Mumm habe sie auszusprechen!

Haben Sie manchmal Angst, mit der Zeit nicht mehr mitzukommen? Es gibt immer wieder neue angstbesetzte Themen. Digitalisierung, Einwanderung…

Biermann: Ich habe nicht die Spur von Angst, irgendwo nicht hinterher zukommen. Ich bin der erste Dichter in ganz Deutschland, der systematisch und von Anfang an, seit 1986 mit dem Computer geschrieben hat, ich schreibe mit dem Computer wie mit einem Bleistift. Und einige meiner Kinder sind große Computerfreaks. Meine 15-jährige Tochter weiß alles und ich weiß genug, um damit souverän umzugehen.

Erkennen Sie in Ihren Kindern den Zeitgeist und die vergangene Zeit wieder?

Biermann: Das weiß ich nicht. Wenn ich schlau bin, dann kann ich das so hindrehen. Ich sehe das viel niedriger. Ich hoffe, dass meine Tochter die Schule gut macht, dass sie in der Schule nicht so abstinkt wie ich damals hier in Hamburg. Ich erinnere mich daran, wie ich darunter gelitten habe, dass ich der schlechteste Schüler in der Klasse war. Ich habe mich gerade mit einem alten Klassenkameraden über das Thema unterhalten. Er kam aus dem reichsten Haus, ich aus dem ärmsten. Er war der längste, ich war der kleinste. Ich war der dümmste und er war nicht der schlauste.

Als junger Mann schockten Sie mit dem Gedicht „An die alten Genossen“. Könnte es nicht sein, dass Sie heute auch als alter Genosse gesehen werden?

Biermann: Ich kann gar nicht alt werden. Ich war immer schon ein Greis, war immer schon älter als alle Leute, wie gesagt, 120 und sechseinhalb. Die jungen Leute müssen sich heute von mir nicht abkehren, meine Lieder muss keiner hören. Das macht den großen Unterschied zu den Herrschenden damals, denen wir zuhören mussten.

Aber befürchten Sie nicht, sich zu wiederholen? Wir alle haben so unsere Wendungen, Floskeln, Stanzen.

Biermann: Sicher. Aber die Angst habe ich nicht. Übrigens: Man kann nur austeilen, was man hat.

Werden Sie, je näher Sie dem Tod kommen, Gott suchen und finden?

Biermann: Das ist eine Schablone in Ihrem Gehirn, die sich nicht einmal in meinem Hintern findet. Ich brauch keinen Gott, keinen jüdischen und keinen sonstigen. Das hab ich nicht nötig. Ich komme ganz gut ohne Gott durch die Welt. Ich bin der Wolf und nicht das Schaf.

Noch fühlen Sie sich stark und gesund.

Biermann: Ach was, ich werde nie zu Kreuze kriechen, niemals im Leben. Ich brauch das nicht, ich bin immer fromm genug gewesen. Ich musste lernen, zu respektieren, dass mein Sohn Felix zum Judentum konvertiert ist. Ich habe versucht, ihn davon abzuhalten, das ist mir leider nicht gelungen. Inzwischen sage ich: Gott sei Dank ist mir das nicht gelungen, weil er inzwischen ein für ihn besseres Leben lebt, als zuvor. Ihm gibt die Religion Struktur und das erkenne ich mit Freude. Aber ich? Besten Dank. Mein Glaube ist noch verrückter: Ich glaube an den Menschen. In der Autobiografie schildere ich einen Vorfall auf dem Evangelischen Kirchentag in Hannover 1983. Dort habe ich vor 40 000 Menschen etwas gesungen, womit ich mich nützlich und brauchbar machen wollte, nämlich die Zeilen: „Und meine ungläubigen Lippen beten/ voller Inbrunst zu Mensch / dem Gott all meiner Gläubigkeit“. Danach musste mich der Bischof vor dem Protestgeschrei einer Christin in Schutz nehmen.

Der „Kinderglaube Kommunismus“ hat Ihnen in der DDR sehr viel Kraft gegeben.

Biermann: Ja, das war mein Glück, dass ich so naiv war.

In der DDR gab es viele Menschen, die den Kommunismus mehr oder weniger offen ablehnten. In diesen Kreisen hat Sie Ihr Bekenntnis zum Kommunismus einige Sympathien gekostet.

Biermann: Die hatten ja recht und waren klüger als ich, weil sie dümmer waren als ich. Das ist mal wieder Dialektik in echt.

Warum waren die dümmer?

Biermann: Weil sie die kommunistische Utopie nicht wirklich kannten. Aber auf ihrem Lebensgebiet waren die gar nicht dumm!

Viele DDR-Bürger haben Jahrzehnte gebraucht, bis sie erkannten, dass sie in einer Diktatur leben. Dann kamen irgendwelche Jüngelchen aus dem Westen, guckten kurz von draußen drauf und sagte es ihnen auf den Kopf zu.

Biermann: Die Dummköpfe sind oft klüger, weil sie nicht alles erklären und verklären können. Man kann auch sagen, dass ist die billige Klugheit der später Gekommenen oder der, die auf der anderen Seite des Mondes leben.

Ihre Person kommt in vielen anderen Autobiografien vor. Welche Quittung von Zeitgenossen hat Sie erfreut oder geärgert?

Biermann: Die habe ich nie gelesen. Das interessiert mich null. Das einzige, was ich neulich mit großer Freude gelesen habe, weil‘s mir jemand geschickt hat, war ein Auszug aus Max Frischs Tagebüchern. Er hat mich 1973 besucht in Ostberlin, als ich verboten war. Dieser Frisch, obwohl er ein Schweizer ist, hat mich damals viel scharfsinniger durchschaut als ich mich selber. Er war ein Westler, also war er ostdumm, so wie die Ostler westdumm sind, aber er war ein kluger Mensch, er konnte gut beobachten.

Von Karim Saab

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