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Wüst und schamlos: Billers neuer Roman

Literatur Wüst und schamlos: Billers neuer Roman

Maxim Billers (55) opulenter Roman „Biografie“ ist auf dem besten Weg zum Bestseller: Der Meister der kleinen Form hat ein 896 Seiten starkes und sexuell aufgeladenes Werk vorgelegt, in dem er das Leben des Schriftstellers Solomon Karubiner beschreibt. Erfolgreich wird das Buch sein, aber ist es auch gut?

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Der Schriftsteller und Journalist Maxim Biller

Quelle: imago

Potsdam. Maxim Biller ist ein Meister der kleinen Form. Für seine Literaturkritiken, moralischen Geschichten, Polemiken ist er berühmt. Eine wichtige Kolumne hieß „Hundert Zeilen Hass“. Mit Intelligenz, Witz und Fleiß hat er sich eine bemerkenswerte Position im literarischen Leben erarbeitet.

Biller ist der einzige Kolumnist, der zur gleichen Zeit zwei der großen deutschen Feuilletons, das der „Zeit“ und das der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, regelmäßig mit Artikeln beliefert. Zudem ist er festes Mitglied des neuen „Literarischen Quartetts“ im ZDF. Die Fußstapfen von Marcel Reich-Ranicki haben sich nicht als zu groß erwiesen. Die „Welt“ schreibt: Er „disst Kollegen und Bücher so eiskalt, dass selbst Bushido neidisch würde“.

Nun hat Maxim Biller einen 896-Seiten-Roman geschrieben. Über acht Jahre. „Biografie“ ist, wie Biller verkündet, deutlich länger als die „Blechtrommel“ (immer noch das Maß für künstlerische Anstrengung und Erfolg in Deutschland). In „Biografie“ erzählt uns der jüdische Schriftsteller Solomon Karubiner sein Leben. Die zweite Hauptfigur ist Noah Forlani, ein sehr reicher jüdischer Erbe, den sein Geld bedrückt und der versucht, es mit Filmen und Weltverbesserungsprojekten un­ter die Leute zu bringen. Solomon und Noah sind seit ihrer Bar Mizwa in der Hamburger Synagoge beste Freunde. Der Roman führt uns von Hamburg nach Berlin, Los Angeles, Prag, in den Sudan, in israelische Orte und schließlich in die ukrainische Kleinstadt Buczacz, wo die Karubiners und Forlanis unter Naziterror und Judenverfolgung gelitten haben.

Um Solomon und Noah sind etwa 60 ernstzunehmende Nebenfiguren gruppiert: Schriftsteller und Intellektuelle, sowjetische Agenten und Gestapo-Mitarbeiter, israelische Elitesoldaten und Hollywood-Schauspieler, Juden und Antisemiten jeglicher   Nationalität.  In   schlaglichtartigen Szenen treiben Marcel Reich-Ranicki, George Constanza, eine Figur aus der US-­Serie „Seinfeld“, oder Heinrich Böll die Handlung voran. Biller schildert die Welt der in der Bundesrepublik erwachsen gewordenen Generation deutscher Juden, die heute in der ganzen Welt leben.

Die „Wiederkehr der jüdischen Literatur“


Maxim Biller (55) ist das Kind russisch- jüdischer Eltern. Er wurde in Prag geboren und emigrierte mit seinen Eltern und seiner Schwester als Zehnjähriger 1970 nach Westdeutschland. Er studierte Literatur sowie an der Deutschen Journalistenschule in München.


Sein erster Erzählband „Wenn ich einmal reich und tot bin“ wurde 1990 als „die Wiederkehr der jüdischen Literatur nach Deutschland“ gefeiert.


Aufsehen erregte Biller 2003 mit seinem Roman „Esra“, dessen Vertrieb bis heute wegen der Verletzung von Persönlichkeitsrechten untersagt wurde. In dem Text werden intime Details über die Figur „Esra“ geschildert. Dabei werden starke Übereinstimmungen zwischen Esra und Billers früherer Partnerin Ayse Romey erkennbar.

Das Buch ist wüst und schamlos, selbst für heutige Begriffe. Nun gehört ja einiges dazu, mit sexuell expliziter Sprache und erotischen Darstellungen noch Anstoß zu erregen. Aber Biller gelingt das spielend: „Lilly Schlechter, die rothaarige Tittenpferdkuh, hatte ihm schon letztes Jahr von ihrer irren Netzaffäre mit diesem jüdischen Schreiberling erzählt, der beim Cybersex ein Kondom aufsetzte. ,Wieso das denn, Lilly?’ Er meinte, er würde immer so viel und so weit spritzen, dass er seinen Mac vor seinen fruchtbaren, extrem ätzenden Premium-Spermien schützen müsste.“ Solche und ähnliche Sätze gibt es auf fast jeder Seite.

Vor diesem Hintergrund ist es wahrscheinlich, dass „Biografie“ ein erfolgreicher Skandalroman wird. Aber ist es auch ein guter? Biller ist ein schriftstellerischer Handwerker auf hohem Niveau, ein guter Beobachter mit Sinn für signifikante Details. Ein wichtiger Autor ist er, weil er den Raum der Literatur erweitert. Schranken erkennt er nicht an. Seine schnell geschnittenen Szenen sind oft überdreht, immer tabulos, manchmal aber auch sinnlos. Und zuweilen – aber seltener, als die Verlagswerbung verspricht – ist er komisch.

Andererseits ist „Biografie“ ein Werk, das vom Leser Geduld und Arbeit verlangt: Oft gibt es zu viele platte Pointen auf engem Raum, einiges wiederholt sich, etwa Motive und Beleidigungen bei der breit ausgewalzten Erpressung von Solomon wegen sexueller Belästigung in einer Hamburger Sauna. Wahrscheinlich wäre „Biografie“ schlicht ein besseres Werk, wenn der Autor oder ein Lektor es kühn gekürzt hätte – zum Beispiel auf die Länge der „Blechtrommel“.

Maxim Biller: Biografie, Kiepenheuer & Witsch, 896 Seiten, 29,99 Euro

Von Christian Schwandt

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